McDowells "Thundercrack!" ist ein kleiner Kultfilms des Undergrounds, der sich leider im Laufe der Zeit trotz einiger Qualitäten nie so richtig etablieren konnte und nur als Geheimtipp unter Anhängern des etwas abwegigeren Filmerlebnisses seine Fans findet. Nicht zuletzt dem Mitwirken George Kuchars ist es wohl zu verdanken, dass "Thundercrack!" sich zumindest bei diesen Zuschauern noch halbwegs halten konnte.
1975 inszeniert, vereint der Film ein paar der damals gängigen filmischen Elemente und Neuerungen: Die Sexualität ist nicht mehr einfach bloß die typische, erzwungen-unverklemmte Nacktheit des amateurhaften Underground-Films - "The Queen of Sheba Meets the Atom Man" (1963) oder "Multiple Maniacs" (1970) seien hier beispielhaft genannt! -, sondern vor allem auch im Hinblick auf die Dramaturgie eine überdeutliche Anlehnung an den seit "Deep Throat" aufgekommenen - und von der New York Times so bezeichneten - porno chic mit seinem Hang zur Nummernrevue. Dieser porno chic erfährt bei McDowell eine Verbindung mit dem klassischen Hollywood-(Genre-)Film (worin sich der damals herrschende Irrglaube, Pornos würden Hollywood erobern, zeigt).
Die zweite einflussreiche Quelle war der klassische Horrorfilm, der 1975 noch nicht ganz von Slashern, Zombies, Kannibalen und Splatter überhaupt verdrängt worden war; wenngleich er Mitte der 70er bereits im Sterben lag. Inhaltlich bezieht sich die Story vor allem auf Motive aus James Whales "The Old Dark House" (1932) - ein Remake stammte von William Castle, dessen Gimmick-Kino großen Anklang bei einigen Underground-Regisseuren gefunden hatte - und dem Cat and the Canary-Stoff; auf formaler Seite orientiert sich der Film dementsprechend an den horror flicks der 30er und vor allem der 40er Jahre.
Diese kenntnisreich und sensibel umgesetzte Nähe zu konventionellen Gruselfilmen des klassischen US-Kinos einerseits, zum populären porno chic andererseits, verhindert eine unbeholfen-amateurhafte oder aber elitär-experimentelle Wirkung, wie sie im Underground-Film hin und wieder erlebt werden konnte: "Thundercrack!" ist im Prinzip leicht verdaulich und charmanter Underground-Look zeigt sich hier von seiner besten Seite und geht mit einer simplen, aber originell ausgeschmückten, absurden und ziemlich unterhaltsamen Story einher. Mit den Zügen von Hommage, Parodie, Ironie und camp versehen, geht populäre Unterhaltung hier Hand in Hand mit kreativer, künstlerischer Ambition, wenngleich ideologische Aspekte hier sicherlich im Vordergrund stehen: die freie Liebe, die Homoerotik, Bisexualität, unterwanderte Geschlechterrollen usw. stehen im Dienste sexueller Revolution.
Die Story, die auf ein Drehbuch von George Kuchar zurückgeht, der mittlerweile ein heimlicher Star der Szene war und hier auch als Darsteller zu sehen ist - McDowell sollte seinerseits auch als Darsteller für Kuchar arbeiten! -, beginnt mit dem klassischen Unwetter, das eine illustre Gesellschaft in einem alten, unwirtlichen Herrenhaus vereint.
Gert Hammond (Marion Eaton, die später auch in ganz konventionellen Spielfilmen an der Seite professioneller Schauspieler auftrat) ist die Besitzerin, eine gealterte Witwe, die die Organe ihres Mannes in Weckgläsern aufbewahrt und als Alkoholikerin oftmals einen über den Durst trinkt - zusammen mit der Urne ihres Mannes, in die sie liebevoll die Hälfte der Getränke kippt. Gert ist äußerlich eine krasse Mischung aus Joan Crawford und einer Bette Davis wie man sie etwa aus "Hush... Hush, Sweet Charlotte" (1964) kennt. Als der erste Gast klingelt - eine junge Frau, die vor dem Unwetter flieht! - kramt sie sich tatterig ihre Perücke aus der Schublade, macht sich vor dem Spiegel hübsch und versichert während der zeitaufwändigen Prozedur andauernd, gleich zu öffnen. Um den konsumierten Alkohol wieder loszuwerden, erbricht sie sich noch schnell auf der Toilette... dass dabei die Perücke gleich hinterherfällt und schmutzig wieder rausgefischt wird, führt natürlich zu einem etwas sonderbaren Anblick, den die Hausherrin letztlich der attraktiven Besucherin (McDowells Schwester) bietet. Diese zeigt sich dankbar und führt die verwirrte alte Frau nicht nur ins Badezimmer, um ihr dort bei der Reinigung behilflich zu sein, sondern lässt sich gleich zu einem selbstlosen Akt gegenseitiger Masturbation hinreißen.
Es trudeln noch andere Gäste ein, allesamt durchnässt auf die Knochen, was natürlich den perfekten Aufhänger bietet, sich der Kleidung zu entledigen. Die Gäste suchen sehr schnell ihre Zimmer auf und stoßen auf diverse Sextoys, die von Penispumpen über Gummipuppen alles bieten, was man sich nur denken kann. Recht episodenhaft folgt dann eine Reihe pornographischer Szenen - Fellatio, Masturbation und eben der Einsatz des besagten Spielzeugs, der in einer Szene gipfelt, in der ein junger Mann eine Puppe beschläft und sich derweil einen Gummipenis in den Anus schiebt! - die Gert wie ein perverser Norman Bates durch diverse heimliche Gucklöcher beobachtet und sich dabei mit einer Gurke befriedigt, die später von einem ahnungslosen Gast verspeist wird.
