Review

Sechs, Sekten?

In Andreas Marschalls Regiedebüt "Tears of Kali" erzählt er ambitioniert und ausholend in drei verstörenden Episoden von einer indischen Sekte bzw. ihren abgesplitterten Auswüchsen, die in den 80ern in Deutschland ihr Unwesen trieb und plötzlich verschwand...

Indiens traumatische Tentakel

"Tears of Kali" ist zweifellos ein Amateurhorrorfilm. Und bei Amateurhorror, egal ob aus Deutschland oder von sonstwo, muss man schonmal ein bis drei Augen zudrücken. Der Look ist glatt und digital und unattraktiv. Erzählerisch und schnitttechnisch wird's manchmal holprig. Und die Darsteller sind teils sehr steif und sagen ihre Texte auf wie eine Drittklässlerin beim Krippenspiel. All solche Mängel und Unzulänglichkeiten sind auch in "Tears of Kali" mal mehr und mal weniger auszumachen. Und trotzdem schafft Marschall es sich aus der urigen Amateurfilmersuppe zu erheben und mit "Tears of Kali" zu fesseln. Dieses Teil ist garstiger, dichter und fieser als sonstige unprofessionellen Horrorquerschläger. Der Sektenansatz hat etwas Realistisches. Die (menschlichen) Monster, Masken und Goreeffekte können sich sehen lassen. Und vor allem baut Marschall eine ungemein unangenehme Atmosphäre auf - über alle drei Episoden - der ich mich weder entziehen konnte noch wollte. Und das überstrahlt selbst den ugly Digitalkameralook. Körnig, rau und teuer auf Film zu drehen war sicher budgetär einfach nicht möglich, das verstehe ich. Und zum Glück funktioniert "Tears of Kali" auch so. Deutsche und indische Alpträume verschwimmen. Karma und Bluttränen. Vergangenheit und Zeitlosigkeit. Sünden und Können. Abartigkeiten und Traumata. Manchmal hat man fast das Gefühl irgendetwas Verbotenem beizuwohnen, das man eigentlich nicht sehen sollte. Alles sehr rau, räudig und fast snuffig. Freakig und schmutzig, schwitzig und gehirnwäschig. Und gerade Gurus und Lebensmotivatoren sind in den letzten Jahren ja mal wieder am boomen wie lange nicht, sodass "Tears of Kali" keineswegs nur in den 00ern verwurzelt ist. Wer also mit Amateurhorror umzugehen vermag, bekommt hier eines der absoluten exotischen Highlights aus Deutschland seit der Jahrtausendwende.

Die Hindugötter müssen verrückt sein

Fazit: ungemein atmosphärischer, abgefuckter und untergründiger Amateurhorrorfilm aus Deutschland. Darauf können wir und Marschall stolz sein! Das versprach viel für seine Zukunft. "Tears of Kali" ist ein großer Schritt für den Amateurhorror hierzulande. Nur der glatte Digitallook nervt. Der Rest ist enorm dicht, faszinierend, creepy und unangenehm.

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