Review

Es müssen nicht immer diese abendfüllenden, ellenlangen Filme sein, die einen mitreißen, berühren und begeistern. Nicht dass ich gegen solch Filme etwas hätte. Doch "Was sie nie erzählte" belehrt jeden, der denkt, Qualität besitzt nur das, was auch quantitativ weit vorne anzusiedeln ist. Denn bei diesem holländischen Filmchen, der gerade einmal 65 Minuten lang ist, werden Gefühle freigesetzt, die zumindest jeden Hollywood-Streifen des gleichen Genres völlig alt aussehen lässt.

Es ist die Geschichte von Zelda und Wander. Sie besuchen beide ein Internat, verlieben sich ineinander und verbringen nun auch jede ihnen mögliche Sekunde miteinander. Bis etwas Seltsames geschieht und Zelda samt Eltern spurlos verschwindet. 20 Jahre müssen vergehen, bis Wander wieder ein Lebenszeichen von Zelda bekommt. In einer bekannten TV-Talkshow tritt sie zusammen mit ihrem Vater auf. Und macht ein erschütterndes Geheimnis publik.

Schon die Erzählweise macht einen großen Teil der Qualität dieses Films aus. Wander, mittlerweile Binnenschiffmaschinist, sieht während seiner Arbeit zufälligerweise eine Talkshow im Fernsehen. Und erkennt Zelda wieder. Diese erzählt von ihrer Kindheit, woraufhin Regisseur Maarten Treurniet die Szenen zwischen TV-Show und der gemeinsamen Vergangenheit von Zelda und Wander hin- und herspringen lässt. Bis man sich nur noch auf das konzentriert, was vor 20 Jahren geschehen ist. Wander besucht ungern das Internat, bis eines Tages Zelda mit ihrer Familie in die Nähe des Internats zieht. Die 14-jährige Zelda, die einen eher unantastbaren ersten Eindruck vermittelt, tut es Wander immer mehr an und sie verlieben sich auch bald. Zelda ist reifer als andere Mädchen in ihrem Alter und sie versucht, jede ihr möglche Sekunde mit Wander zu verbringen. Doch diese Möglichkeiten sind begrenzt, darf Zelda nur aus dem Haus, wenn auch ihre Mutter daheim ist. Ansonten muss sie zu Hause bleiben, damit ihr Vater nicht so allein ist. So erzählt sie es zumindest. Auch besuchen darf Wander seine Freundin nicht. Können sie sich jedoch mal treffen, verstehen sie sich blendend, sie ergänzen einander und verbringen einen schönen Sommer.

Die Schauspielleistungen müssen an dieser Stelle schlichtweg als phänomenal bezeichnet werden. Sowohl Damien Hope, der den schüchternen Wander verkörpert, als auch Isabel Erisman spielen grandios, wobei man auch anmerken muss, dass es sich bei Letzterer um deren Spielfilmdebüt handelt. Man kauft ihnen jede Regung bis ins kleinste Detail an. Sie mögen einander, sie verbringen Zeit miteinander. Es ist keine normale Freundschaft, sondern eine besondere. Das wird mit schönen Bildern erzählt, die die wunderbaren Momente, die die beiden miteinander erleben, perfekt begleiten. Es ist einfach schön, mit anzusehen, was diese Beiden füreinander empfinden. Für Wander bricht eine Welt zusammen, als Zelda wie vom Erdboden verschluckt ist. Und diese lässt sich vorher auch noch mit einem Ekel aus dem Internat ein, nur um die Karten für ein Konzert zu finanzieren, das sie mit Wander besuchen möchte.

Als dann gegen Ende Wander diese SOS-Zeichen wahrnimmt, die er Zelda im Verlauf des Films beigebracht hat, begibt er sich zu dem Haus ihrer Familie. Das Szenario, das er da vorfindet, wird er in diesem Moment vielleicht nicht ganz verstehen bzw. richtig interpretieren können. Aber wer würde in so einer Situation auch schon das Schlimmste denken. Doch man merkt, wie Wander an dem zweifelt, was ihm von Zeldas Vater vorgegaukelt wird, was dann von ihr selber auch noch mehr oder weniger bestätigt wird. Doch der Zuschauer merkt, was sich da wohl abgespielt hat. Man kann sich zwar nicht sicher sein, doch man hat eben so seine Gedanken.

Das wars dann mit den Rückblenden. Wander in der Gegenwart ist wieder zu sehen. Wie er weiterhin der Talkshow lauscht. Nun wird Zeldas Vater auf die Bühne gerufen. Er lächelt. Zelda ist von ihren Gefühlen überwältigt. Sie umarmen sich. Und Zelda beginnt zu erzählen, wie liebevoll sich ihr Vater immer um sie gekümmert hat. Doch dann...

Es ist wie gesagt dem Zuschauer wohl ganz klar, was sich in dieser letzten gemeinsamen Nacht von Zelda und Wander abgespielt hat. Und wieso Zelda zu Hause bleiben musste, wenn die Mutter mal nicht daheim gewesen sein sollte. Doch dann der Schlag in die Magengrube. Da ist dieser eine Moment, der einen eine Gänsehaut auf den Körper zaubert. Dieser eine Moment, in der Zelda etwas von sich gibt, das der Zuschauer zwar eigentlich schon genau weiß. Doch was macht diesen einen Moment so besonders ? Weil es Zelda in der absoluten Öffentlichkeit von sich gibt ? Weil dieses publike Mitteilen ihres Geheimnisses sie gleichermaßen aufs Neue schockiert und doch erleichtert ? Weil sie ihrem Vater in diesem einen Moment zurückzahlen kann, was er ihr jahrelang angetan hat ?

Es ist auch die Art und Weise, wie sie es sagt. Dieser Moment, eigentlich nur ein paar Sekunden lang, stürzt einen in so viele Gedanken, wie man es kaum erwartet hätte zuvor. Sie weint, sie erzählt, wie ihr Vater ihr immer Geschichten vorgelesen hat, bevor sie ins Bett musste. Oder wie sie sich versteckt, er sie jedoch immer wieder gefunden hat. Wie er auf ihrer Bettkante gesessen war. Hier vergisst man wieder all das, was man sich aufgrund dieser letzten Nacht, die Zelda und Wander miteinander verbracht haben, in seinem Kopf ausgemalt hatte. War wohl doch alles nicht annähernd so schlimm, wie man es sich vor kurzem noch dachte. Denn die erwachsene Zelda macht den Eindruck, sich zu freuen, ihren Vater wiederzusehen und daran zu denken, wie lieb er doch war. Doch dann gibt es eben diesen Moment. Der einen überwältigt und Parallelen zu Thomas Vinterbergs Meisterwerk "Das Fest" schließen lassen. Eine Offenbarung, ein Geständnis, ein in der absoluten Öffentlichkeit an den Pranger stellen. Ohne Gnade. Die Karten auf den Tisch.

"Was sie nie erzählte" ist teilweise unglaublich sympathisch und wunderschön, wenn man sieht, wie sich Wander an all die Details aus seiner Kindheit, aus diesem Sommer mit Zelda, erinnern kann. Doch da ist auch das Ende, das schockierend, aufwühlend und erlösend zugleich ist. Der Film lässt den Zuschauer mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zurück. Erholt hat man sich mit dem Einsetzen des Abspanns sicher noch nicht.

9/10 Punkte

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