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„Der Ausländer reist, wenn er aus den arabischen Staaten kommt, wie auf einem fliegenden Teppich.“

Der von Regisseur Wolf Gremm („Die Brüder“) nach einem Drehbuch Peter Stripps inszenierte Westberliner „Tatort: Tod im U-Bahnschacht“ ist die erste von nur drei Episoden um Kommissar Schmidt (Martin Hirthe, „Jeder stirbt für sich allein“). Sie wurde am 9. November 1975 erstausgestrahlt und kontrovers diskutiert – nicht nur, weil es sich um den ersten „Tatort“ handelte, der das Gastarbeitermilieu zu seinem Hauptthema machte. Es sollte Gremms einziger Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe bleiben.

„Wenn ich nicht dabei bin, dann klappt auch nichts!“

Beim Ausbau des Westberliner U-Bahnnetzes kommt es zu einem tödlichen Unfall: Der sich illegal in Deutschland aufhaltende junge Türke Mehmet wird von einem Bulldozer überrollt. Vorarbeiter Bauler (Klaus Münster, „Matratzen-Tango“) versucht, das Unglück zu vertuschen, damit die Behörden keinen Wind von den Zuständen auf der Baustelle bekommen: Von einem Menschenschmugglerring lässt man sich eine Vielzahl billiger, aber illegaler Arbeitskräfte vermitteln. Beim Beseitigen der Leiche beobachtet ein Betrunkener (Friedrich G. Beckhaus, „Freispruch für Old Shatterhand“) jedoch ein verdächtig heraushängendes Bein und meldet das der Polizei. Dies ruft die „Arbeitsgruppe Ausländer“ um Kommissar Wagner (Manfred Günther, „Bolwieser“) und seinen Kollegen Schmidt auf den Plan, die sich auf die Suche nach der Leiche begeben. Bauleiter Kaiser (Reinhard Kolldehoff, „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“) hat Sorge, dass Mehmets Schwager Arkan (Erdal Merdan, „Reise der Hoffnung“) etwas ausplaudern könnte, und lässt daher dessen Schwester Ayse (Meral Orhonsay, „Karamurat – Seine Rache bringt den Tod“) entführen und in einem Bordell unterbringen, wo sie zur Prostitution gezwungen wird. Die Polizei hingegen will mit Arkans Hilfe Kaiser sowie Abdullah (Senih Orkan, „Topkapi“), den Chef des Menschenhändlerrings, überführen. Doch Arkan, der wegen einer Messerstecherei verhaftet wurde, ahnt nichts von den Ausmaßen seiner Rolle als Köder, als er während eines Gefangenentransports entkommt. Er begibt sich auf die Suche nach Ayse und schwebt in Lebensgefahr, da Kaisers Männer hinter ihm her sind…

„Zwei Bullen zählen auch nur bis drei!“

Zum Auftakt überfährt einen dieser „Tatort“ regelrecht mit einer erschütternden Szene: Ein Schwarzarbeiter wird zweimal von schwerem Arbeitsgerät überrollt. Die visuelle Drastik, mit der dies einhergeht, war für seinerzeit für den „Tatort“ ungewöhnlich und sicherlich für viele Zuschauerinnen und Zuschauer ein Schock. Kurz darauf wird das Publikum mit den türkischen Menschenhändlern Abdullah und Osman (Tuncel Kurtiz, „Die Hoffnung“) sowie den Vertuschungsabsichten in Bezug auf den tödlichen Unfall konfrontiert. Der Abtransport des Leichnams auf der Ladefläche eines Lkw erinnert an Viehtransporte. Doch die eigentlichen Hinterleute – daran lässt die Handlung keinen Zweifel – sind die sich an den illegalen Machenschaften und prekären Arbeitsbedingungen bereichernden, wohlsituierten Eheleute Kaiser. Diese, so erfährt man, hatten früher DDR-Bürgerinnen und -Bürger in die BRD geschleust: Fluchthilfe mitnichten aus Barmherzigkeit, sondern gegen Bares.

