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„Zahltag…“ – „Ja, für Sie!“

Kriminalhauptkommissar Brammers (Knut Hinz) vorletzter von nur vier Einsätzen entstand unter der Regie des erfahrenen Krimiregisseurs Jürgen Roland („Stahlnetz“, „Dem Täter auf der Spur“), der damit innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe debütierte. Es handelt sich um die Verfilmung des Romans „Der Zahltag“ aus der Feder Joachim Jessens und Detlef Lerchs, die, von Werner Jörg Lüddecke in Drehbuchform adaptiert, im Juni 1976 gedreht und bereits am 15. August desselben Jahres erstausgestrahlt wurde.

„Ganz schön kess für Ihren Dienstgrad!“

Ewald Merten (Jörg Pleva, „Das Millionenspiel“) und Otto Wollgast (Dirk Galuba, „Und der Regen verwischt jede Spur“) überfallen in Hannover dilettantisch den Schürmann-Supermarkt. Eigentlich war ausgemacht, keine Waffengewalt einzusetzen, doch als Wollgast dennoch mit seinem Revolver zielt, geht Merten dazwischen. Dies wird ihm strafmildernd ausgelegt; er verbüßt nur eine kurze Haftstrafe, während Wollgast für sechs Jahre hinter Gitter muss. Schürmann (Rudolf Schündler, „Das Stundenhotel von St. Pauli“) ist Merten sogar bei dessen Resozialisierung behilflich, indem er ihn als eine Art „Mädchen für alles“ anstellt. Merten baut sich eine bescheidene Existenz im ostholsteinischen Heiligenhafen auf, wo er mit Frau Margot (Monica Bleibtreu, „Der Joker“) und Tochter Angelika (Evelyn Bartsch, „Kinderheim Sasener Chaussee“) lebt. Als Wollgast aus der Haft entlassen wird, nimmt er Kontakt mit einem mysteriösen Hintermann auf, bricht in Schürmanns Villa ein und knackt dessen Tresor, der sich jedoch als leer erweist. Kommissar Brammer setzt Schürmann, der gerade seinen Urlaub in Heiligenhafen verbringt, über den Einbruch in Kenntnis. Auch Wollgast reist dorthin, sucht Merten auf und bittet ihn um Geld. Als ihm dieser unmissverständlich klarmacht, nichts mehr mit ihm zu tun haben zu wollen, sinnt er auf Rache…

„Sie können sich!“

Der Prolog zeigt den Überfall auf den Supermarkt, im Anschluss setzt die Handlung sechs Jahre später wieder ein. Man ist versucht, den Herrn, der es sich an Schürmanns Privatpool gemütlich macht, sich einen Cognac gönnt und eine Musikrevue im Fernsehen schaut, für Schürmann zu halten, doch stattdessen handelt es sich um dessen Hauswart Willi Köhler, der die Vorzüge seines Jobs genießt, während der Chef im Urlaub weilt. Nicht damit gerechnet hat er jedoch, von Wollgast niedergeschlagen zu werden. Walter Jokisch („Der Fall Jägerstätter“) spielt diese Nebenrolle bravourös! Bei Schürmanns erfahren wir von einem Vater-Sohn-Konflikt – und das pikante Detail, dass Schürmann sen. pleite ist und den Überfall zum Anlass nimmt, über Versicherungsbetrug nachzudenken, was der Junior (Werner Pochath, „Die neunschwänzige Katze“) nicht gutheißt.

