„Für eine Handvoll D-Mark" - (Karl May´s) Winnetou und sein Freund Old Firehand"
Nach den finanziellen Enttäuschungen von „Old Surehand" und „Winnetou und das Halbblut Apanatschi" musste sich etwas ändern im Karl-May-Film-Kosmos, wollte man den einstigen Erfolgs-D-Zug nicht endgültig in eine lahm vor sich hinzuckelnde Tram verwandeln. Produzent Horst Wendlandt hatte die zunächst einmal gar nicht so dumme Idee, die Stärken der Serie mit zentralen Elementen der aktuell enorm erfolgreichen Italo-Western zu fusionieren. Indem man also sowohl die immer noch große Fangemeinde der Winnetou-Filme wie auch die stetig wachsende Anhängerschaft der rauen Euro-Western gleichzeitig bediente, sollte es zumindest zahlenmäßig gelingen, wieder an die alten Zuschauermassen anzuknüpfen. Soweit die durchaus plausible Theorie. Dass dies in der Praxis dann aber gehörig schief ging, ist bei näherer Betrachtung allerdings ebenfalls logisch erklärbar.
Denn was Wendlandt bei dem pfiffigen Gedankenspiel übersehen hatte ist die simple Tatsache, dass zentrale Säulen der May-Erfolge wie Heldenmut, Freundschaft, Romantik sowie eine scharfe Trennlinie zwischen Gut und Böse, in den zuvorderst von Zynismus, Nihilismus und Brutalität geprägten Italo-Western nicht nur keinen Platz haben, sondern meist geradezu ins Gegenteil verkehrt werden. Herausgekommen ist daher beinahe zwangsläufig ein unausgegorener Zwitter, der beide Fan-Parteien nicht zufrieden stellen bzw. nur enttäuschen konnte.
So stapft ein gewohnt edelmütiger und entrückt auftretender Winnetou zu den wenig romantischen und auf Dauer arg nervenden Klängen des Neu-Komponisten Peter Thomas durch ein staubiges Mexiko-Setting (May-Experte Martin Böttcher wäre hier allerdings erst recht gänzlich fehl am Platze gewesen), in dem zwei brutale Gangsterbanden ein Grenzdorf terrorisieren. Letzteres läuft allerdings in vergleichsweise konventionellen Bahnen ab, da es auf Seiten der unschuldigen Dörfler eine Reihe aufrechter Gutmenschen gibt, die letztendlich natürlich den Sieg davon tragen. Zwar ist das Ganze deutlich härter inszeniert als gewohnt, verzichtet aber bewusst auf allzu blutige Brutalitäten. Von Sadismus oder Zynismus mal ganz zu schweigen. Mit anderen Worten: Der May-Freund wähnt sich im falschen Film, da es ungewohnt ruppig und unromantisch zugeht. Und der Italo-Western-Freund wähnt sich ebenfalls im falschen Film, da es ungewohnt geradlinig und heldenhaft zugeht, ganz zu schweigen davon, dass die mythisch-märchenhaft angelegten May-Figuren eher abschreckende Wirkung gehabt haben dürften. Beide sind mit den jeweiligen Originalen jedenfalls deutlich besser bedient, womit der Filmbesuch wenig Sinn macht.
Dieses grundlegende Dilemma ist zweifellos hauptverantwortlich für das Scheitern an den Kinokassen, was aber nicht ausschließt, dass noch mehr falsch gemacht wurde. Zu nennen wäre da vor allem der Titelheld. Der alternde, pelzbemützte Wildjäger Old Firehand wirkt in dem narrativen und optischen Leone-Setting des Films ähnlich deplatziert wie sein Freund Winnetou. Hinzu kommt, dass man mit dem abgehalfterten Hollywood-Haudegen Rod Cameron einen erschreckend uncharismatischen und zudem optisch wenig einnehmenden Darsteller gecastet hatte (Lex „Old Shatterhand" Barker war wieder einmal bei Konkurrent Brauner beschäftigt und Stewart „Old Surehand" Granger hatte die finanziellen Erwartungen nicht erfüllt). Zwar war auch Barker alles andere als ein großer Mime, verfügte aber über eine enorme Leinwandpäsenz und eine natürliche Helden-Aura, die dem drögen Cameron gänzlich abging. Granger wiederum überzeugte mit souveräner Lässigkeit, Selbstironie, Witz und Schlagfertigkeit und lies Cameron im direkten Vergleich wie einen überforderten und reichlich hölzernen Sidekick aussehen.
