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„Wenn Sie mich fragen: Der Brand war billig!“

Der achte „Tatort“ um den Münchner Kriminaloberinspektor Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer) entstand nach einem Drehbuch Erna Fentschs, das von TV-Regisseur Lutz Büscher, der damit innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe debütierte, inszeniert wurde. Das Kriminaldrama wurde im Sommer 1976 in München und Umgebung gedreht und am 2. Januar 1977 erstausgestrahlt. Im Jahre 1983 folgte mit „Roulette mit 6 Kugeln“ Büschers zweite und letzte „Tatort“-Inszenierung.

„Halt’s Maul und sei lieb!“

Am Münchner Stadtrand brennt nach einer Explosion ein altes, sanierungsbedürftiges Schulgebäude ab, anschließend wird dort die verbrannte Leiche einer jungen Frau gefunden. Es stellt sich heraus, dass nicht das Feuer die Todesursache war, sondern ein Genickbruch. Dies ruft die Mordkommission um Melchior Veigl auf den Plan, der gemeinsam mit Ludwig Lenz (Helmut Fischer) und Josef Brettschneider (Willy Harlander) ermittelt. Um den Hausmeister der Schule, Heinrich „Enrico“ Riedel (Werner Asam, „Eiger“), der mit seiner Frau Sophie (Ruth Drexel, „Die Marquise von O.“) in der Schule lebte, befragen zu können, muss er ihn in dessen Urlaub in einer Ferienhütte aufsuchen. Riedel frönt dort nicht nur dem Wasserski, sondern vergnügt sich auch mit seiner Geliebten Babette Götz (Sissy Höfferer, „Mathias Sandorf“), während seine Frau ihren Vater besucht. Durch den Brand kassieren die Riedels eine erkleckliche Versicherungssumme, zudem ist Riedel vorbestraft, scheint über seine Verhältnisse zu leben und dem abgebrannten Gebäude keine Träne nachzuweinen, was ihn zusätzlich verdächtig macht. Jedoch scheinen alle froh darüber zu sein, dass das marode Bauwerk ein Raub der Flammen wurde: die Schulleiterin Dr. Hildegard Förster (Karin Hübner, „Tatort Berlin“), die sich freut, dass endlich eine neue Schule gebaut werden muss, der in finanziellen Schwierigkeiten steckende Architekt Ruby (Michael Degen, „Supermarkt“), der bereits einen Neubau plante… Und dann sind da noch die türkische Reinigungskraft, die seit dem Feuer verschwunden ist, und die junge Frau, die aus der brennenden Schule floh. Ein Indiz ist eine Brosche, die in den Trümmern gefunden wurde. Wer also war die Tote, warum musste sie sterben und in welchem Zusammenhang steht der Schulbrand mit ihr?

Zu Beginn sieht man das – wie sich später herausstellen wird – Mädchen aus der brennenden Schule laufen, das aufgrund seiner maskulinen Züge auch als Junge durchgegangen wäre. Dass alle das Gebäude gehasst zu haben scheinen, macht die Ermittlungen für Veigl und Konsorten nicht einfacher. Diese Episode nimmt das Tempo bereits früh durch minutenlange Wasserski-Szenen in sommerlichen Idylle heraus, die wie Werbung für die Trendsportart anmuten. Generell erscheint es kurios, an einem 2. Januar eine sommerlich-sonnige Episode wie diese auszustrahlen – ein bewusstes Kontrastprogramm? An Hausmeister Riedels Hütte öffnet dessen Geliebte Babette oben ohne die Tür und auch im weiteren Verlauf zeigt sich die debütierende Sissy Höfferer im knappen Bikini recht freizügig, was zur ungezwungenen Sommerstimmung passt. Riedel entpuppt sich als ungewöhnlicher Hausmeister und hochgradiger Chauvinist, was dazu beiträgt, ihn nicht nur als Hauptverdächtigen, sondern auch als unsympathischen Antagonisten zu zeichnen. Lenz beschattet im weiteren Verlauf Riedel und Babette, in erster Linie wird das Publikum jedoch mittels dialogreicher Ermittlungen, bei denen man oberhalb des Weißwurstäquators auch nicht jedes Wort versteht, ins Koma gequatscht.

Das Tempo bleibt sehr behäbig und wird durch weitere Füllszenen gestreckt; die Vielzahl eingeführter Figuren sorgt für Verwirrung, statt die Handlung interessanter zu gestalten. In einer Rückblende bekommt man es auch noch mit Windsurfen zu tun, bevor im Finale eine resolute Gastwirtin namens Stucki (toll: Helen Vita, „...und noch nicht sechzehn“) neben dem titelgebenden Mädchen eine unglaubwürdig konstruierte Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge-Auflösung auftischt, was mit einer weiteren Strecksequenz einhergeht: einem Videoclip der Sängerin Barbara (Ulli Günther – nicht zu verwechseln mit dem The-Lords-Sänger), den Kommissaren mittels Schmalspurprojektor vorgeführt. Dass dadurch offenbar nicht die Single eines aufkommenden Schlagersternchens beworben werden sollte, macht die Sache nur noch bizarrer, und dass sich alles als ein großes Drama herausstellt, will so gar nicht zur sommerlichen Atmosphäre dieses „Tatorts“ passen. Alles in allem trotz einiger schauspielerischen Leistungen, die man sich gern ansieht, und einer Handvoll gelungener Szenen ein dramaturgisch misslungener „Tatort“, dafür ein recht wirksames Schlafmittel…

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