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„Ein frischer Wirbelwind aus Hollywood, oder doch eher ein zerstörerischer Taifun? - Karl May´s Unter Geiern"

Mit und nach „Winnetou II" war die Karl May-Welle auf ihrem absoluten Höhepunkt angelangt. Nicht nur, dass die (bundesdeutschen) Massen die Kinos stürmten, auch das heute ja fast schon obligatorische Merchandising überrollte die teutonischen Haushalte und Kinderzimmer. May´s Helden waren praktisch omnipräsent. Es gab Karten-, Würfel-, Brettspiele, (Action-)Figuren und diverse Bausätze (u.a. die Silberbüchse). Ein riesiges Geschäft waren in dieser vordigitalen Welt alle Arten von bildlichen Darstellungen in Form von Klebealben, Film-Bildbänden, Foto-Romanen, Postkarten, Postern, Starschnitten, Dia- und 3D-Bildserien und sogar (stark) gekürzten Super-8-Filmversionen. Aber nicht nur visuell, auch auditiv gab es praktisch kein Entrinnen. Martin Böttchers Melodien schallten aus den Radios der Republik und belegten wochenlang die vordersten Plätze der Hitparaden. In Deutschland war diese allumfassende Winnetou-Euphorie nur noch vergleichbar mit der zeitgleich grassierenden Bondomanie um den englischen Gentleman-Spion mit der Doppel-Null.
Produzent Horst Wendlandt, von jeher mit einem feinen Gespür für den Geschmack der breiten Masse gesegnet, erkannte die Gunst der Stunde und gedachte möglichst schnell nachzulegen. Warum dem dürstenden Publikum nicht einen doppelten Winnetou einschenken, eine (Über-)Sättigung schien schließlich (noch) nicht in Sicht. Also brachte er 1964 nur drei Monate nach „Winnetou II" den nächsten May-Film in die Lichtspielhäuser, pünktlich zum Weihnachtsgeschäft, was wiederum den Merchandise-Sektor nochmals kräftig ankurbelte. Eine ebenso simple wie einleuchtende Rechnung, die selbstredend voll aufging. „Unter Geiern" war der sechste May-Hit in Folge - Arthur Brauners "Konkurrenz"-Produktionen „Old Shatterhand" und „Der Schut" mit eingerechnet -, und das binnen zwei Jahren.

Da man die Dreharbeiten nur 14 Tage nach der letzten Klappe für „Winnetou II" in Angriff nahm, konnte man einen Großteil der Komparsen, Stuntleute und des Cast gleich weiter verpflichten. So tritt Gojko Mitic erneut und deutlich exponierter als stattlicher Indianer auf (diesmal gibt er den Schoschonen-Häuptling Wokadeh), Renato Baldini tauscht die Rolle des prinzipientreuen und humorlosen Fort-Kommandanten mit der eines ähnlich gestrickten Richters und Mario Girotti alias Terence Hill gibt zum zweiten Mal den naiven und herzensguten weißen Jüngling. Pierre Brice in seinem fünften Auftritt als Winnetou stand natürlich außerhalb jeglicher Diskussion.
Allerdings gab es erstmals einschneidende Veränderungen vor und hinter der Kamera, ein Risiko das zunächst voll aufzugehen schien, in der Nachbetrachtung aber womöglich schon den Keim des Niedergangs in sich trug. So stand erstmals in einer Wendlandt-Produktion nicht Harald Reinl hinter der Kamera, sondern der von ihm ohnehin präferierte Alfred Vohrer (ursprünglich sollte er bereits beim „Silbersee" auf dem Regiestuhl sitzen, aber die Constantin bestand auf Reinl). Dieser hatte vor allem bei einer Reihe von Edgar Wallace-Filmen ein ausgeprägtes Gespür für Action und Spannung bewiesen und so Wendlandt einige Hits beschert. Zwar verfügte er nicht über Reinls Auge und Faible für imposante Naturpanoramen, war aber ebenfalls ein ökonomisch und zielstrebig arbeitender Pragmatiker, der durch seine unkomplizierte und unaufgeregte Art bei Stab und Cast gleichermaßen gut ankam.  
Im Ton rauer, realistischer, aber auch brutaler und weniger märchenhaft als bei Reinl, trug „Unter Geiern" dann auch deutlich erkennbar Vohrers Handschrift, was der May-Serie eine neue Facette verlieh, die ihr zumindest in der hier verabreichten Dosis durchaus gut tat. Immerhin war dies bereits der fünfte Winnetou-Film binnen zwei Jahren, da konnte etwas Abwechslung im Tonfall nicht schaden. Zumal man mit Pierre Brice als Winnetou, etlichen umfunktionierten Schauplätzen aus Winnetou I und II (u.a. das Indianerlager der Assiniboins sowie das Bergmassiv des Mali Alan) sowie Martin Böttchers gewohnt melancholisch-schwelgerischer Filmmusik eine ganze Menge bewährter und beliebter Erfolgsgaranten mit an Bord hatte.  

