Kommen wir mal zu einem relativ unbekannten Film, der an den meisten scheinbar spurlos vorbeigegangen ist. Denn wenn nach neun Jahren erst 350 Bewertungen zu diesem Film vorliegen, kann ich mir das nur mit zwei Dingen begründen: 1. Dass dieser Film aus Schweden stammt und dies nicht unbedingt als Land der Filme bekannt ist. Oder, was wahrscheinlicher ist, Nummer 2: Der Film heißt schlicht und einfach "Evil". Wenn ich überlege, dass es schon zwei Filme gibt, die "Evil" heißen oder sehe, in wie vielen Filmen dieses Wort vorkommt, kann dieser Film durch das persönliche Suchraster fallen und somit verpasst man meiner Meinung nach ein ganz intensives Drama, das für mich in der Elite-Liga mitspielt. Ein Film, den ich mir immer wieder ansehen kann.
Doch worum geht es in "Evil" (der Originaltitel lautet "Ondskan")? Um Zombies, Aliens oder einen irren Serienkiller, der in einem schlechten C-Movie sein Unwesen treibt?
Nein, ganz falsch, es geht um den rebellischen Schüler Erik Ponti (Andreas Wilson), der zuhause von seinem Stiefvater (Johan Rabaeus) nach jedem Abendessen mit ins Nebenzimmer muss und sich wegen Lappalien eine Tracht Prügel mit dem Gürtel abholen muss, während seine Mutter (Marie Richardson) in dieser Zeit Klavier spielt und ihre Hilflosigkeit mit der Musik verarbeitet.
Diesen Druck, den Erik zuhause erhält, lässt er in der Schule an seinen Mitschülern raus und verprügelt sie, bis sie nicht mehr aufstehen. Da dies schon öfters geschehen ist, wird er von der Schule verwiesen. Seine einzige Möglichkeit das Abitur erfolgreich abzuschließen liegt in dem privaten Elite-Internat Stjärnsberg, wo er seine letzte Chance erhält. Doch was Erik von seinem Stiefvater zuhause erhalten hat, gehört im Internat an die Tagesordnung: Die Schüler aus den Oberklassen üben eine Hierarchie aus Demütigung und Gewalt gegenüber den neuen Schülern aus, während sich die Lehrer aus diesen Konflikten gänzlich raushalten. Erik ist sich seiner eigenen Lage bewusst, dass er nirgendwo anecken und vorallem keinen mehr schlagen darf, doch wie lange lässt der Rebell dieses System über sich ergehen?
Man musst anfangs vielleicht erwähnen, dass sich die Geschichte in den Fünfzigern abspielt, in denen die Uhren noch etwas anders tickten. Prügel der Eltern oder Lehrer waren eine "Erziehungsmethode", die zwar nicht gerne gesehen aber toleriert wurde (Man kann das Thema und auch die Art auch auf unsere Zeit frequentieren, denn Gewalt in Familie und der Schule ist allgegenwärtig). Dennoch steht die Prügel, die Erik von seinem Stiefvater bekommt, in keiner Relation mit den Taten, die Erik begangen hat. Da reicht es schon, wenn er die Gabel aus Versehen auf den Boden fallen lässt, um mal wieder ausgepeitscht zu werden. Es wird im Film (das Buch habe ich nicht gelesen) zwar nicht erwähnt, aber mir kam es so vor, dass der Stiefvater, Kellner von Beruf (und somit auch in der Gastronomie eben nur "Fußvolk"), seinen Alltagsstress auf der Arbeit mit nach Hause nimmt und ihn an Erik verarbeitet.
Bei Erik wusste ich anfangs nicht, wo ich ihn einordnen könnte, ist er wirklich "evil"? Aber im weiteren Verlauf bekommen wir mit, dass Erik ein toller Schwimmer und ein guter Schüler ist, der privat einen Weg zwischen Pazifismus und Gewalt sucht und die richtige Moral dazu erst im Internat erlernt.
Zugegeben, am Anfang wirkt es etwas platt und klischeehaft, dass der plötzlich sinngewandelte Erik auf dem Internat keine Schlägereien mehr hat, aber ich verbuche das als Filmstraffung ab, da ich davon ausgehe, dass es im Roman ausführlicher beschrieben wird. Dennoch kann ich über diesen Punkt auch so hinweg sehen, denn was danach folgt, macht diesen kleinen Anfangsfehler vergessen.
