Review

Gelbe Gräber und rote Pumps

„Kennen sie das, wenn Sie sich hoffnungslos in eine Sache verrannt haben?“

Die italienisch-deutsch-jugoslawische Koproduktion „Das Geheimnis des gelben Grabes“ von Italo-Regisseur Armando Crispino („Autopsie - Hospital der lebenden Leichen“) war 1972 einer der letzten Ausläufer der Edgar-Wallace-Reihe bzw. wurde der Film zu einem gemacht: Weder Edgar, noch Bryan Edgar haben etwas mit dem Film zu tun, vielmehr handelt es sich schlicht einmal mehr um einen Giallo.

US-Archäologe Jason Porter (Alex Cord, „Mehr tot als lebendig“) erforscht in Spoleto (in der italienischen Region Umbrien) etruskische Grabstätten und findet dabei eine Wandmalerei, die den etruskischen Dämon Tuchulcha beim Töten eines Liebespaars zeigt. Untergekommen ist Porter beim Dirigenten Nikos Samarakis (John Marley, „Der Pate“), pikanterweise der neue Geliebte seiner Ex-Freundin Myra Shelton (Samantha Eggar, „Das Licht am Ende der Welt“), über die er nie hinweggekommen ist. Als nahe der Grabkammer tatsächlich ein Liebespaar brutal mit einer von Porters Forschungssonden getötet wird, ruft dies die Polizei um Inspektor Giuranna (Enzo Tarascio, „Vier Fäuste für ein Halleluja“) auf den Plan: Hat Choreograph Stephen (Horst Frank, „Django und die Bande der Gehenkten“) etwas mit der entsetzlichen Tat zu tun? Das nächste Opfer lässt nicht lang auf sich warten: Samarakis‘ Sohn Igor (Carlo De Mejo, „Der Pfaffenspiegel“) kommt noch einmal mit dem Leben davon, doch seine Freundin segnet das Zeitliche. Und wieder sieht es verdächtig nach einem Ritualmord aus, denn erneut hat der Mörder ein Paar roter Damenschuhe am Tatort drapiert. Hat der jähzornige Alkoholiker Porter die Morde begangen, um seine Wut auf Myra und Nikos zu kanalisieren? Oder greift gar ein dämonischer etruskischer Fluch um sich…?

In malerische Landschaftsaufnahmen und zu einem ohrenschmeichelnden Soundtrack Riz Ortolanis taucht Crispino mit „Das Geheimnis des gelben Grabes“ eine Allegorie auf das triebgesteuerte Leben der Etrusker, von dem Porter aus dem Off zu berichten weiß und dessen Reproduktion Porter und Konsorten zum Verhängnis zu werden scheint. Sex und Gewalt – willkommen in einem Who- und Whydunit?-Giallo voller Kulturkunde, Verfolgungsjagden im VW Käfer und Versteckspielen, der besiedelt ist von Cholerikern, Verhaltensgestörten, Femmes falates, Sexisten, Verschwörungstheoretikern und Psychopathen (sowie einem tuntigen und damit völlig gegen den Strich besetzten Horst Frank), die Schnauzbärte tragen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit J&B verköstigen und Nikotin inhalieren, um gestelzte, gekünstelte Dialoge abzusondern.

Crispinos Film wirkt lange wie eine Verkettung bizarrer Einzelszenen, in denen oben beschriebene unsympathische Klientel sich gegenseitig das Leben schwer macht und gegenüber der Polizei ihre Unschuld zu beweisen versucht. Kamerachef Erico Menczer verleiht dem wirren Treiben Stil und Ästhetik, arbeitet mit Point-of-View-Perspektiven und beweist ein Auge sowohl für Panoramen als auch Details. Kombiniert wird seine Arbeit mit Zeitlupen und Einzelbildsuggestionen, die Narration strukturell aufgebrochen mittels Rückblenden und das Ensemble durchaus überraschend dezimiert oder auch erweitert; und was sich da auf der Leinwand so tut, ist oftmals herrlich neben der Spur oder auch komplett drüber, allein rechten Sinn will all das nicht ergeben. Statt Mitzurätseln sollte man sich genüsslich zurücklehnen und den Irrsinn auf sich wirken lassen, denn versucht man gar nicht erst, der Handlung zu folgen und ihre Auflösung vollumfänglich intellektuell zu erfassen (der Dämonenfluch erscheint mir noch immer am wahrscheinlichsten – ganz gleich, was das Skript möglicherweise anderes verlautbart), bieten sich einem ein delirierender Einblick in die Etruskologie und eine sehr anschauliche Warnung vor den Folgen übermäßigen J&B-Konsums – die Fortsetzung „Das Geheimnis der gelben Haut“ wurde jedoch nie realisiert…

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