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„Ich habe Geld gebraucht…“

Krimi-Experte Jürgen Roland („Stahlnetz“, „Dem Täter auf der Spur“) debütierte im Jahre 1976 mit der Episode „...und dann ist Zahltag“ innerhalb der öffentlich-rechtlichen „Tatort“-Reihe – und bescherte dem glücklosen Kriminalkommissar Brammer (Knut Hinz) seinen ersten wirklich gelungenen Fall. Ein gutes Jahr später, am 6. November 1977, wurde Rolands zweiter, von Joachim Wedegärtner und Fred Zander geschriebener „Tatort“ ausgestrahlt, der zugleich Brammers Schwanengesang wurde: In „Das stille Geschäft“ übergibt er den Staffelstab an Major Delius (Horst Bollmann, „Wie ein Blitz“) vom Militärischen Abschirmdienst, der ab 1979 seinen eigenen „Tatort“-Zweig erhielt.

„Ich habe es gerne, wenn es so friedlich ist.“

Boutique-Besitzerin Ina Meineke (Cilla Karni) befindet sich in einem finanziellen Engpass, aus der ihr der mysteriöse Herr Jahn (Günther Ungeheuer, „Polizeirevier Davidswache“) heraushilft. Was sie zunächst nicht ahnt: Sie hat gewissermaßen einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, denn Jahn ist ein Kundschafter der DDR, der sie nötigt, ihm geheime Konstruktionspläne ihres Mannes Ulli (Claus Theo Gärtner, „Ein Fall für zwei“), einem Bundeswehr-Hauptfeldwebel, zu fotografieren. Militärspionage! Eigentlich müsste Ulli umgehend den Militärischen Abschirmdienst verständigen, doch seine Frau hängt viel zu tief in diesen Verwicklungen drin und er will sie schützen. Jahn verlangt von ihm, ihm eines der neuen Panzersteuermodule auszuhändigen. Meineke willigt ihm ein und übergibt das Modul einem Kontaktmann Jahns, der jedoch bei einem Autounfall stirbt. Das Modul landet daraufhin bei Kommissar Brammer. Gemeinsam mit MAD-Major Delius nimmt er die Ermittlungen in diesem verzwickten Fall auf, während Meineke zu vertuschen und den Verdacht zusammen mit Jahn auf seinen stellvertretenden Vorgesetzten Lanz (Hans Peter Hallwachs, „Tatort: Taxi nach Leipzig“) zu lenken versucht. Gleichzeitig sitzt ihm Jahn im Nacken: Er will ein neues Modul haben – koste es, was es wolle…

„Ich versteh‘ kein Wort!“

Der Prolog zeigt den tödlichen Verkehrsunfall, Polizisten überbringen daraufhin die traurige Nachricht der vermeintlichen Frau des Toten – der jedoch wohlauf ist. Jemand hatte seine Identität angenommen. Texteinblendungen informieren anschließend über das Themengebiet der Spionage und diesen speziellen Fall, suggerieren Authentizität. Es folgt eine Rückblende, in der den Zuschauerinnen und Zuschauern Ina Meineke als polnischstämmige Boutiquebesitzerin in Lüneburg vorgestellt wird. Sie führt gerade eine Schau leichter Sommermode (mit Alida Gundlach respektive – damals noch – Fischer als Moderatorin) durch, als sich ihr Jahn als vermeintlicher Lieferant andient, der Geschäfte mit ihr machen möchte und sie bald über die Bundeswehr ausquetscht. Wir erfahren, dass ihr Mann dort in leitender Position tätig ist, illustriert von Schussübungsbildern mit heftigen Explosionen. Als sich die verzweifelte Ina ihrem Mann offenbart, steht sie bereits mit 15.000 DM in Jahns Kreide – und das Publikum weiß, wie diese Art der Spionage funktioniert. Inwieweit ein solches Vorgehen tatsächlich authentisch ist, entzieht sich indes meiner Kenntnis.

„Ich hab‘ nicht die leiseste Ahnung!“

Nachdem sich Ulli Meineke eingemischt und sich auf den Deal mit Jahn eingelassen hat, wirkt der Schnitt dieses „Tatorts“ erstmals eher unbeholfen, denn nun wird der Unfall aus dem Prolog exakt identisch noch einmal gezeigt. Immerhin weiß man nun, wo dieser zeitlich-dramaturgisch einzuordnen ist. Bilder einer Soldatenfeier werden von den expressionistischen Schattenspielen eines Spions oder einem seiner Handlanger, dessen Gesicht man nicht sieht, bei der Arbeit kontrastiert. Im Anschluss wird an die Szene mit den Polizisten bei der vermeintlichen Witwe angeknüpft, dieses Handlungselement wieder aufgenommen. Die Narration wirkt nun reichlich konfus. Brammer, mittlerweile – ganz der Bulle – schnauzbärtig, kommt erst nach einer halben Stunde ins Spiel; als Forensiker (o.ä.) tritt Edgar Hoppe („Großstadtrevier“) in Erscheinung, den regelmäßige „Tatort“-Gucker(innen) damals bereits als Kriminalmeister Höffgen aus den Kressin-Episoden kannten.

„Der Mann war ein Säufer!“ – „Der Mann war Agent!“

Zwischenzeitlich wirkt es, als wolle Roland (bzw. das Drehbuch) den Verdacht erwecken, einer der Polizisten habe etwas zu vertuschen, möglicherweise spielte meiner Wahrnehmung aber auch die ungewöhnliche Erzählweise einen Streich. In erster Linie vermitteln Roland und sein Team inmitten des Kalten Kriegs Einblicke in Geheimdiensttätigkeiten – in die der DDR einer- und die der BRD in Form des MAD andererseits –, was Brammer zu einer engen Zusammenarbeit mit MAD-Mann Delius zwingt. Bei dieser macht Brammer keinen sonderlich guten Eindruck: Wann immer man aufs gefundene Modul zu sprechen kommt, versteht er kein Wort und wirkt ein bisschen dümmlich. Schrieb man ihm auf diese Weise bereits seinen bevorstehenden Abschied aus der „Tatort“-Reihe ins Buch? Damit nicht genug ist er hier schlicht ein unsympathischer, unfreundlicher, ignoranter Arsch.

Einerseits kongenial ist es hingegen, wie man den Verdacht auf den bemitleidenswerten Lanz lenkt, idiotisch jedoch, dass Jahn in dessen Wohnung genüsslich qualmt und damit olfaktorische Spuren hinterlässt. Lächerlich ausgefallen ist Brammers Durchsuchung Meinekes. Für Zeitkolorit sorgen eingewobene Bilder eines echten Fußballspiels Hannovers gegen Köln um die Meisterschaft. Aufnahmen von Panzerübungen verdeutlichen, worum es bei diesem ominösen Modul eigentlich genau geht. Und fiese Möpp Jahn scheint hauptberuflich Expressionist, wirft nämlich mit Vorliebe lange Schatten.

„Das stille Geschäft“ ist nicht zu verwechseln mit einem Geschäft auf dem stillen Örtchen, sondern Rolands etwas ungelenker Versuch einer Agentenposse mit erschütterndem Ausgang, eine reißerische Mahnung ans Publikum. Sind die erwähnten erzählerischen Konfusionen erst einmal überwunden, ist dieser Fall durchaus spannend erzählt, ansprechend bebildert sowieso und zweifelsohne ein historisch interessantes Zeitdokument des Kalten Kriegs.

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