Als Autoren engagierte Wendlandt diesmal die Eheleute Eberhard Keindorff und Johanna Sibelius, allerdings war der May-erprobte Harald G. Petersson zumindest noch in beratender Funktion integriert. Wieder einmal blieb vom Original-Roman nicht allzu viel übrig, so dass sich lediglich Fragmente der beiden Erzählungen „Der Sohn des Bärenjägers" und „Der Geist des Liano Estakado" im fertigen Skript wieder finden. Trotzdem funktioniert auch diesmal wieder das interpretative und ausgeschmückte Destillat der Buchvorlage als zwar simple, aber durchweg spannende und unterhaltsame Western-Fabel. Dies sah man lediglich - dafür allerdings vehement - unter eingefleischten Fans des Buchautors anders, was vor allem und insbesondere an der Darstellung des Old Surehand lag.

Dass der Maysche Westernheld in der Vorlage gar nicht auftauchte, sondern des Autors Alter Ego Old Shatterhand, konnte man gerade noch verschmerzen. Dass er aber in beinahe jeder Hinsicht der Beschreibung Mays widersprach, war dann des guten wohl doch etwas zu viel. So machte man aus dem noch relativ jungen, langhaarigen und wortkargen Westmann einen jovialen, flapsige Sprüche klopfenden Haudegen mit silbergrauen Kurzhaarschnitt. Das lag weniger an der blühenden Fantasie der Drehbuchautoren als vielmehr an Wendlandts Coup, einen echten (ehemaligen) Weltstar an Land gezogen zu haben, den Engländer Stewart Granger.
Da Lex Barker mit Konkurrent Brauner dessen drittes May-Projekt („Der Schatz der Azteken" sowie die Pyramide des Sonnengottes") drehte und damit als Old Shatterhand nicht zur Verfügung stand, lies der findige Wendlandt das Skript kurzerhand auf Old Surehand umschreiben. Als er dann die Chance sah Granger zu verpflichten, fackelte er nicht lange. Eine Entscheidung mit Folgen, denn der ehemalige Hollywood-Star hatte ganz eigene Vorstellungen vom Western im allgemeinen und der Rolle im speziellen. Und die unterschied sich ganz erheblich von Barkers wesentlich ernster angelegten Westmann-Interpretation. 

In der Literatur zu den May Filmen, aber auch in Interviews ehemaliger Costars Grangers wird häufig die These kolportiert, die flapsig-ironische Surehand-Darbietung sei ein Resultat von Grangers Blasiertheit und Arroganz hinsichtlich des absurd-drolligen Unterfangens eines teutonischen Western. Genährt wird diese Einschätzung v.a. von den Aussagen Pierre Brices und auch Götz Georges, die Granger als unkollegialen, hochnäsigen Nörgler beschrieben, dessen Star-Allüren das Arbeitsklima ein ums andere Mal negativ beeinflussten. Mag sein, dass Granger den europäischen Western etwas belächelte. Mag sein, dass ihm sein verblassender Starruhm zu schaffen machte. Seine Interpretation der Surehand-Rolle erinnert allerdings dermaßen frappierend an seine großen Hollywood-Hits, dass die bewusste Demontage des Projekts - zumal er mit Regisseur Vohrer sehr gut auskam und noch zwei weitere May-Filme drehte - nicht sonderlich plausibel erscheint. Von einem möglichen blasierten und überheblichen Auftreten ist er damit allerdings auch nicht zwingend frei gesprochen.
Granger spielt den Westmann in klassischer Swashbuckler (1) -Manier. Wie in seinen großen Abenteuer-Erfolgen der 1950er Jahre (u.a. 1952: „Der Gefangene von Zenda", „Scaramouche", 1954: „Beau Brummel") reagiert er auf tödliche Gefahren mit einem Augenzwinkern, begegnet seinen Gegner mit spöttischer Ironie und ist generell mit dem Mundwerk genauso schnell und treffsicher wie mit der Waffe. Diese offen zur Schau getragene Lockerheit stand natürlich in krassem Gegensatz zu Pierre Brices würdevoller, gestisch wie mimisch stark reduzierter Winnetou-Darstellung. Erstaunlicherweise funktioniert dieser Kontrast im Film aber sehr gut, zumal die liebevollen Frotzeleien Surehands dem ernsten Apachenhäuptling das ein oder andere Lächeln abnötigen und ihn damit etwas menschlicher und zugänglicher machen. Von der angeblichen Antipathie zwischen den beiden Mimen ist jedenfalls nichts zu sehen. Im Gegenteil, die Chemie zwischen ihnen stimmt (zumindest aus Sicht der Zuschauer). All dies nun als gemeine, absichtliche Vorführung und bissige Demontage von Winnetou-Figur und Karl May-Atmosphäre zu deuten wirkt arg überzogen, zumal ein solcher Egotrip eines der Hauptdarsteller sicher nicht im Interesse von Vohrer oder gar Wendlandt gewesen wäre.  
Anders ausgedrückt: Granger ist definitiv ein Glücksfall für den Film, der frischen Wind und neuen Schwung in die May-Serie bringt und ihr neben dem etablierten Heldenduo Barker-Brice eine weitere Erfolgs-Paarung verschafft. Grangers lustvoll-couragierter Auftritt ist zudem von einer lässigen Professionalität und Souveränität, wie man sie im deutschen Film (nicht nur) jener Zeit nur Selten geboten bekommt. Ob (selbst-)ironische Flapsigkeit noch den Geist Karl Mays atmet ist zwar sicherlich diskutabel, Granger treibt es aber nie so weit, dass man ihm Verrat an der Vorlage und am Publikum vorwerfen könnte. Ob er für seine Filmpartner ein angenehmer Zeitgenosse war, oder der von Brice in seiner Autobigraphie beschriebene „Kotzbrocken" (2), ist final nicht mehr zu klären und für die Qualität von „Unter Geiern" letztlich unerheblich.

