„Man kann einem jeden Menschen seine Worte zerpflücken!“
Nach dem famosen dritten Münchner „Tatort: Tote brauchen keine Wohnung“ aus dem Jahre 1973, der sogleich im Giftschrank des Bayrisches Rundfunks landete, war es am Regie/Drehbuch-Team des Veigl-Erstlings, Michael Kehlmann und Carl Merz, den Auftraggeber wieder versöhnlich zu stimmen. Denn obwohl „3:0 für Veigl“ zu großen Teil bereits 1972 gedreht worden war, erfolgte die überarbeitete Erstausstrahlung des nominell vierten Falls Kriminaloberinspektor Melchior Veigls (Gustl Bayrhammer) erst am 26. Mai 1974. Dazu später mehr.
„Neapel sehen und sterben!“
Die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 1974 bedeutet einigen Mehraufwand für die Polizei, weshalb Kriminaloberinspektor Veigl zu seinem Unmut von seinem Vorgesetzten, Kriminalrat Schneehans (Achim Benning, „Der Fall Jägerstätter“), aufgefordert wird, Ermittlungen bezüglich gefälschter WM-Eintrittskarten aufzunehmen. Dabei hat er wesentlich Wichtigeres zu tun: Schwerverbrecher Johann Strasser (Klaus Löwitsch, „Mädchen Mädchen“) gelingt die Flucht, weil seine Frau Helga (Gaby Herbst, „Lumpazivagabundus“) ihm während eines fingierten Scheidungsprozesses eine Waffe zuspielt. In einem anderen Fall zweifelt Veigl an der Darstellung eines Witwers den Selbstmord seiner Frau betreffend. Und dann sind da auch noch die tödlichen Schüsse eines Polizisten auf zwei Kriminelle, angeblich in einer Notwehrsituation abgefeuert. Wird Veigl dieser Überarbeitung standhalten?
Wie schon bei Veigls Debüt tut sich Regisseur Kehlmann mit dem klassischen Vorspann schwer: Schaltete er damals Nachrichtensprecher Werner Veigel vor, drapiert er hier die ersten Bilder bereits zur noch laufenden Titelmusik Klaus Doldingers. Wir werden Zeuge des Coups der Strassers, von dem der bereits bis zum Hals in Arbeit steckende Veigl noch gar nichts weiß. Beim ersten Gespräch mit Witwer Madlmeier (Karl-Maria Schley, „Der letzte Mann“) deutet ein Dialog darauf hin, dass die Handlung im Jahre 1972 angesiedelt wurde. Kriminaloberwachtmeister Lenz (Helmut Fischer) und Veigl sind sich uneins bei der Beurteilung der Aussagen Madlmeiers, wobei Veigl den richtigen Riecher beweist.
Einen selbstzweckhaften, ausführlich gezeigten lasziven Striptanz in einem Club später taucht Rolf Zacher („Mädchen: mit Gewalt“) wieder einmal in der Rolle eines Halbstarken auf und durch die zunehmende Thematisierung der gefälschten WM-Eintrittskarten wird deutlich, dass der Fall offenbar während der am Ausstrahlungstermin im Mai 1974 noch in der Zukunft liegenden Fußball-WM spielt. Das verwirrt zusätzlich, zumal die Handlung ohnehin erst einmal seltsam unzusammenhängend wirkt. Was war da los?
Der eigentliche Clou dieser Episode dürfte gewesen sein, dass Veigl vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele 1972 kraft seiner Raffinesse und seiner guten Spürnase drei tatsächlich vollkommen unzusammenhängende Fälle löst. Es darf davon ausgegangen werden, dass damit Veigls Debüt, in dem er all dies eher vermissen ließ, kontrastiert und er als ernstzunehmender Ermittler charakterisiert werden sollte. Nach den abscheulichen Mordanschlägen aufs israelische Olympia-Team hielt man die Ausstrahlung jedoch zurück und überarbeitete die Episode grundlegend, um sie nunmehr mit der zwei Jahre später stattfindenden Fußball-WM in Verbindung zu bringen. Dabei rutschte manch Detail (wie o.g. Dialog) durch und da Veigl schließlich auch den Ticketfälschern auf die Schliche kommt, ist sogar der Titel irreführend: Eigentlich steht’s am Ende 4:0 für ihn.
Nun ist ein bayrischer Bulle, der wie im Vorbeigehen innerhalb von rund 80 Minuten gleich vier Fälle löst, nicht sonderlich aufregend, da er wie ein halber Supermann wirkt, dem ohnehin niemand etwas anhaben kann. Die Vielzahl der Fälle mitsamt ihrer Motive und Figuren werden zudem in derart kurzer Zeit abgehandelt, dass das Ergebnis auch ohne nachträgliche Umgestaltung und die damit einhergehenden Verwirrungen eher konfus gewirkt hätte. Höhepunkt der Handlung ist die Überführung eines Killercops durch Veigl. Ausländische Nebenrollen aus kleinkriminellen Milieus wirken hingegen wie Schießbudenfiguren und werden mal mehr, mal weniger der Lächerlichkeit preisgegeben. Kurioserweise wirkt „3:0 für Veigl“ trotz seiner hohen Schlagzahl an Ereignissen betulich erzählt und erinnert zuweilen eher an einen Schwank denn an einen Krimi. Einer der Gründe hierfür ist, dass die einzelnen Fälle kaum Zeit zur Entfaltung haben und das Publikum somit nicht recht packen können.
Dank des Charismas der Hauptbesetzung ist die Episode leidlich unterhaltsam, zudem wird Veigls Dackel Oswald, der bei der Überführung eines Täters tatkräftig unterstützen darf (Kommissar Rex‘ Vorläufer?) niedlich in Szene gesetzt. Die augenzwinkernde Schlusspointe gefällt und unterstreicht den Eindruck, dass „3:0 für Veigl“ durchaus seinen süddeutschen Charme besitzt, aber – ohne eine Komödie zu sein – zu selten ernstzunehmen ist.
Die Produktionsbedingungen sowie der Umstand, dass diese Episode als erster ein reales aktuelles Ereignis thematisierender und sogar in der Zukunft spielender „Tatort“ gilt, machen ihn indes auch historisch interessant.