Bei der Polizei wird derweil über illegale Einwanderer referiert, inklusive fragwürdigen Aussagen (s. Eingangszitat). Die ermittelnden Kommissare werden seltsamerweise zunächst gar nicht namentlich eingeführt, sodass erst einmal unklar bleibt, wer Wagner und wer Schmidt ist. Letzterer entpuppt sich hier als selbstgefälliger, eingebildeter und eitler Schnösel, der lange Zeit gar keine führende Rolle einnimmt – so lässt sich nur schwer erahnen, dass der Westberliner „Tatort“-Zweig um diese Figur herum aufgebaut werden soll. Abdullah wiederum erfüllt nicht nur optisch jedes Klischee eines schmierigen türkischen Ganoven, während sein Kollege Osman eher dandyhaft angelegt wurde. Wie in einem trashigen türkischen Genrefilm wurde der fingierte Messerkampf zwischen zwei Türken inszeniert und ein Verhör findet bei Tee und Wasserpfeife statt. Einzig Ayse entspricht keinem Stereotyp, die junge Türkin trägt kein Kopftuch und wirkt modern.

Der mit einigen echten türkischen Schauspielern gedrehte „Tatort: Tod im U-Bahnschacht“ watet also tief durch Klischees, sensibilisiert aber zugleich für die schwierige, unmenschliche Situation illegaler ausländischer Arbeiter, wozu auch die Bilder aus der Abschiebehaft beitragen, und dafür, auf welche Weise andere von deren Nöten und Hoffnungen profitieren. Nachdem sich Schmidt langsam als Leiter der Ermittlungen herauskristallisiert hat, konversiert er weiter dann und wann mit seinem Vorgesetzten Wagner, u.a. beim Karatetraining. Der Gefangenentransport, aus dem sich Arkan befreien soll, wird dann arg offensichtlich „getürkt“ durchgeführt, nicht einmal die Türen des Wagens sind verriegelt. Man muss daher erst einmal darauf kommen, dass die Polizei im Showdown wiederum unabsichtlich ein derart dilettantisches Bild abgibt: Quintessenz des Falls ist es, dass die Exekutive sich am Ende selbst im Weg steht und im Zuge einer Geiselnahme offenbar lieber den Tod des wichtigsten Zeugen in Kauf nimmt, statt ihn zu schützen, und somit fahrlässig die Chance verspielt, der Drahtzieher im Hintergrund habhaft zu werden. Schmidt und Co. schauen dem tragischen Ausgang weitestgehend teilnahmslos ins Auge und entfernen sich im Zeitlupentempo vom Tatort.

Offenbar war es intendiert, dass die Polizei unsympathisch und stümperhaft dargestellt wurde. Daher stand anschließend die Frage im Raum, ob es tatsächlich – wie es in der offiziellen Begründung hieß – die harsche Todesszene vom Beginn war, die den SFB diese Episode bis 1992 in den Giftschrank sperren ließ – oder nicht doch der Umstand, dass sich der reaktionäre CSU-Fettwanst Franz Josef Strauß auf den Plan gerufen fühlte und es zu einem Zerwürfnis zwischen dem SFB und Regisseur Gremm aufgrund der kritischen Darstellung der Polizei gekommen war. Auch die Darstellung der Migranten stieß nicht auf ungeteilte Gegenliebe. All dies macht „Tatort: Tod im U-Bahnschacht“ zu einer brisanten Episode, die ebensolche Themen aufgriff und zeitgenössische deutsche Befindlichkeiten provokant herausforderte. Möglicherweise resultiert die mitunter etwas holprige, uneindeutige Inszenierung aus einem versuchten Spagat zwischen den Ansprüchen des Senders und Gremms Vision für einen etwas anderen „Tatort“.

Beinahe in Vergessenheit drohen darüber die schicken Schlitten, mit denen hier gefahren wird, und die teils abgedreht dissonante und teil folkloristische Musik der De-Angelis-Brüder alias Oliver Onions zu geraten – ganz zu schweigen von der rosafarbenen Herzbrille, die Frau Kaiser auf ihrem vornehmen Näschen spazieren trägt.

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