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Lieben nicht alle Filmfreaks und Pubertätsopfer Filme über diese verwirrten Einzelgänger, die plötzlich in fremde Welten geworfen werden? Sei es in NOSFERATU der biedere Immobilienmaklersgehilfe, in 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM der sprachlos gewordene Pilot, in SAVE THE LAST DANCE die halbwaise Möchtegerntänzerin, oder erst kürzlich die Sonnenanbeterin Bella in TWILIGHT, die plötzlich im vampirverseuchten moosbedeckten Regenwald landet. All das sind Figuren, deren Einsamkeit, Befremdung, Staunen und Verwundbarkeit uns vertraut sind. So wachsen sie uns ans Herz.
Denn wir alle kennen ein Unverständnis wie Franz Kafkas Landvermesser, der vergeblich nach dem SCHLOSS Ausschau hält: „Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.“


Und so verständnislos sieht auch Lindsay Lohan aus der Wäsche. Ist sie nicht zum Knuddeln?!?


Aber natürlich hält sich Mark Waters nicht mit solch kafka-mäßigen „langen“ Betrachtungen auf. Im Genre der Teenie-Komödien ist Tempo und Rasanz erste Bürgerpflicht. Und natürlich Komik. Waters beherrscht diese Klaviatur. Aber ähnlich wie K. geht es Cady Horan in GIRLS CLUB. Aus der klaren, überschaubaren Welt ihrer Kindheit kommt sie in ein unverständliches Labyrinth. Sollte hinter der Schule nicht ein Anbau sein? Nein, der existiert schon lange nicht mehr. „Marsmensch“ nennen sie ihre Mitschülerinnen.


Denn Cady kommt aus der sonnigen afrikanischen Steppe in die Highschool: Immerhin erinnern sie die Riten in Mensa und Einkaufszentrum an afrikanische Wasserlöcher. Aber statt mit Klauen und Zähnen wird hier mit Intrigen und Konferenztelefonaten gekämpft.


Wir Filmfreaks lieben solche Filme (wie AVATAR – AUFBRUCH NACH PANDORA), wo unsere Zivilisation genüsslich demontiert wird und edle Wilde triumphieren. Zuvor muss Cady noch einige Aufs und Abs erleben, sie selbst wird vom Landei unverhofft zur verhassten „Plastic“, zu einer der gefürchteten Schul“Diktatorinnen“ im Barbie-Look, bevor sie ein gesundes Gleichgewicht findet zwischen Embryonalzustand (Afrika) und krankmachender Zivilisation (US-Highschool).


Und genüsslich lässt sich das mitverfolgen. Die Entertainerin Tina Fey schrieb das grandiose, urkomische Drehbuch und sich selbst einige der besten Dialoge (z.B. die Konfrontation mit ihren SchülerInnen in der Parfümerie, oder die Missgeschicke bei Cadys Begrüssung im Klassenzimmer). Wäre ich noch im „Dramatisch Gestalten“-Kurs am Gymnasium, so würde ich die Dialoge von GIRLS CLUB dort zu Studienzwecken vorschlagen. So bissig, rasant, pointiert, grotesk und absurd, daß sie sogar ohne die großartigen SchauspielerInnen des Films wirken. (*) Dazu die Off-Kommentare der Heldin: Da lebt man gern mit dem üblichen Happy-End, auch mit gewissen Ähnlichkeiten zu anderen Filmen. Und auch wenn Cady mal in eine Mülltonne fällt (TOXIC AVENGER und TROMA lassen grüßen) und mal richtig gekotzt wird: Meist ist es zum Glück „Wortkotze“, wodurch sich GIRLS CLUB dann doch positiv von anderen Teenie-Filmen abhebt.


Und auch das „saubere“ Happy End wird noch relativiert: Ein rasender Schulbus fährt immerhin noch drei Nachwuchs-„Plastics“ krachend über'n Haufen.


Nein, war nur'n Scherz!


(*) Zugegeben, bzgl. guter Dialoge gibt es einige US-Filme/Serien, von denen wir in Deutschland lernen könnten: „Gilmore Girls“, „Juno“, „Veronica Mars“...


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