„Der Neue ist da. Doch, sieht gut aus.“
Am 10. November 1974 stieß auch Niedersachsen als Handlungsort zur öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe „Tatort“ hinzu: Kriminalhauptkommissar Brammer (Knut Hinz, „Der Tod des Handlungsreisenden“) ermittelte in seinem ersten Fall in der Landeshauptstadt Hannover. „Kneipenbekanntschaft“ war der erste von nur vier Fällen dieses neuen Kommissars, nach einem Drehbuch Hans Drawes und Rüdiger Humperts inszeniert von Jörg-Michael Baldenius, der es neben dem TV-Drama „Gran Canaria“ aus dem Jahre 1972 auf keine weitere Regiearbeit mehr brachte.
„Mensch, hab‘ ich ‘n Nachdurst!“ – „Sauf doch nicht so viel!“
Der frischgebackene Hannoveraner Dienststellenleiter Brammer feiert gerade seinen Einstand, als er zu seinem ersten Einsatz gerufen wird: Anna Schmidt, eine ältere Dame, wurde tot im Park aufgefunden – stranguliert mit einem Strumpf. Die Tat kann höchstens drei Stunden zurückliegen. Gegen einen Raubmord spricht, dass die Tote noch ihren teuren Schmuck am Körper trägt. Annas Liebhaber Hermann Kolltasch (Peter Kuiper, „Derrick“) erfährt erst am nächsten Tag von der Tat und reagiert entsetzt. Die Ermittlungen Brammers und seines Teams führen indes zur Erkenntnis, dass Hermann nicht ihre einzige Affäre war: Seit dem Tode ihres Mannes habe sich „Ännchen“ gern in Kneipen herumgetrieben, um meist deutlich jüngere Männer kennenzulernen und sich mit ihnen einzulassen. Die Zahl der potenziell Verdächtigen wird dadurch nicht kleiner…
„Drei Bier, drei Korn!“
Baldenius eröffnet seinen „Tatort“ mit einem Liveauftritt Udo Lindenbergs in einem Club, in dem auch Brammer zugegen ist. Als dieser am nächsten Tag seine neue Stelle antritt, stellt er sich bei Kriminalhauptmeister Henkel (Günther Heising, „Tatort: Kressin und der tote Mann im Fleet“) vor, der fortan damit hadert, in Brammer einen Vorgesetzten bekommen zu haben, der wesentlich jünger als er ist. Brammer wird als ein junger, moderner, lässiger und gutaussehender Kommissartyp etabliert, der sich nicht nur für Livemusik interessiert, sondern auch selbst Gitarre spielt. Er bezieht ein Zimmer bei einer älteren Witwe mit etwas ungesundem Teint.
„Ich hatte an dem Abend auch ganz schön einen sitzen!“
Neben Brammer und seinem Team wird eine ganze Reihe weiterer Figuren eingeführt: Bierfahrer Kohltasch, der aus einer Kneipe heraus sich mit dem späteren Mordopfer vergeblich zu verabreden versucht. Annas Stiefsohn Horst (Til Erwig, „Das Kriminalmuseum“) und dessen Ehefrau (Hanni Vanhaiden, „Noch ‘ne Oper“) missbilligen ihren Lebenswandel. Zunächst in keinem erkennbaren Zusammenhang mit ihnen stehen die wohlhabende Herrenausstatterin Marga Höfer (Rosemarie Fendel, „Traumstadt“) und ihr Ehemann (Karl-Michael Vogler, „Der Mann, der keinen Mord beging“), den sie in flagranti mit der jungen Verkäuferin ihrer Boutique, Fräulein Waller (Marina Genschow, „Die geklaute Miß“), erwischt, als sie überraschend früher als geplant nach Hause kommt. Sie droht mit Scheidung, woraufhin ihr Mann ihrem Vogel den Hals umdreht. Und dann sind da noch Binnenschiffer Ossi Lörring (Dieter Prochnow, „Eros-Center Hamburg“) und seine Freundin Eva Meinert (Edda Pastor, „Smog“), die sich ebenso oft miteinander streiten wie sie sich wieder vertragen oder gemeinsam in die Kneipe gehen (gern in dieser Reihenfolge – so ist’s recht).
Als besonderen stilistischen Kniff bekommt man bei den Befragungen im Bekanntenkreis der Toten lediglich die Antwortenden zu sehen und ihre Antworten zu hören, nicht aber die Fragenden und ihre Fragen. Damit wecken diese Szenen Assoziationen zu Statements in Nachrichtensendungen oder Dokumentationen. Allerdings hält man diese Herangehensweise nicht konsequent durch. Eine gewisse Freude hatte man offenbar auch am Umgang mit subjektiver Kameraführung, die hier Einzug hält. Der Stiefsohn jedenfalls hat ein Alibi, ein Dieb treibt sein Unwesen, der Mörder scheint unbehelligt umherzuschleichen und Ossi hat verdächtige Kratzer auf der Hand. Soweit die Zwischenbilanz dieses mit Figuren und deren Handlungssträngen etwas überfrachteten und in seiner Ermittlungsarbeit sehr dialoglastigen „Tatorts“, der wahrlich kein großer Wurf ist. Er krankt neben seiner Betulich- und Geschwätzigkeit daran, dass man das Mordopfer erst gar nicht kennenlernte und somit keinerlei Bezug zu ihm aufbauen konnte. Grundsätzlich gelungen ist, wie sich das Kneipe/Alkoholkonsum-Topos durch die Episode zieht: Henkel setzt sich frustriert in die Kneipe, um über Brammer zu jammern, die Leiche wird von einem Rentner auf dem Weg in die Kneipe gefunden usw. Die Kneipe als gesellschaftlichen Mikrokosmos zu zeichnen, in dem alle Fäden zusammenlaufen, misslingt jedoch leider. Das Ende ist überzogen fatalistisch und das Motiv derart schnell heruntergerattert, dass es kaum zu vernehmen ist.
Der für damalige „Tatorte“ fast schon obligatorische reiheninterne Gastauftritt fällt diesmal Klaus Schwarzkopf als Kieler Kommissar Finke zu und Edda Pastor sorgt für zusätzliche Schauwerte, indem sie sich oben ohne zeigt. Generell muss man attestieren, dass es an den Schauspielerinnen und Schauspielern nicht gelegen hat, das Ensemble ist spielfreudig und charakteristisch. Schön auch in diesem Zusammenhang, Marina Genschow, die 1987 mit nur 37 Jahren viel zu früh verstarb, in einer kessen Nebenrolle zu sehen. Ein wenig enttäuschend hingegen, dass Udo Lindenberg nach dem Prolog keinerlei Rolle mehr spielte.