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„Was ist mit meinen Augen? Bin ich blind?!“

Nur knapp zwei Monate nach seinem Debüt bekam der Essener „Tatort“-Kommissar Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) seine zweite schwere Nuss zu knacken: Am 23. Juni 1974 wurde die 1973 gedrehte Episode „Zweikampf“ erstausgestrahlt. Regisseur Wolfgang Becker war wie im ersten Haferkamp-Fall für die Inszenierung verantwortlich, das Drehbuch stammte erneut von Karl Heinz Willschrei.

„Sie müssen versprechen, dass Sie nicht schlecht von mir denken!“

Millionärsgattin Marion Mezger (Ursula Lingen, „Der Mustergatte“) wird von zwei Gentleman-Gangstern entführt, die ihr die Augen verbinden und penibel darauf achten, dass nur einer von beiden mit ihr spricht, sie ansonsten aber höflich und gut behandeln. Sie fordern fünf Millionen DM Lösegeld von ihrem Mann (Werner Bruhns, „Wenn süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft“), einem Möbelfabrikanten, die sie auch erhalten. Marion Mezger wird freigelassen, die Beute gut versteckt. Ein Hinweis aus der Bevölkerung führt Kommissar Haferkamp auf die Spur des Bauunternehmers Degenhart (Heinz Baumann, „Und Jimmy ging zum Regenbogen“), der sich seiner Sache jedoch sehr sicher ist. Das von ihm unbewohnte Appartement, in dem er und sein Komplize Frau Mezger festgehalten hatten, gibt er Haferkamp gegenüber als Liebesspielwiese aus, die er nur ab und an verwende. Haferkamp führt Mezger mit verbundenen Augen durch die Wohnung und fragt, ob sie sie wiedererkenne – doch sie verneint… Degenhart muss freigelassen werden, aber Haferkamp heftet sich weiter hartnäckig an dessen Fersen.

„Ich glaube, ich bin ein ziemlich sentimentaler Bursche…“

Zu einem schmissigen Psychedelic-Rock-Stück eröffnet „Zweikampf“ mit der Entführung und handelt auch die Ereigniskette ab, die durch sie ausgelöst wird: Herr Mezger alarmiert die Polizei, doch Haferkamp nimmt die Vermisstenmeldung zunächst nicht ernst. Dafür wird er von seinem Vorgesetzten gerügt, polizeiintern wird ein großer Bahnhof aufgefahren. Dass dies wohl kaum der Fall wäre, handelte es sich nicht um eine Millionärsgattin, bleibt unausgesprochen, schwingt in diesen Bildern aber mit. Mit Herrn Mezger stehen die Entführer während der geplanten Lösegeldübergabe in Funkkontakt, denn das Geld soll aus einem fahrenden Zug geworfen werden. Das ist spannend und rasant inszeniert, die zeitweise zum Einsatz kommende Wackelkamera vermittelt eine ordentliche Portion Realismus. Hier waren Könner am Werk.

„Wer kastriert raucht, ist kein Kerl!“

Im Zuge der anschließenden Ermittlungen spielt Haferkamps Assistent Kreutzer (Willy Semmelrogge) entgegen dem Episodentitel eine größere Rolle. Zeug(inn)en- und Indizienspurensuche vermitteln klassische Polizeiarbeit, bevor die anschließende Wohnungsbegehung zum Wendepunkt der Handlung gerät. Entführer Degenhart wurde zuvor als Lebemann eingeführt, der zwar keine funktionierende Ehe oder wenigstens Beziehung mehr vorzuweisen hat, jedoch nicht auf den Mund gefallen ist und aus seiner Situation das Beste zu machen scheint – eine Art Gegenentwurf zum unter seiner Scheidung eher zu leidenden Haferkamp. Von Degenhart existieren Fotos, die ihn mit nackten jungen Frauen zeigen – ein bei Haferkamp unvorstellbarer Sleaze-Faktor.

„Ja, ich hasse ihn!“

Dieser „Tatort“ macht keinen Hehl daraus, dass Degenhart einer der beiden Täter ist, das Publikum hat von Anfang an einen entsprechenden Wissensvorsprung. Auch das Motiv ist bekannt. Beinahe in „Columbo“-Manier entbrennt der titelgebende Zweikampf zwischen Degenhart und Haferkamp, wobei sich ersterer aalglatt gibt und letzterer zu psychologischer Kriegsführung und weiteren Tricks greifen muss. Aber auch der bayrische Kommissar Veigl (Gustl Bayrhammer) wird für den obligatorischen Gastauftritt konsultiert und in ein Fotoshooting bei Haferkamps Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum, hier fesch mit langen Haaren) hineingeplatzt, worauf diese äußerst verärgert reagiert. Haferkamps Chef charakterisiert seinen Mann als zäh und stur – danke, hätten wir als Zuschauerinnen und Zuschauer sonst kaum bemerkt! Spaß beiseite – wie Haferkamp sich reinkniet, ist aller Ehren wert, wenngleich stets eine gewisse Portion Respekt vor Degenhart und sicherlich auch Sympathie mit hineinspielt.

Letztlich ist Haferkamp alldem zum Trotz nur dank der Unterstützung eines ehemaligen Schulfreunds (Horst Sachtleben, „Kir Royal“) Degenharts und des Entführungsopfers erfolgreich, denn dieses hatte – ganz im Sinne einer Femme fatale – ihre eigenen Pläne ausgeheckt. Damit schließt sich gewissermaßen der Kreis zur vorausgegangenen Haferkamp-Episode. Dass es hier keinen Todesfall zu beklagen gibt und es tatsächlich „nur“ um eine Entführung geht, man ferner ohne Schießereien, Verfolgungsjagden o.ä. auskommt, gerät dank der Qualität der Inszenierung mit ihrer feinjustierten Dramaturgie schnell in Vergessenheit, wenngleich mir persönlich nach hinten raus dann doch etwas Expressivität und Spektakel fehlen. Und was ist eigentlich aus Degenharts Komplizen geworden? Nichtsdestotrotz eine runde Sache, dieser zweite Einsatz Haferkamps.

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