The Day After
I - 1983: Der kalte Krieg
Gut 25 Jahre ist es her, als dieser Film die Welt bewegte und bis in die Grundfesten erschütterte. Ich kann mich trotz der Zeitspanne noch gut daran erinnern, mit welchen Gefühlen ich die damalige Diskussion in der DDR verfolgte. An der Schule über „The Day After" zu reden, hieße über etwas Verbotenes reden, auch die Lehrkörper hüllten sich in allgemeines Schweigen. So blieben wir Schüler mit unseren Ängsten, die aufgrund des Filmes damals durchaus nachvollziehbar waren, allein. Da ich aber kein Westfernsehen schauen durfte - ich weiß auch nicht, wann der Film damals lief oder ob es nur eine Dokumentation zu diesem Streifen war -, mein Beitrag zur Schulhofdebatte war eher gering, und aufgrund der Schilderungen konnte ich nur erahnen, welche Aussagekraft dieser Film besessen haben muss.
Für Hollywood-Verhältnisse war der Film wegen des gewählten Themas in der Zeit des kalten Krieges fast als Sensation zu bezeichnen und die widrigen Verhältnisse, unter denen die Dreharbeiten zu leiden hatten, sind kaum in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit zu beschreiben. Regisseur Nicholas Meyer hatte zwischendurch fast schon hingeschmissen, als seine Version bei der ABC abgelehnt wurde. Sein ursprüngliches Vier-Stunden-Werk, als Zwei-Teiler geplant, wurde abgeschmettert, da die Fernsehmacher der amerikanischen Bevölkerung das schwierige Themas nicht an zwei Abenden zumuten wollte. Meyer musste also eine aufwendige Schnittprozedur durchführen, was sich wegen der verschiedenen Handlungsstränge als äußerst schwierig erwies. Dazu kam die mangelhafte Unterstützung seitens des Pentagons, welches eher Gefallen an patriotischen Machwerken der Marke „Top Gun" fand und in diesem Fall die Filmemacher tatkräftig unterstützte, um das amerikanische Militär in ein gefälliges Rampenlicht zu rücken. Bei „The Day After" wurde die militärische Beratung von etlichen Zugeständnissen abhängig gemacht, was in einer gewünschten Darstellung einer Defensivstrategie der amerikanischen Streitkräfte gipfelte.
Und doch ist „The Day After" filmhistorisch gesehen beileibe kein Einzelstück geblieben. „Das letzte Testament" oder das englische Doku-Drama „Threads" fallen ebenfalls in diese Epoche und zeigen, dass man auch anderweitig Auseinandersetzungen mit diesem Thema suchte. Drei Jahre später gab es auch von sowjetischer Seite mit „Briefe eines Toten" einen Beitrag zu diesem Thema. Von den genannten Filmen kenne ich nur das erschütternde „Threads", welches viele für den besseren Beitrag zu dieser Thematik halten. Dazu später mehr...
II - Der Film
„The Day After" kann man, trotz seiner gewöhnungsbedürftigen Thematik, in die Gattung der Katastrophenfilme einordnen. Er bedient sich auf geradezu klassische Art und Weise bei den bekannten Genre-Zutaten und bleibt somit streng konventionell in seiner Machart, auch wenn das düstere Endbild - vielleicht als Ausnahme - nicht ganz in das Schema passt. Der Film zerfällt zudem in drei Abschnitte, wie man es auch von anderen Filmen aus dieser Sparte gewohnt ist: Die Situation vor der Katastrophe als einführende Exposition, das nukleare Inferno als kurze aber drastische Zwischensequenz und grausames Bindeglied sowie die verheerenden Auswirkungen danach.
Das Leben vor dem Inferno wird anhand episodenhafter Skizzen von Menschenschicksalen in Kansas City und Umgebung fast eine ganze Stunde lang abgehandelt. Das kann ungeduldige Zuschauer vielleicht nerven, ist aber als Kontrast zum späteren Geschehen dennoch passend gewählt. Dabei setzt Meyer bewusst auf das Einfangen der ländlichen Idylle und das Schaffen von familiärer Vertrautheit und vermeidet plumpen Patriotismus. Und so fängt das Anfangsbild auch nicht die amerikanischen Skylines der Großstädte und ihren politischen und finanziellen Machtzentralen - wie dem Weißen Haus oder der Wall Street - ein, sondern zeigt die weiten Felder und Wiesen, kleine Dörfer, Farmer bei der Arbeit. Amerika ist schön, aber auf die unauffällige Art, es hätte ebenso gut auch eine andere Gegend auf der Welt sein können.
Auch wenn hier einige Handlungsstränge parallel verlaufen, ist die Person des Dr. Oakes (Jason Robards) als zentrale, den Film tragende Figur angelegt. Er ist es, der in allen Teilen der Katastrophe präsent ist und zur tragischen Figur wird. Anderen Personen, wie die der Farmerfamilie Dahlberg, wird ebenfalls ausführlich Platz eingeräumt, wenngleich die hier aufgeführten familiären Dramen etwas gekünstelt wirken und nicht immer Anteilnahme beim Zuschauer hervorrufen, oder wozu ist der Vater erzürnt über die nächtlichen Ausflüge der Tochter, die ihren Auserwählten doch sowie bald heiraten soll? Meyer lässt sich hier teilweise auf Seifen-Oper-Niveau herab und erzeugt mit dieser Oberflächlichkeit unnötige Distanz, was gerade so einem Film, wo mich die menschlichen Tragödien im weiteren Verlauf fesseln sollen, nicht zuträglich ist.
