Betrachtet man Pietrangelis Filme, die er größtenteils in Zusammenarbeit mit Ettore Scola und Ruggero Maccari entwickelte, zeigen sich darin zwei wiederkehrende Elemente - eine eingängige Hintergrundmelodie, die an zeitgenössische Schlager erinnert, und Menschen, die dem Tanzvergnügen nachgehen. Beide verleihen seinen Filmen eine moderne Leichtigkeit, die den Charakter der Beziehung zwischen Mann und Frau symbolisieren soll. Heiraten, Kinderkriegen oder Ehealltag stehen noch nicht im Vordergrund, sondern offene Sexualität und die Befriedigung eigener Wünsche.
Tatsächlich lag diese Entwicklung im Italien der frühen 60er Jahre erst in ihren Anfängen, aber Pietrangeli und seine Autoren begriffen die Auswirkungen auf die Psyche des Einzelnen im Zenit des Übergangs zwischen den konservativen Wertvorstellungen der Zeit vor dem 2.Weltkrieg, die noch von Disziplin und Enthaltsamkeit geprägt waren, in eine Zukunft, die Wohlstand und Freiheit versprach. Durch den komödiantischen Grundton, der Pietrangelis Filme prägte, und den Verzicht auf die Darstellung konkreter Missstände, standen seine Filme im Ruch des gesellschaftskritischen Harmlosigkeit - zu Unrecht, denn Pietrangeli verband darin eine ironische, schonungslose Demaskierung alter Denkmuster, ohne die negativen Auswirkungen der zukünftigen Freiheiten zu vernachlässigen.
Die Beschränkung auf das Verhältnis Mann / Frau in der Beobachtung der sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse, hat zudem aus heutiger Sicht den Vorteil, dass die hier geschilderten Ereignisse - losgelöst vom historischen Kontext – nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Das die Protagonisten dabei fast immer ihr Lächeln im Gesicht behielten, sollte nicht über ihren wahren Gefühlszustand hinwegtäuschen - für Drehbuchautor Ettore Scola blieb es ein Stilelement, dass entweder die Unfähigkeit im Erkennen der eigenen Situation oder selbstverliebte Arroganz symbolisierte. In seinem 1976 entstandenen Film "Brutti, sporchi e cattivi" sollte er es damit auf die Spitze treiben. Auch "La visita" endet mit einem Lächeln im Gesicht seiner zwei Protagonisten, aber das sollte nicht über die tatsächlichen Intentionen hinwegtäuschen.
Die Story selbst ist schnell erzählt und behandelt ein modernes Phänomen – heute würde man es „Blind Date“ nennen. Anfang der 60er Jahre kam ein solches Treffen noch per Zeitungsannonce zustande. Pina (Sandra Milo) hatte mehrere Briefe auf ihre Anzeige erhalten und sich für Adolfo (François Périer), einen römischen Buchhändler, entschieden, den sie nach einem kurzen Briefwechsel zu sich aufs Land eingeladen hatte. „La visita“ beginnt, als der Zug in den Kleinstadtbahnhof einfährt und endet keine 24 Stunden später, als er wieder nach Rom zurückfährt. Die Handlung dazwischen wird fast ausschließlich von den zwei Protagonisten getragen, ergänzt nur durch einige Bewohner der Kleinstadt, unter denen Mario Adorf als leicht verrückter Bewunderer Pinas, genannt „Cucaracha“, hervorsticht. Allerdings unterbricht Pietrangeli deren Kennenlernphase mit Rückblicken in das wahre Leben der Beiden, was die grundsätzliche Regel bestätigt, dass bei der Partnerwerbung Niemand die Wahrheit sagt.
Doch dabei handelt es sich genauso nur um Äußerlichkeiten, wie die offensichtlichen Unterschiede zwischen der hübschen und selbstständigen Pina, die ihr von den Eltern geerbtes Haus mit einer Vielzahl von Tieren teilt, und dem sich intellektuell gebenden Buchhändler aus der Großstadt, der unter seinem Chef leidet. Von Beginn macht Adolfo kein Geheimnis aus seiner Haltung gegenüber der aus seiner Sicht rückständigen Landbevölkerung und deren Lebensgewohnheiten. Sobald Pina ihm den Rücken kehrt, tritt er die Tiere, verrückt Möbel und sinniert über ihre Ersparnisse. Zunehmend alkoholisiert verliert er die Kontrolle über sich, legt sich beim abendlichen Tanzvergnügen mit den anderen Dorfbewohnern an und beginnt, Pina zu befingern. Leicht könnte man den Film als Kritik am selbstgefälligen männlichen Geschlecht oder arroganten Großstädter verstehen, aber Pina ist nur äußerlich disziplinierter, hat heimlich einen verheirateten Geliebten und leidet vor allem unter ihrem Status, als Frau Mitte 30 noch keinen Mann zu haben. Ihre sehr geordnete kleine Welt vermittelt zudem wenig Bereitschaft, etwas Neues riskieren zu wollen.
Letztlich werden diese Unterschiede Makulatur, denn Mann und Frau, egal aus welchem Umfeld sie kommen, haben nur ein Ziel – die Durchsetzung eigener Wünsche und die Aufrechterhaltung des eigenen Selbstwertgefühls. Der zu Beginn eher komödiantisch angelegte Film, wird immer ätzender bei der Betrachtung eines Möchtegern – Paares, dass - statt sich einer echten Auseinandersetzung zu stellen, die zu Veränderungen führen könnte - immer krampfhafter darum bemüht ist, aus der Sache noch irgendwie heil heraus zu kommen. So ist auch das abschließende Lächeln zu verstehen, dass beider Gesichter ziert, während parallel die belanglosen Texte zweier zukünftiger Briefe erklingen – sie haben es überstanden, aber gelernt haben sie daraus nichts – weder über den Anderen, noch über sich selbst (8,5/10).