Ein großes Plus war fraglos die diesmal für die holde Weiblichkeit zuständige Elke Sommer. Zwar war ihre Rolle weder bei May angelegt, noch für die Filmhandlung sonderlich relevant, Sommer aber durch ihren damaligen Starstatus - sie hatte auch schon im „Mekka" Hollywood gedreht - ein Glücksfall für Wendlandt, zumal sie auch noch ein Schnäppchen war. Arthur Brauner löste mit der Ausleihe von Sommer eine alte Schuld aus dem Vorjahr ein, als ihm Wendlandt Pierre Brice für seinen „Shatterhand"-Film zur Verfügung gestellt hatte. Und die blonde Würzburgerin machte ihre Sache ausgezeichnet, holte sie doch mit ihrer burschikosen Frechheit und natürlichen Frische das Maximun aus der Reißbrett-Rolle der naiven Annie Helmers heraus.
Für ordentlich Schwung sorgt auch wieder einmal Götz George. Eigentlich nur der Ersatzmann für den kurzfristig abgesprungenen Robert Fuller, belebte George den Film durch seine enorme Spielfreude und vollen Körpereinsatz. In der Rolle des Hitzkopfes Martin Baumann konnte er  - wie schon im „Silbersee" - seine beeindruckenden sportlichen Fähigkeiten voll ausleben. In den Drehpausen sah man ihn häufig mit den jugoslawischen Kaskadeuren und Stuntmen, von denen er sich einiges abschaute und selbstredend sämtliche Kampf- wie Reiterstunts ganz ohne Double erledigte. Seine schnellen, akrobatischen Bewegungen, eindringlichen Gesten sowie der pointierte Sprachduktus wirken (vor allem aus heutiger Sicht) oft etwas affektiert und theaterhaft übertrieben, was aber auch stark stark an den jungen Burt Lancaster (u.a. „Der rote Korsar") erinnert, womit wir wieder beim klassischen Abenteuerkino wären.

