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„Ich dulde nicht, dass meine Liebe zum Menschen, zur leidenden Kreatur, dauernd in den Dreck gezogen wird…“

Der sechste Fall des Münchner Kriminaloberinspektors Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer) wurde am 11. Mai 1975 erstausgestrahlt. Das Drehbuch Michael Molsners verfilmte TV-Regisseur Wilm ten Haaf, der innerhalb der öffentlich-rechtlichen „Tatort“-Krimireihe 1973 mit „Cherchez la femme oder Die Geister am Mummelsee“ debütiert und für den im Februar 1975 erstausgestrahlten „Tatort: Als gestohlen gemeldet“ erstmals mit der Figur Veigl gearbeitet hatte. Bis dato brachte es ten Haaf auf sieben „Tatort“-Episoden.

„Der Fall war von Anfang an klar!“

Landwirt Leo Koczyk (Wilmut Borell, „Nachts, wenn der Teufel kam“) ist im Münchner Untersuchungsgefängnis wegen Mordverdachts inhaftiert. Er soll seinen eigenen Hof in Brand gesetzt und seine Schwägerin Thea (Lisa Fitz, „Schulmädchen-Report“) umgebracht haben. Am Abend vorm ersten Prozesstag liegen die Nerven bei ihm blank, was zu einem Streitgespräch mit dem Schließer (Peter Gebhart, „Ein unheimlich starker Abgang“) führt. Als ihn dann auch noch der Mitinsasse seiner Zelle, Huber (Werner Schnitzer, „Siska“), bis aufs Blut provoziert, droht ihm Koczyk, ihn umzubringen und behauptet ihm gegenüber, den Mord tatsächlich begangen zu haben. Will Koczyk Huber nur Angst machen, damit dieser ihn in Ruhe lässt, oder handelt es sich tatsächlich um ein Geständnis? Huber jedenfalls gibt Koczyks Aussagen sogleich weiter, was Oberinspektor Veigl und die Staatsanwaltschaft auf den Plan ruft. Ihnen gegenüber beteuert Koczyk weiterhin seien Unschuld. Veigl ermittelt in Koczyks Umfeld, bis er eine Eingebung hat und den Täter überführen kann.

„Du, mir pressiert’s!“

Ten Haaf beginnt seinen „Tatort“ im Untersuchungsgefängnis, dessen unwirtliche Atmosphäre er ausdrückt, indem er einen aufgekratzten Koczyk zeigt, der sich vom Schließer bevormunden und auf seine Zelle schicken lassen muss, in der ihm auch noch Unsympath Huber seinen Broiler weggemampft hat. Nachdem das Geständnis ausgesprochen und der nächste Tag angebrochen ist, installiert ten Haaf recht bald seine unvermittelt einsetzende erste Rückblende, die den damaligen Brand der Scheune Koczyks und die erste Befragung vor Ort zeigt. Dass letztere in relativer Ruhe vor dem Hintergrund lodernder Flammen durchgeführt wird, mutet etwas bizarr an. Man erfährt zudem, dass es sich bei Koczyk um einen ehemaligen DDR-Bürger handelt, der nur vermeintlich politisch verfolgt gewesen sei. So werden weitere Zweifel an Koczyks Integrität gesät.

Auf eine weitere Rückblende zum Leichenfund folgt eine Rückblende innerhalb der Rückblende, womit man sich endgültig von jeglicher klassischer Narration verabschiedet und es sich denkbar einfach macht, um das Publikum mit immer weiteren Details zu versorgen. Dass die Tote Koczyk tatsächlich mit ihren Informationen zum Scheunenbrand erpresst hatte, reitet Koczyk noch weiter rein – er bleibt Hauptverdächtiger. Das ist über weite Strecken vollkommen überraschungsfrei und die dialogreiche klassische Ermittlungsarbeit aus Veigls Perspektive ermüdet zusehends. Was Veigl zu Tage fördert, ist dann zwar nicht ganz trivial, bedauerlicherweise aber trotzdem nicht sonderlich spannend und statt einen aufregenden Subtext zu ergründen, bleibt es bei biederen Untersuchungen, Figuren und Motiven, abgeschmeckt mit Bayern-Klischees wie einer Liebelei in der Heuscheune und mindestens einem Kruzifix in jedem Raum. Und Urbayrischer als Gustl „Meister Eder“ Bayrhammer geht ohnehin kaum. Der gerngesehene Helmut Fischer als Kriminaloberwachtmeister Lenz hat dagegen kaum zu tun. Weshalb der Fall seinem Chef „von Anfang an klar“ gewesen sein soll, bleibt Geheimnis des Dialogbuchs, denn die Handlung beweist das Gegenteil.

Aber: Die finale Auflösung ist durchaus gewitzt, in mancherlei Hinsicht überraschend und entschädigt so für manch Durststrecke, die die eine oder andere Figur wiederum mit frisch gezapftem Hellem bekämpfte, auf das man angesichts der idyllischen, sommerlichen Bilder Münchens und Umgebung selbst große Lust bekommt. Ein stärkerer Kontrast zu den Knastbildern aus dem Auftakt ist nur schwer möglich. Zudem sehen die Damen, Volksschauspielerin Veronika Fitz („Dieser Platonow…“, spielt Koczyks Ehefrau Adelheit) und Lisa Fitz – eigentlich Mutter und Tochter, hier Schwestern – überaus apart aus und meistern ihre Rollen elegant. Auch Borells Schauspiel, der seine Rolle als zwischen Verzweiflung und Berechnung changierenden Mann, der sich stets zu etwas Höherem berufen zu wähnen scheint, auslegt, ist ein Hingucker. Doch, ach – so lange es keine psychologischen Kabinettstückchen sind, tue ich mich mit solchen „Laberkrimis“ schwer; auch wenn sie eine eigentlich so einladende, gemütliche Zeitreise ins Bayern Mitte der 1970er darstellen…

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