Im Internat wird er von dem Primaner Otto Silverhielm (Gustaf Skarsgard) empfangen, der im Olymp wohnt und in der Hierarchie ganz oben steht, der ihm das Internat zeigt und ihm erklärt, dass Kameradschaftsgeists ganz groß geschrieben wird. An dieser Stelle merkt man schon die Arroganz und die Hochnäsigkeit von Silverhielm an, weiß jedoch nicht mal im Ansatz, was wirklich auf diesem Internat noch passieren wird.
Erik bekommt als Zimmergenossen den überdurschnittlich begabten Pierre Tanguy (Henrik Lundström), der es trotz seiner Begabung selbst bei den Lehrern schwer hat, da er etwas Übergewicht hat und eine Brille trägt. Dies bekommen wir auch in einer Szene zu sehen, dass an der Schule "Nationalsozialismus" großgeschrieben wird und auch noch Altnazis als anerkannte Lehrer arbeiten. Außer dem Sportlehrer, der von der obersten Klasse nicht anerkannt wird, da er gerüchtezufolgen "Demokrat" sei, und dem Biologielehrer, der einfach nur das beste aus all seinen Schülern rausholen will, wird nicht weiter auf die Lehrer eingegangen. Man kann aber sagen, dass es durch die Bank alles Pfeifen sind und ich habe mich öfters gefragt, wie dieses Internat als Elite-Internat angesehen werden kann, wenn solche Lehrer (zumindest in den Schulräumen) das Sagen haben.
Doch auf diese Schüler/Lehrer-Sache konzentriert sich "Evil" weniger. Es geht um den Konflikt zwischen den Schülern, prangert deutlich in vielen Szenen an, wie schlimm Machtmissbrauch und falsche Erziehungsmethoden sein können.
Als spannend würde ich diesen Film nicht unbedingt bezeichnen, jedoch gibt er dem Zuschauer eine solch intensive und beklemmende Erfahrung mit auf den Weg, dass das Gesehene einen ohnmächtig vor Aggression oder Zorn machen kann. Und ich gehe auch noch einen Schritt weiter: Dieser Film dürfte individuell auf den Zuschauer wirken. Wie man den Film spürt, hängt wohl auch etwas vom eigenen Status ab, ob man ein kleiner Arbeiter oder Chef ist und wie man moralisch selber gepolt ist. Das dürften zwei wichtige Faktoren sein, dass man den Film noch einen Tacken intensiver verfolgt.
Die Konflikte nehmen im weiteren Filmverlauf zu, da in Erik immer noch ein kleiner Rebell steckt, dem die ersten Strafen wie z.B. Stubenarrest am Wochenende am Arsch vorbeigehen ("Hallo Papa, hier bin ich wieder, Du kannst schon mal den Gürtel holen") und die Primaner ihre Macht immer weiter ausweiten, bis sie die Strategie wechseln und bei Erik einen Punkt finden, bei dem er wirklich verwundbar ist. Doch bis dahin ist es noch weit und wir dürfen Szenen beiwohnen, die ansich in anderen Filmen harmlos erscheinen dürften, hier aber eine unglaubliche Brutalität ausstrahlen. Am Ende hin steuert dieser Film natürlich auf eine Tragödie zu, die jedoch, falls Interesse besteht, man lieber selber sichten soll.
Also wenn es einen Film gibt, der den Namen "Evil" in seinem Titel verbirgt, ist dieser Beitrag aus Schweden mit Abstand der Beste. Ein unglaublich intensives Drama, das einen verstört, wütend macht, das an die Menschenwürde appeliert und vielleicht auch wie mich, naja, sagen wir mal "kleine" Parallelen zu seinem eigenen (Arbeits-)leben sehen kann. Es wird auch ganz deutlich, dass ein einzelner Mensch nicht von Grund auf Böse ist, sondern das System bzw. Umfeld ist, in dem er sich befindet ihn böse handeln lässt.
Im Großen und Ganzen gibt es nur einen negativen Punkt an diesem Film und das ist der deutsche Alternativtitel, der mit Sicherheit viele Zuschauer abschreckte.
Ich verneige mich vor allen Personen, die an diesem Film beteiligt waren.
10/10