Die Handlung beginnt erst dann so richtig, als zum einen zu ahnen ist, dass Gert ihren Sohn irgendwo in ihrem Haus gefangenhält und mit Bing (George Kuchar) ein weiterer Gast hinzustößt. Bing arbeitet beim Zirkus, dessen Tiere allesamt ausgebrochen sind und als alberne Papp-Attrappen vor den Fenstern des Hauses umhergeistern: Ein grandioser und gewollter Lacherfolg, der zu den lustigsten Filmszenen überhaupt gezählt werden darf. Dann klärt sich erst das Geheimnis um Gerties Sohn auf, der - aufgrund der Neugierde einiger Gäste - aus seinem Zimmer ausbrechen kann und alle Anwesenden mit seinem bis zum Boden hängenden Hodensack schockiert... und schließlich spitzt sich die Situation mit den Zirkustieren zu: Gorilla-Dame Medusa (gespielt von einer Darstellerin, die sich offenbar nicht grundlos hinter dem Pseudonym Pamela Primate versteckt) macht Randale und Bing weiß: Nur Bananen und Sex können sie aufhalten... schließlich hatte Bing mit Medusa mehr als einmal heiße Liebesnächte verbracht und kennt die unberechenbare "Schönheit" dementsprechend gut. Medusa dringt ein - und zwischendurch gibt es noch ein paar Gay-Pornoszenen, die so natürlich geraten sind, wie man es in anderen Filmen vergeblich suchen dürfte (wenn man sie denn sucht)! - und Bing kann (in einem Hochzeitskleid steckend) die Gorilladame zum Zärtlichkeitsaustausch bewegen und somit die Gefahr abwenden.
Am frühen Morgen reist alles hektisch ab und nur Gert bleibt zurück und trinkt mit der Urne ihres Mannes noch einen Wein um sich die nächste Gurke zu greifen.
Selten war ein Film durch und durch dermaßen mit albernen aber wirkunsgvollen Gags, pornographischen Raritäten, bizarren Handlungselementen und Klischees angefüllt wie "Thundercrack!", der zudem noch - und das sollte man ihm hoch anrechnen! - sowohl die Vorbilder aus der Horrorecke, als auch die damals aktuellen Pornostreifen überaus gekonnt nachahmt, was bei zwei Gebieten, die nicht wirklich viel miteinander zu tun haben, einem kleinen Kunststück gleicht. Das Drehbuch kann sicherlich zu dem lebendigsten und komischsten gezählt werden, was George Kuchar jemals zusammengeschrieben hat.
Dementsprechend erfolgreich lief der recht billig produzierte Film bei seinen ersten Ausstrahlungen in der Mitternachtsschiene - übrigens der einzige Porno, der jemals von etablierten Theater wie dem Elgin im Mitternachtsprogramm gezeigt wurde (und zwar oft als Double Feature mit einem John Waters Streifen)! -, wenngleich auch genug Zuschauer den Saal wegen der krassen Sexszenen wieder verließen. Der Film, den man im Trailer nicht gerade unbescheiden als "greatest Movie of the Year" beworben hat, konnte sich alsbald damit rühmen, dass er mehr Zuschauer rausgeekelt habe als jeder andere Film.
Seriöse Kritiker fanden für "Thundercrack!" aber durchaus lobende Worte: in der Daily Variety schrieb ein Rezensent, der Film "suggests Russ Meyer trying to do a Tennesse Williams subject..." Dieser Erfolg bei der Kritik verdankt sich sicherlich dem kurzzeitig recht hohen Stellenwert von porno chic und Undergound in der US-amerikanischen Filmlandschaft; heute wäre eine Wiederholung eines solchen Erfolgs kaum denkbar: zahlreiche Festivals und DVD-Markt bieten zwar solcherlei Nischenfilmen eine ergreifbare Chance, allerdings haben sich sexuelle Freizügigkeit, vulgäre Gags und Obszönitäten derart in den Mainstream eingeschlichen, dass es heutzutage schwerfällt, mit einem solchen Produkt noch zu schocken oder zu reizen - stattdessen werden vergleichbare Muster unter umgekehrten Vorzeichen in ideologisch fragwürdigeren Streifen eingearbeitet wie etwa seinerzeit im Falle von "Scary Movie" (2000), der sich aus einer homophoben und letztlich paradoxerweise prüden Perspektive ähnlich in Fäkal- und Genitalwitzchen ergeht. (Ein Problem, mit dem sich auch gerade ein John Waters in den letzten Jahrzehnten arrangieren musste.)
Der (homosexuelle) Regisseur McDowell starb 1987 an Aids und hat nach "Thundercrack!" nur noch drei weitere Filme inszeniert. Auch wenn sich sein kleines Meisterstück nie so richtig dauerhaft etablieren konnte, ist es immerhin auf VHS und DVD greifbar. [Und selbst eine BluRay liegt seit Dezember 2015 bei Synapse vor: sogar in der deutlich längeren, 2½stündigen DC-Version...]
8/10 für einen ungeheuer unterhaltsamen Film.