„Aufhängen, das Schwein!“

Kurioserweise verschwindet Brammer, der sich einen Spruch über mieses Betriebsklima auf der Wache anhören muss, nach bereits rund 20 Minuten ebenfalls in den Urlaub und bittet darum, Polizeiobermeister Hesse (Uwe Dallmeier, „Viola und Sebastian“) in dieser Angelegenheit zu kontaktieren, der, wie es der Zufall so will, selbst gerade seinen Urlaub genießt – und zwar bei seiner Tochter in Heiligenhafen. Bühne frei für Uwe Dallmeier, der sich zunächst den Zuschauerinnen und Zuschauern gegenüber gar nicht als Bulle zu erkennen gibt und mit einem Fisch unterm Arm wie ein Tippelbruder durchs Ferienidyll an der Ostsee zieht. Er verkörpert einen ganz anderen, schwer sympathischen, etwas kauzigen und vor allem ruhigen, besonnenen und menschenfreundlichen Ermittlertyp, der nun von den Kollegen belästigt wird. Von Hannover ist von nun an nicht mehr viel zu sehen, stattdessen verbreitet Heiligenhafen sommerliche Urlaubsstimmung und wird mit massivem Lokalkolorit bunt und anheimelnd aufs Band gebannt, während Hesse im Mittelpunkt steht.

Aus heutiger Perspektive ungewöhnlich mutet an, wie häufig die kleine Angelika alleingelassen wird. Als Hesse sie am Strand anspricht, weckt das direkt unschöne Assoziationen. Ja, die Zeiten erschienen unschuldiger… Als Angelika dennoch entführt und Merten erpresst, genauer: zum Überfall auf die örtliche Sparkasse gezwungen wird, ist klar, dass Wollgast der Übeltäter ist. Die Spannung generiert sich aus der Frage, wie Merten mit der Situation umgehen und welche Folgen all das für ihn und seine kleine Familie haben wird. Es wird dramatisch und beim Überfall versucht er gar nicht erst, unerkannt zu bleiben. Aus Angst um Angelika informiert man nicht die Polizei und durchaus nachvollziehbar treibt ihn die pure Verzweiflung zu dieser Tat.

Was genau Wollgasts perfider Plan ist, erschließt sich, wenn er die Polizei extra zur Sparkasse lockt und dieses Ablenkungsmanöver nutzt, um seinerseits eine andere Bank zu überfallen. Vor der Sparkasse versammelt sich mittlerweile ein Pulk Schaulustiger, der sich am Spektakel erfreut, aber auch in Lynchmob-Manier das Geschehen gehässig kommentiert – ein deutlicher Anflug von Sozialkritik. Die Polizei hinterlässt auch nicht den besten Eindruck, wenn sie ohne Rücksicht auf Verluste respektive die Kund(inn)en und Mitarbeiter(innen) Reizgaspatronen in die Filiale schleudert – was indes unproblematisiert bleibt. Während Margot zur Bank eilt, malt sie sich schon panisch aus, wie die Leute sich das Maul zerreißen werden, was ein Off-Kommentator hörbar macht. Mit wem Wollgast zusammenarbeitet, wird in dieser Besprechung ebenso wenig verraten wie eine interessante Wendung gegen Ende, die der Handlung noch einen besonderen Kniff verleiht. Es bleibt dabei, dass es diesmal keinen Mord gibt, der Showdown an und in der Ostsee fordert aber doch noch einen Toten. Aus dem Off erklingen zu einem Standbild die Richtersprüche.

Dies ist ebenso die Ausnahme in einem „Tatort“ wie der vollzogene fliegende Ermittlerwechsel. Ungewöhnlich auch die zeitweise abgefahrene Musik, die auf ihre spezielle Weise zum bunten Treiben passt, das Kameramann Frank A. Banuscher fulminant einfing – seine Bilder sind ein Genuss. Jürgen Roland und seinem Team ist eine wahrlich unterhaltsame Räuberpistole gelungen, ein Urlaubskrimi, der etwas überkonstruiert all seine Figuren in einem Ferienidyll vereint, dafür aber mit mehreren Überfällen, Einbruch, Betrug, Kindsentführung, Geiselnahme, nackter Gewalt, einem Familienzwist sowie einem bis in die Vergangenheit zurückreichenden Geheimnis eine ganze Menge zu bieten hat, ohne etwas davon über Gebühr auszuschlachten. Und nicht zuletzt empfahl sich Dauer-„Tatort“-Gast Dallmeier mit seiner Ermittlungsarbeit für die Hauptrolle als Kriminalhauptkommissar Nikolaus Schnoor im „Tatort: Wat Recht is, mutt Recht bliewen“ aus dem Jahre 1982 (der jedoch leider nicht in Serie ging).

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