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Buddha bei die Fische

„Höchstwahrscheinlich Zyankali! Die roten Flecken am Körper, der Geruch nach Bittermandel, das deutet darauf hin.“

Für den vierten Fall des Essener Kommissarduos Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge) verfilmte Regisseur Franz Peter Wirth („Eisenwichser“) ein Drehbuch Henry Kolarz‘. Es handelt sich um Wirths erste von nur zwei „Tatort“-Episoden seiner Karriere, dafür aber um ein Jubiläum: Es ist der 50. „Tatort“, erstausgestrahlt am 13. April 1975.

„Ausgeschlossen! Das macht meine Tochter nicht.“

Martin Koenen (Heinz Bennent, „Possession“), Chef des größten Essener Betriebs, einem Chemiewerk, gabelt abends die Anhalterin Irene Lersch (Sabine von Maydell, „Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt“) – eine Azubine seines Unternehmens – auf und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Noch während sie dort den ersten Drink zu sich nimmt, plagen ihn bereits Gewissensbisse, doch als er aus dem Badezimmer zurückkehrt, liegt Irene bereits tot auf dem Fußboden der herrschaftlichen Familienvilla. Um einen Aufruhr um seine Person zu vermeiden, drapiert er sie nachts heimlich auf einer Parkbank. Dennoch sind Kommissar Haferkamp und Konsorten schnell zur Stelle und verhaften Koenen, der seine Unschuld beteuert. In der Gerichtsmedizin wurde eine Zyankalivergiftung diagnostiziert. Aber weshalb hätte die attraktive junge Frau sich umbringen sollen? Haferkamp ahnt, dass Martin Koenen unschuldig ist, und sieht sich in dessen Familie um, die einen dysfunktionalen Eindruck macht: Martins Schwester Adele (Margot Trooger, „Pippi Langstrumpf“) lässt kein gutes Haar an dessen wesentlich jüngerer Ehefrau Petra (Claudia Amm, „Madman“), die wiederum nicht sonderlich glücklich mit Martin verheiratet ist…

„Hier wird nichts geändert. Alles bleibt so, wie es war.“

Aufgrund der Exposition, in der Irene auch oben ohne vorm Spiegel posiert, weiß man als Zuschauerin oder Zuschauer, dass Martin unschuldig ist. Da dessen Frau Petra sich währenddessen in München aufhielt, telefoniert Haferkamp mit dem Münchner Kommissar Veigl (Gustl Bayrhammer), womit der damals obligatorische Gastauftritt eines „Tatort“-Ermittlers aus einer anderen Stadt untergebracht wäre. Und natürlich besucht Haferkamp wieder seine Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum), dazu später mehr. Martins Familie lernen wir als überaus bourgeois und eine Art Matriarchat kennen, ihr Oberhaupt ist Martins streng konservative Mutter (Lil Dagover, „Die seltsame Gräfin“). Etwas länger als unbedingt nötig integriert Wirth (respektive der Cutter) Bilder vom Springreiten, an dem sich Petra beteiligt, bevor sich Haferkamp an ihre Fersen heftet. Er versucht, von ihr mehr über Martin, seine Ehe und seine Familie zu erfahren.

„Man heiratet nicht nur einen Mann, man heiratet auch seine Familie…“

Petra entpuppt sich als sehr moderne junge Frau, die nicht so recht in die Familie passen will – was auch Anlass für Konflikte ist. Haferkamp und Petra scheinen mitunter fast miteinander zu flirten. Ist sie die Mörderin und wenn ja, warum? Der Giftanschlag galt offenbar Martin und nicht der Anhalterin. Oder ist Adele die Täterin, um die Konzernleitung an sich zu reißen? Martin verschwindet erst einmal aus der Öffentlichkeit, sie leitet das Unternehmen derweil kommissarisch. Plötzlicher Szenenwechsel, die Nordseeinsel Sylt: Haferkamp spannt Ingrid während eines Spaziergangs durch die Dünen als Hilfspolizistin ein. Sie soll eine Galerie am Strand aufsuchen, die überraschenderweise bestens besucht ist, sogar eine Gruppe Motorradfahrer(innen) macht dort Halt und es läuft Hardrock! Diese Szenerie bildet einen starken Kontrast zur miefig-konservativen und machtversessenen Atmosphäre innerhalb Martins Familie. Die dort ausgestellten Bilder bekommt man indes leider nicht zu sehen, dafür Petra, deren Liebhaber Joschi (Sky du Mont, „Otto – Der Film“) der Galeriebetreiber ist und in Geldnöten steckt.

„Herr Haferkamp, Sie sind ein gefährlicher Mann!“

Prompt wird Ingrid angegraben und zu einer Strandparty eingeladen, die das Hippieklischee von Manipulationsversuchen unter dem Deckmantel „freier Liebe“ erfüllt: Ingrid bekommt eine in einen Eiswürfel eingefrorene Perle in ihren Drink und „darf“ dafür die Nacht mit Nino (Klaus Grünberg, „Zum Abschied Chrysanthemen“) verbringen. Sie verzichtet dankend, hat damit aber herausgefunden, wie das Gift in Irenes Getränk gelangte. Für Haferkamp ist der Fall damit klar, wenngleich es sich eigentlich eher um Indizien denn um handfeste Beweise handelt. Bis dahin überzeugte „Wodka Bitter-Lemon“ mit seiner Herangehensweise, komplett ohne Schusswaffen oder Actionszenen auszukommen, und trotzdem durchaus spannend und unterhaltsam zu sein. In zugegebenermaßen etwas betulichem Erzähltempo steht die Psychologie der Figuren, das, was sich in ihren Gesichtszügen ablesen und zwischen den Dialogzeilen heraushören lässt, im Vordergrund. Die für einen Essener „Tatort“ ungewöhnlichen Drehorte sorgen für willkommene Abwechslung.

Wirth verknüpft versiert zwei Handlungsstränge miteinander, während die Handlung mitunter etwas sprunghaft und konstruiert anmutet. Schade, dass Kreutzer hier eine derart untergeordnete Rolle spielt, dass er kaum zum Zuge kommt, während Ingrid ihn gewissermaßen auf die Plätze verweist. Überhaupt wird dieser „Tatort“ von Frauen unterschiedlichster Art bestimmt, was interessante Perspektiven ermöglicht und unter die sich Haferkamp biertrinkend und rauchend mischt. Dass Martin sich letztlich als charakterlich integer herausstellt, ist ein schöner Kniff und der leisere, unauffällige Teil der Pointe, der zu seiner leisen, unauffälligen Art passt wie eine Perle in einen Eiswürfel.

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