„Haben Sie schon einen Verdacht?“ – „Nein, keine Spur.“
Wolfgang Beckers vierte Regiearbeit für die öffentlich-rechtliche „Tatort“-Krimireihe, genauer noch: deren Essener Ast um Kommissar Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und dessen Assistenten Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge), bedeutete für ihn erstmals die Inszenierung eines Drehbuchs, das nicht aus der Feder Karl Heinz Willschreis stammt: „Treffpunkt Friedhof“ wurde von Werner Kließ geschrieben. Die Erstausstrahlung erfolgte am 12. Oktober 1975.
„Wie ein Profi!“
Fahrzeugtuner Robert Geffken (Matthias Fuchs, „Ulrich und Ulrike“) überfällt Fabrikant Zangemeister (Peter Oehme, „Angeklagt nach § 218“) in dessen Haus, erschießt die ihn überraschende Haushälterin Frau Naumann (Erna Sellmer, „Klein Erna auf dem Jungfernstieg“) und erpresst ihn um 450.000,- DM. Zangemeister lässt sich notgedrungen und zähneknirschend darauf ein, wird aufgrund der krummen Summe aber stutzig: Es handelt sich um exakt den Betrag, den Schaßler (Karl Maria Schley, „Tatort: 3:0 für Veigl“), Chefkonstrukteur in Zangemeisters Fabrik, für eine Erfindung aufgerufen hatte, die das Unternehmen vor dem Bankrott bewahrte – die Zangemeister aber für überzogen hielt und Schaßler nicht auszahlte. Unabsichtlich brachte Schaßler in seinem Frust Robert und seien Tochter Ellen (Krista Keller, „Tatort: Kressin und die zwei Damen aus Jade“), die einst mit Robert in einer toxischen Beziehung liiert war und seit einem Sprung aus dem Fenster an der Krücke geht, auf die Idee zu dieser Tat. Für die Polizei würde er als Drahtzieher gelten, sodass Robert auch ihn in der Hand hat. Ellen, die auch mit dem Mord an der Haushälterin hadert, sucht nach einem Plan, Robert ein für allemal loszuwerden, während die Ermittler Haferkamp und Kreutzer zwar auf Roberts Spur geraten, aber noch keine Beweise haben…
„Als Liebhaber bist du ja ganz brauchbar…“
Der Auftakt, der Robert beim Manipulieren eines Telefongeräts, weiteren Vorbereitungen und schließlich der Durchführung der Tat in schwachen Ausleuchtungen zeigt, ist fulminant umgesetzt und sogar ein bisschen unheimlich. Anfänglich wissen die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht mehr als das Gezeigte und haben keinerlei Informationen zu Täter und Motiv. Dies ändert sich mit der Zeit, denn schön nebeneinander werden die polizeilichen Ermittlungsarbeiten und der Täter samt seinem Umfeld präsentiert, was nach und nach alles aufdröselt. Relativ früh wird dem Publikum sogar ein vollständiger Wissensvorsprung gewährt, was die Spannung zeitweise sehr herausnimmt. Das Figurenensemble indes ist interessant und irgendwie haben alle mindestens ein bisschen Dreck am Stecken, wenngleich hier bei Weitem niemand so cool ist, wie es der an der actionreichere Kinoproduktionen jener Zeit erinnernde, groove-funkige Soundtrack suggeriert.
Haferkamp bittet einmal mehr seine Verflossene Ingrid (Karin Eickelbaum) um Mithilfe, was in einem witzigen Rollenspiel (der Bulle und die Bulette!) in einer Kneipe mündet. Hinterm Tresen: Marie-Luise „Mutter Beimer“ Marjan. Mit Ingrid landet Hafi gar wieder im Bett, ganz Aufmerksame sehen Eickelbaum eine Millisekunde lang oben ohne. Im letzten Drittel liegt der Fokus zunehmend auf Ellen, die sich nicht nur als versierte Waffenmanipulatorin, sondern auch als durchtriebene Fallenstellerin entpuppt, die Haferkamp ohne dessen Wissen zum Erfüllungsgehilfen macht. Diesem gelingt das Kunststück, aus weiter Distanz mit seiner Bullenknarre zielgenau zu treffen. Da ging es wohl etwas mit Autor Kließ durch. Zu viele Clint-Eastwood-Western geguckt? Generell wirkt die ganze Handlung ein wenig überkonstruiert, tritt dramaturgisch zuweilen auf der Stelle und hätte aus ihrer Femme fatale gern mehr herausholen können. Dennoch: Gute Unterhaltung!