Überhaupt ist „Unter Geiern" der bis dato rasanteste May-Film. Vohrers Regie und Hallers Schnitt sorgen für ein enormes Tempo. Ständig ist etwas los, von der Auftakt-Bärenjagd (diesmal war Meister Petz zwar echt, dafür aber recht klein geraten) über den Überfall auf Baumanns Farm, der mit einem Gottesurteil verbundenen Befreiung Baumanns aus den Händen der Schoschonen, bis zu diversen Zusammenstößen der Geier-Banditen mit Indianern, Siedlern und anderen Weißen hat das Heldentrio Winnetou, Old Surehand und Bauman Jr. alle Hände voll zu tun, um der arg gebeutelten Gerechtigkeiit zum Sieg zu verhelfen. Mitunter geht es dabei auffällig brutal und kaltschnäuzig zu, eine Tendenz die es so bei Harald Reinl nicht gegeben hätte. So sterben bei dem Überfall auf Baumanns Farm sowohl die Ehefrau wie auch die kleine Tochter des Bärenjägers (der Amerikaner Walter Barnes in seinem zweiten May-Film nach „Winnetou I") den Flammentod. Baumann, der Indianer vom Stamm der Schoschonen für die Schuldigen hält, zeigt daraufhin tief verletzt die häßliche Fratze des Hasses und der blinden Wut und beleidigt auch den treuen Freund Winnetou schwer. Geier-Boss Preston (George-Kumpel Sieghardt Rupp mit einer etwas blassen Vorstellung) erschieß nicht nur kaltblütig und genüsslich zwei seiner Männer, sondern schändet mit seiner Truppe auch einen Indianerfriedhof und richtet unter den Wächtern ein Blutbad an.
Vohrers Wallace-Erfahrungen werden aber auch noch an anderer Stelle überaus deutlich. So inszeniert er das nächtliche Erscheinen des zwielichtigen Predigers Tobias Barton (Mihail Baloh schön schmierig) auf Baumanns Ranch als gruseligen Spannungsmoment im flackernden Kerzenschein mit teilweise halb, teilweise von untern beleuchteten Gesichtern. Das anschließende Verhör durch den misstrauischen Martin Baumann ist ein lupenreines Kriminalfilm-Szenario. Dieses spannend inszenierte (Verwirr-)Spiel aus Verdacht und Täuschung setzt sich am Folgetag fort, als auch noch ein falscher Offizier erscheint, der heimlich mit Barton in Verbindung zu treten versucht. Natürlich ahnt man irgendwann, dass beide der Geierbande angehören, aber wie Vohrer diese Szenen aufbaut, arrangiert und messerscharf auf den Punkt bringt ist großes Entertainment. Böse Zungen mögen hier Kolportagehaftigkeit unterstellen, die treffgenaue, gekonnt herbei geführte Wirkung jedenfalls ist nicht weg zu diskutieren.

Bei all der lustvollen Rasanz, dem unverschämt exzessiv vorgetragenen Unterhaltungswillen, dem vehementen Streben nach dem nächsten Knalleffekt, bleibt das Romantisch-Märchenhafte der Reinl-Filme weitestgehend auf der Strecke. Man kann das natürlich monieren, vielleicht auch bedauern, im Fall von „Unter Geiern" funktioniert all dies aber prächtig. Der fast schon obligatorisch simple Gut-Böse-Plot wird mit so viel Verve vorgetragen, dass man seiner kaum gewahr wird. Das sahen auch die Zuschauer so und der Film avancierte nach „Winnetou II" zur zweiterfolgreichsten deutschsprachigen Produktion der Spielzeit 1964/65.
Horst Wendlandt hatte mal wieder aufs richtige Pferd gesetzt und nicht nur einen zweiten Regisseur neben Reinl und damit eine weitere May-Interpretation etabliert, sondern auch einen zweiten Westmann neben Winnetou in den Sattel gesetzt, der kein bloßes Abziehbild von Barkers Shatterhand war. Ob Grangers vermeintliche Star-Allüren, die zunehmend schwächeren Skripts, oder einfach eine langsam einsetzende May-Übersättigung für den abnehmenden Erfolg seiner weiteren Surehand-Auftritte verantwortlich zeichneten, ist letztlich rein akademisch. 1964 jedenfalls schien das Wendlandtsche May-Imperium auch für die Zukunft bestens gerüstet.

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Anmerkungen:

(1) Dramaturgische Bezeichnung für Maulheld und Raufbold „(...) der zugleich Held in einer romantischen Liebesgeschichte ist. Ihn zeichnen besondere körperliche und sportliche Eigenschaften aus (...). Er ist risikofreudig und geistesgegenwärtig, handgreiflich und doch eigentlich ideell orientiert." (Wulff,  Abenteuerfilm, S. 18)

(2) „Er mochte Karl May nicht und machte sich über ihn lustig. Er tötete den Mythos und versuchte alles unter seinen zerstörerischen Einfluss zu bringen. (...) Zwischen uns gab es keine Sympathie." (Brice, Winnetou und ich, S. 278 f.
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Literatur:

Brice, Pierre, Winnetou und ich. Mein wahres Leben, Bergisch Gladbach 2004
Chatain, Michael, „Vom Silbersee zum Tal der Toten". Das große Karl May Filmbuch, 2012
Kastner, Jörg, Das grosse Karl May Buch. Sein Leben - Seine Filme - Die Filme, Bergisch Gladbach 1992, S. 184-192.
Petzel, Michael, Karl-May-Filmbuch. Stories und Bilder aus der deutschen Traumfabrik, Bamberg 1999, S. 211-226.
Wulff, Hans J., in: Filmgenres. Abenteuerfilm, Stuttgart 2004

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