Wenn im Genre von digital gedrehten Filmen die Rede ist, denkt man unweigerlich an Filme wie "The Blair Witch Project", das heißt Werke, die irgendwas mit falschen Dokumentationen zu tun haben, einen Doku-Look imitieren. Daß es ganz anders geht, zeigt auf erfreuliche Weise "Tears of Kali", ein kleiner digitaler Episodenfilm, der auf einen sehr eigenen Stil setzt.
Es geht um eine obskure Sekte aus den Achtzigern, die einst gefährliche Meditationspraktiken und okkulten Psychokram praktizierte. Verschiedene Überlebende erleiden Schlimmes mit ihren unbewältigten Dämonen - und den daraus entstehenden blutigen Folgen. Esoterik und Dämonen, Psychoanalyse und Zomietum, es wuchert so Manches zusammen, was nicht zusammenzugehören scheint...
Jede Episode ist in sich abgeschlossen, aber durch geschickte narrative Querverbindungen mit der Grundmythologie verwoben, was dem Film einen durchgängigen Fluß gibt.
Ohne zu detailliert auf den Inhalt einzugehen, kann man sagen, daß "Tears of Kali" im aktuellen deutschen Film keine Vorbilder hat. Die sind visuell wohl zwischen Lucio Fulci und Dario Argento, inhaltlich irgendwo zwischen Cronenberg und japanischem Geisterfilm positioniert. Und wie dieser Spagat gelingt, ist schlicht beeindruckend! Rasant geschnitten, rhythmisch zwischen roher Montage und eleganter Komposition wechselnd, entwickelt sich dieser (Debut?)-Film zu einem reinrassigen Schocker. Abgesehen von ein paar Längen in der Exposition der ersten Episode "Shakti" und dem gelegentlich (in sehr hellen Szenen) durchscheinenden Digital-Video-Look, der dem offenbaren niedrigen Budget geschuldet ist... abgesehen von diesen kleinen Schwächen schießt "Tears of Kali" ein wahres Feuerwerk aus verstörenden Bildern und Tönen ab, kreiert ein feingewobenes Netz aus Mystery und Spannungsbögen, das sich in wahrlich archaischen Blutbädern auflöst.
Schockeffekte durchbrechen sorgfältig inszenierte kammerspielartige Dialogpassagen (besonders die mittlere Episode um einen jugendlichen Gewalttäter in einer wahrlich alptraumhaften Therapie ist schauspielerisch brillant! ). Für einen "Splatterfilm" ungewöhnlich wirkt auch der spirituell-religiöse Touch des Drehbuchs, das allerdings zum Schluß hin nicht ganz auflöst, was es im Subtext anreißt. Gerade die dritte Episode (mit Mathieu Carriere als trinkendem Wunderheiler) , die mit wirklich atmosphärischen Bildern den stilistischen Höhepunkt des Films darstellt, driftet gegen Ende zu sehr in die Horrorkonventionen ab, die der übrige Film bis dahin so elegant umschifft hat.
Fazit: "Tears of Kali" ist sicherlich ein Low-budget film, was am ehesten das digitale Aufnahmeformat verrät, als solcher aber ein echtes Juwel und eine große Überraschung. Es gibt ihn also auch hierzulande, den absolut souveränen Umgang mit Genrestoffen jenseits von Komödie und gefördertem Problemfilm.
"Das weiße Rauschen", "Devot", "Muxmäuschenstill", und - in europäischem Rahmen - Filme wie "The Last Horrormovie"... bei aller Unterschiedlichkeit scheint da etwas Neues zu entstehen, was von einer Demokratisierung der Produktionsstrukturen durch DVD-Direktvermarktung, Digitalschnitt und billigere Aufnahmetechniken profitiert.
Und "Tears of Kali", dieser ebenso extreme wie frische Genre-Vertreter, mit seinem intelligenten Eklektizismus und seiner fast schon altmodisch-ominösen Atmosphäre, fügt dieser Entwicklung einen originellen Mosaikstein hinzu. Bitte mehr davon!
Bewertung: 8 von 10
Reznik