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Italien 1958 - das Betreiben von Bordellen, dass erst kurz nach dem zweiten Weltkrieg legalisiert wurde, wird von der italienischen Regierung wieder verboten. Kleine männliche Prozessionen streifen durch die Strassen, trauern und legen Kränze vor die Türen der Etablissements, aber auch für die Frauen heißt es Abschied zu nehmen. Adua (Simone Signoret), die schon viele Jahre als Prostituierte arbeitet, will mit ihren drei jüngeren Kolleginnen Marilina (Emanuelle Riva), Lolita (Sandra Milo) und Catarina, genannt Milly (Gina Rovere) ein Restaurant aufmachen, denn die einzige Alternative hieße sonst auf den Straßenstrich zu gehen, die bis heute legale Form des Anschaffens in Italien.

Antonio Pietrangeli hatte seit den frühen 40er Jahren bei "Ossessione" und "La terra trema" gemeinsam mit Luchino Visconti gearbeitet und galt als profunder Kenner des italienischen Neorealismus. Er selbst hatte sich als Regisseur in den 50er Jahren vor allem mit Komödien einen Namen gemacht, bei denen er seine Zusammenarbeit mit Ettore Scola, der erst Mitte der 60er Jahre seine eigenen Filme drehte, und Ruggero Maccari bei der Erstellung der Drehbücher intensivierte. "Adua und ihre Gefährtinnen" ist ein erster Höhepunkt ihres gemeinsamen Stils, der seine Realität in eine äußere Leichtigkeit packt, ohne die tatsächlichen Zustände zu beschönigen. Der Unterhaltungswert des Films entsteht dabei nicht aus den äußeren Ereignissen, die im Gegenteil von logischer Konsequenz sind, sondern aus den handelnden Personen, die von Pietrangeli in ihrer Charakterisierung ernst genommen werden.

Das beginnt bei den vier Protagonistinnen, deren Darstellung weder pittoresk noch moralisch verlogen ist. Selbst Billy Wilder hatte in seinem parallel entstandenen Film "Irma la douce" die weibliche Hauptfigur moralisch erhöht, indem er sie nur noch einem Freier andiente, der zudem noch ihr Liebhaber wurde. Dagegen ist das Bewusstsein der vier charakterlich sehr unterschiedlichen Frauen als Prostituierte von Selbstverständnis geprägt. Ihnen ist ihre geringe gesellschaftliche Stellung genau so klar, wie sie auch Selbstbewusstsein daraus entwickeln, weshalb es ihnen zuerst sehr schwer fällt, wieder zu arbeiten. Während Milly eher unscheinbar ist und am leichtesten ihre neue Rolle annimmt, sind vor allem die sehr attraktiven Lolita und Marilina eher gewohnt, sich um ihr Aussehen zu kümmern. Auch in ihren Figuren vermeidet der Film die übliche Plakativität. Lolita, die Auffälligste unter ihnen, ist zwar leicht naiv, aber keineswegs dumm, und Marilinas nervöse Zickigkeit erklärt sich zunehmend durch den Verlust ihres kleinen Sohnes, den sie auf Grund ihren neuen Stellung wieder zu sich nehmen kann.

Als Älteste scheint Adua ihre natürliche Anführerin zu sein, weshalb sie nicht nur den Namen für ihr Restaurant hergibt, sondern dieses auch offiziell leitet. Simone Signoret gelingt dabei eine großartige Charakterstudie, denn obwohl sie sich auch optisch am besten in die bürgerliche Gesellschaft einzugliedern vermag, lässt auch sie Unvermögen im Umgang mit den Realitäten erkennen, selbst wenn sie dieses unter ihrer äußerlich beherrschten Fassade zu verheimlichen versucht. Tatsächlich ist sie das schwächste Glied der Kette, was sie vor allem Marilina spüren lässt, denn auf dem freien Markt der Prostitution ist sie ein Auslaufmodell, weshalb das Funktionieren ihres Plans für sie von größter Bedeutung ist.

Als ihnen die Zulassung für das Restaurant auf Grund ihrer Vergangenheit verweigert wird, ist sie diejenige, die dieses Problem scheinbar mühelos löst. Für jeden offensichtlich sind die Bedingungen, mit denen der Geschäftsmann Ercoli (Claudio Gora) als nach außen offizieller Besitzer, ihnen die Konzession ermöglicht, nicht erfüllbar. Doch als Adua ihren Gefährtinnen diese lachend erläutert, wirken die vier Frauen wie Kinder, die das gar nicht ernst nehmen können.

Diesen ambivalenten Charakter unterstützt der Film noch durch Marcello Mastroiannis Rolle als Piero Salvagni. Anders als die meisten Männer, die nicht zuletzt wegen der attraktiven Bedienung das Restaurant besuchen, ist er nur von Adua begeistert. Für Adua, die schon lange keine Gefühle mehr gegenüber einem Mann entwickelte, entsteht so eine neue Erfahrung, aber Piero ist ein labiler, wenig zuverlässiger Mann, dessen Gefühle für Adua zwar durchaus ernst sind, der aber ähnlich wie die vier Frauen dem eigenen Schatten nicht entkommen kann.

In der Sympathie, mit der Pierangeli ihnen trotz ihrer unterschiedlichen Schwächen begegnet, liegt seine eigentliche Stellungnahme, denn die Ereignisse nehmen ihren vorbestimmten Verlauf, ohne das er dafür übertriebene Verhaltensmuster hinzuziehen müsste. Den Frauen gelingt es zwar trotz ihrer unorthodoxen Arbeitsweise das Lokal zum Erfolg zu führen, aber letztlich gelten nur die Gesetze des Stärkeren – das ist im bürgerlichen Leben nicht anders als im Bordell. Auch wenn Pierangeli, Scola und Maccari sehr schillernde Persönlichkeiten in den Mittelpunkt stellten, liegt „Adua und ihre Gefährtinnen“ in seiner genauen Beobachtung der italienischen Gesellschaft auf einer Linie mit den Werken des Neorealismus und ist auch nicht weniger fatalistisch. Aber trotz aller pessimistischer Konsequenz, bleibt die Lebensfreude der Frauen in Erinnerung und ihr Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen (9/10).

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