Das erschreckend schwache Drehbuch (1) tut ein Übriges, um diesen Umstand noch deutlicher herauszuarbeiten. Wenig hilfreich ist dabei vor allem die altbackene (Familien-)Geschichte um Firehands Jugendliebe Michèle und ihren gemeinsamen Sohn Wade. Als wäre dieser Nebenplot nicht hölzern und langweilig genug, kommt das uninspirierte Skript auch noch auf die absurde Idee, das ebenso plumpe wie fade Werben Firehands um die Verflossene durch einen komischen Nebenbuhler zusätzlich zu verblöden. Der spleenige Engländer Ravenhurst (Viktor de Kowa in seiner letzten Filmrolle) sollte wohl an selige Lord Castlepool und Jefferson Tufftuff-Zeiten anknüpfen, also die (ohnehin wenig originelle und oft reichlich überflüssige) Tradition der skurrilen Komiker-Cameos fortsetzen. Im Spaghetti-Western-Umfeld wirkt das aber noch absurder wie in der teutonischen Spielart, was im vorliegenden Fall doppelt zu Buche schlägt, da der erwähnte Handlungsstrang völlig unnütz ist und den Film dramaturgisch ein ums andere Mal zu Stillstand kommen lässt.
Überhaupt passiert über die gesamte Lauflänge erschreckend wenig. In deutlicher Anlehnung an den US-Klassiker „Die glorreichen Sieben" geht es nur darum, ob das Dorf mit der einfallenden Banditenbande fertig wird. Leider sind die sieben Helden in „Old Firehand" nur oberflächlich skizzierte Pappkameraden im Vergleich zu ihren klar akzentuierten und durchweg vielschichtigeren US-Pendants. Und obwohl Harald Leipnitz in seiner zweiten May-Schurkenrolle noch eine der besten Darsteller-Figuren abgibt, ist sein Charakter im Vergleich zu Eli Walachs schillernden Desperado-Anführer nur ein recht biederer Abklatsch. Schließlich ist einem auch das Schicksal der bedrohten Dörfler herzlich egal, da sie seltsam konturlos bleiben und man nie Zweifel an ihrem Schicksal hat.
Regisseur Alfred Vohrer (2) scheint all dies irgendwie dann doch bemerkt zu haben, versucht er doch diese Schwächen durch eine Welle von Explosionen zu übertünchen und übertrifft in dieser Hinsicht den ähnlich arbeitenden Vorgänger „Apanatschi" nochmals deutlich. So wird die ob der ereignislos vor sich hinplätschernden Geschichte schnell um sich greifende Müdigkeit wenigstens alle paar Minuten durch irgendeinen Dynamit-Knalleffekt jäh unterbrochen. Das führt dann allerdings auch dazu, dass man sich der enervierenden Überflüssigkeit ganzer Nebenhandlungsstränge erst recht bewusst und damit die angenehme Schläfrigkeit von weniger angenehmen Unmut abgelöst wird.
In diese Kerbe schlägt die ebenfalls völlig fehl geschlagenen Idee, die seit „Winnetou I" in teutonischen Teenagerkreisen kultisch verehrte Französin Marie Versini erneut als Winnetous Schwester Nscho-tschi auftreten zu lassen. Was ganz offensichtlich als genialer Casting-Coup geplant gewesen war, verkommt zum müden Rohrkrepierer mit Fremdschäm-Potential. Ähnlich wie ihr Filmbruder wirkt die grazil-püppchenhafte Indianerin im Umfeld der „Italosierung" wie ein irritierender Fremdkörper, zumal ihrer beider Szenen auch noch völlig unerheblich für den Fortgang der Handlung sind und problemlos rausgeschnitten hätten werden können. Zu allem Überfluss wird ihr dann auch noch eine Tempo-drosselnde Liebesgeschichte hineingeschrieben, die ähnlich halbgar und vor sich hin plätschernd aufgeführt wird wie diejenige Old Firehands.
