„Was treibst du denn so?“ – „Das Übliche, wenn du sitzt...“
Der britische Regisseur Douglas Hickox debütierte 1959 mit dem von „Godzilla“ inspirierten Monsterfilm „Das Ungeheuer von Loch Ness“ und pausierte anschließend recht lange, bevor er 1970 mit der Komödie „Seid nett zu Mr. Sloane“ zum Kino zurückkehrte. Genrefans ist er vor allem durch seine kongeniale Zusammenarbeit mit Vincent Price für die Horrorkomödie „Theater des Grauens“ bekannt, doch ein Jahr zuvor, 1972, entstand ein zu Unrecht in Vergessenheit geratener Gangster-Streifen, für den er auf niemand Geringeren als Oliver Reed in der Hauptrolle zurückgreifen konnte: Die Romanverfilmung „Blutroter Morgen“, auch bekannt als „Time For Killing“ oder unter ihrem Originaltitel „Sitting Target“, entstanden in britisch-US-amerikanischer Koproduktion.
„Wieso du Hemmungen hast, zuzuschlagen, werde ich nie begreifen!“
Harry Lomart (Oliver Reed, „Die Teufel“) sitzt für 15 Jahre wegen Totschlags hinter Gittern. Als ihn seine Frau Pat (Jill St. John, „Der geheimnisvolle Dritte“) nach einiger Zeit mal wieder dort besucht, eröffnet sie ihm, dass sie nicht plane, länger auf ihn zu warten, im Gegenteil: Sie erwarte bereits ein Kind von einem anderen Mann. Wutentbrannt durchschlägt Harry die Trennscheibe des Besucherraums und würgt Pat, bis die Wärter eingreifen. Der seelisch tief verletzte Harry erträgt den Gedanken an seine untreue Frau nicht und sieht nur noch eine Lösung: Sie muss sterben. Zusammen mit den Mithäftlingen Birdy (Ian McShane, „Die alles zur Sau machen“) und MacNeil (Freddie Jones, „Frankenstein muss sterben“) bricht er aus dem Gefängnis aus und plant seinen Rachefeldzug. Inspektor Milton (Edward Woodward, „The Wicker Man“) stellt Pat derweil unter Polizeischutz...
„Es gibt kein morgen – es gibt nur ein Heute!“
Eben noch befand sich Harry beim Training innerhalb der Justizanstalt, kurz danach brennen ihm auch schon die Sicherungen durch. Die Szene mit der Trennscheibe besitzt sprichwörtliche Durchschlagskraft und macht dem erschrockenen Zuschauer unmissverständlich klar, dass mit Harry nicht gut Kirschen essen und schon gar nicht Schlussmachen ist. Nach dem erfolgreichen Ausbruch setzt sich MacNeil nach Liverpool ab, während es Harry und Birdy in den Süden Londons zieht. Harry besorgt sich eine Schnellfeuerwaffe und sucht den Wohnblock auf, in dem Pat lebt. Pat hält eine Unterredung mit Milton, der Harry auch einst in den Knast brachte, und es kommt zu einer nervenaufreibenden Schlägerei auf dem Balkon des obersten Stockwerks, als Harry dazustößt und die Plauderrunde empfindlich stört. In bester Manier macht er die hinzueilenden Bullen kalt und entkommt erneut.
„Die Polizisten sind schlimmer als die Leute, die im Knast sitzen!“
Hickox inszeniert daraufhin einen Nebenhandlungsstrang, in dem Harry und Birdy mit Verrätern abrechnen. Sie suchen die Wohnung eines gewissen Martys (Frank Finlay, „Teufelskreis Y“) auf, dessen promiskuitive Freundin es erst einmal Birdy treibt (was Hickox indes nicht zum Anlass für eine Sleaze-Szene nahm). Bei den folgenden Auseinandersetzungen stirbt der mit der Polizei zusammenarbeitende Marty. Das Finale lässt Harry seiner abtrünnigen Frau mit einem Scharfschützengewehr auflauern und die Ereignisse überschlagen sich schließlich: Eine überraschende Wendung, ein abgekartetes Spiel, eine Verfolgungsjagd per Pkw – und ein Showdown voller starker Bilder, der in eine berührende Schlussszene mündet, die von, ja, von wahrer Liebe zeugt und ihrem Film ein halboffenes Ende beschert.
„Der muss ja einen Schädel aus Beton haben!“
„Blutroter Morgen“ ist ein angenehm straff inszenierter Gangster-Streifen, der neben der altmeisterlich gekonnt erscheinenden Regie viel von seinem Hauptdarsteller Oliver Reed lebt. Dieser versteht es nämlich, trotz Minimalmimik der tragischen Note seiner Rolle Ausdruck zu verleihen. Er wirkt trotz seiner Brutalität menschlich, wie ein Mann mit tiefen, echten Gefühlen, die bei ihrer Verletzung in Hass und Rachegelüste umschlagen. Unberechenbar, kühl und grobschlächtig gibt er sich nach außen hin, um seine Zerbrechlichkeit zu kaschieren. Die Handlung hat durchaus etwas vom Film noir an sich, u.a. seinen Fatalismus. Die Kameraarbeit hält ebenfalls prima bei Laune und zeigt sich bisweilen gar von einer originellen Seite. Schauspielerisch gibt es bis in die Nebenrollen allgemein nichts zu meckern. „Blutroter Morgen“ ist eine vergessene Perle des britischen Gangster-Kinos der ‘70er-Jahre, die neben Spannung, Action, Tempo und Charakterfressen auch eine nicht ungefähre emotionale Ebene aufweist, die sie veredelt.