Mit „Winnetou und sein Freund „Old Firehand" war der erfolgsverwöhnte Filmreihe auf ihrem absoluten Tiefpunkt angelangt. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch künstlerisch, dramaturgisch und nicht zuletzt Zielpublikumswirksam hatte das Flagschiff des bundesdeutschen Nachkriegskinos recht deutlichen Schiffbruch erlitten. Diese Entwicklung hatte sich freilich schon länger abgezeichnet und war durch den das Problem letztlich nur verschleiernden Erfolg von „Winnetou III" lediglich noch Mal etwas heraus gezögert worden. Der Publikumsgeschmack hatte sich Mitte der 1960er Jahre langsam aber merklich geändert. Zunehmend zynische (Anti-)Helden wie die lässig-brutalen Pistoleros im Italo-Western, aber auch der ebenfalls wenig zimperliche und mindestens pragmatisch veranlagte Super-Agent James Bond ließen das Bild vom aufrechten und gutherzigen Streiter für Gerechtigkeit und Frieden reichlich angestaubt und überholt aussehen.
Vor diesem Hintergrund mussten die Mayschen Heroen zwangsläufig wie ein antiquiertes Auslaufmodell wirken. Sie in das schmutzige und kaltschnäutzige Setting der italienischen Konkurrenz-Streifen zu verfrachten, machte diese Diskrepanz nur noch deutlicher. Insofern ist es wenig wahrscheinlich, dass eine konsequente Weiterführung der etablierten Formel oder ein höherer Produktionsaufwand mehr Erfolg gehabt hätten. Horst Wendlandt hatte die Zeichen der neuen Zeit durchaus erkannt, konnte die May-Serie aber dennoch nicht vor dem Untergang bewahren. Ein Vorwurf ist ihm ob der zunehmend ungünstiger werdenden Rahmenbedingungen aber eben auch nicht zu machen. Schade nur, dass der letzte Rialto-Winnetou-Film auch qualitativ so eklatant - selbst gegenüber den schwächeren Vertretern wie „Der Ölprinz", „Old Surehand" und „Winnetou und das Halbblut Apanatschi" - abfällt. So sollte es ausgerechnet Wendlandts Dauerkonkurrent Arthur Brauner vorbehalten sein, der ausklingenden Filmreihe einen würdige(re)n Abgang zu verschaffen.
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Anmerkungen:
1 May-Veteran Harald G. Petersson überarbeitete das Skript der beiden Amerikaner David DeReske und C.B. Taylor um nachträglich noch etwas vom sträflich vernachlässigten Karl May-Flair hinzuzufügen. Letztendlich blieb dieses Unterfangen dann aber auf bloßes „Name-dropping" (Winnetou, Old Firehand, Nscho-tschi) beschränkt und scheiterte damit auf ganzer Linie. Da es zusätzlich an spannenden Begebenheiten, interessanten Figuren und ganz generell an einer straffen Erzählung haperte, war man nun auch von Autorenseite am Tiefpunkt angelangt.
2 Der versierte Handwerker und Edgar-Wallace-erfahrene Alfred Vohrer drehte hier seinen dritten May-Film und war damit sowohl für einen der besten Beiträge der Serie („Unter Geiern", 1964) wie auch für ihren Tiefpunkt („Winnetou und sein Freund Old Firehand", 1966) verantwortlich. Dass er auch Mittelmaß konnte, bewies er schließlich mit „Old Surehand" (1965).
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Literatur:
Chatain, Michael, „Vom Silbersee zum Tal der Toten". Das große Karl May Filmbuch, 2012.
Kastner, Jörg, Das grosse Karl May Buch. Sein Leben - Seine Filme - Die Filme, Bergisch Gladbach 1992, S. 249-256.
Petzel, Michael, Karl-May-Filmbuch. Stories und Bilder aus der deutschen Traumfabrik, Bamberg 1999, S. 353-370.