Gelungen ist hingegen die aufkommende bedrückende Stimmung in dieser Phase des Films. Sie wird durch die Hiobsbotschaften, die aus dem TV und Radio dringen, besonders getragen. Erschreckend die Abgestumpftheit der Menschen, denn manchmal ist nur eine Hintergrundberieselung zu verspüren, hin und wieder fragen sich zwar einige, was da wohl los sei in Europa. Echte Gedanken macht sich nur Dr. Oakes, der versucht, seine Sorgen mit seiner Frau zu teilen. Doch sie versucht wie viele Amerikaner, zu verdrängen, was sie sehen und hören. Da passt auch die folgende Szene gut in dieses Bild der Verdrängung: Die Familie Dahlberg bereitet den Umzug in den Keller des Hauses vor, als Katastrophenalarm ausgelöst wird. Die Frau des Hauses erfüllt weiter ihre alltägliche Pflichten, redet von Hochzeitsvorbereitungen und anderen Dingen. Als sie im Schlafzimmer nervös die Betten macht, zerrt ihr Mann sie plötzlich in Richtung Flur, sie fängt laut an zu schreien. Verstört bleibt der Zuschauer zurück.
Die Schmähungen, die der Film damals insbesondere vom sozialistischen Lager erfuhr, war in erster Linie der Schilderung der militärischen Geplänkel zu verdanken, demzufolge die Sowjets an der innerdeutschen Grenze Stellung bezogen. Doch erstens ist der Einbau einer militärischen Konfrontation zur Veranschaulichung der grausigen Fiktion eines atomaren Erstschlags unvermeidlich, zweitens verschleiert Meyer geschickt die Schuldfrage in einer Art Informationschaos. Reaktionäre oder sowjetfeindliche Tendenzen kann man somit nicht festmachen, denn nachdem der Aufmarsch von östlicher Seite als Übung bezeichnet wird, gehen die amerikanischen Truppen auf der Seite der Bundesrepublik in Stellung. Dann hat man schon etwas Mühe, die sich überstürzenden Meldungen noch korrekt zuzuordnen. Als dann das atomare Drama beginnt, wird weiterhin nicht klar sein, welcher Seite der Erstschlag zuzuschreiben ist. Eine in meinen Augen feinfühlige Note und kein fauler Kompromiss, denn schließlich wird es für die Menschheit egal sein, wer schneller am roten Knopf war...
Dann fallen zwei Atombomben in Kansas City und Umgebung. Dr. Oakes, der sich mit vielen anderen in Panik befindlichen Autofahrern auf der Autobahn befindet, wird Zeuge des Abwurfs. Unglaublich, wie echt die Atompilze in den Himmel ragen und umso erstaunlicher, wenn man weiß, dass simple rote Öltropfen, abgefilmt von der Wasseroberfläche, hier tricktechnisch das Grauen verkörpern. Das nun einsetzende Inferno dauert in etwas vier Minuten, macht also den kürzesten Teil des Filmes aus, ist aber in seiner Intensität kaum in Worte zu fassen. Die damalige Auswirkung auf den Zuschauer muss natürlich weitaus höher gewesen sein, da solche Szenen noch nie in dieser Deutlichkeit gezeigt wurden. Hier fiel mir spontan als Vergleich die Traumsequenz von Sarah Connor aus „Terminator 2" ein, und in „The Day After" ist diese Szene mindestens genauso erschütternd. Ein Feuersturm fegt über das Land hinweg, pulverisiert jedes Leben und legt alles in Schutt und Asche. Innerhalb von Sekunden werden Menschenleben ausgelöscht, teilweise bleiben nur die Schattenrisse als Erinnerung an ein Leben vor der Tragödie.
Der Tag danach beginnt mit einer Einblendung rauchender Trümmerfelder. Überall haben Menschen überlebt, doch auch wenn nur wenige Leichen ins Blickfeld rücken, ahnt der Betrachter anhand der erdrückenden Bilder, was die Katastrophe bewirkt haben muss. Dr. Oakes bemüht sich, im ortsansässigen Krankenhaus erste Hilfe zu organisieren. Der Andrang ist groß und keiner kann die Situation richtig einschätzen. Eigentlich wirkt alles wie die Nachwehen einer großen Naturkatastrophe, keiner ahnt im Moment, dass die wahre Gefahr in der Luft schwebt, die tödliche Strahlung ist einfach nicht fassbar für die Überlebenden, und wohl auch nicht für den Zuschauer. Doch letzterer muss schon schlucken, wenn Menschen aus ihren Verstecken ausbrechen, über die mit Atomstaub bedeckten Wiesen laufen und denken, dass jetzt das Schlimmste vorbei ist.
Man kann natürlich diskutieren, ob Meyer sein Szenario nach dem Atomschlag hätte drastischer zeichnen sollen. Viele halten seine Variante für nicht radikal genug, um das Grauen zu verkörpern. Doch was schreckt mehr: Die Vision, dass alles Leben auf der Stelle vernichtet wurde oder die Aussicht, dass einige wenige - vielleicht - überleben werden, denen allerdings eine düstere Zukunft vorgegeben sein wird? Und kann man „The Day After" als weniger „gelungen" bezeichnen, nur weil es Filme wie „Threads" gab, die noch krassere Bilder boten? In meinen Augen haben beide Filme gleichermaßen eine Beachtung verdient, nur ist „The Day After" in seinem Spielfilmformat und der damit zwangsläufig vorhandenen Handlung und den dramaturgischen Elementen eben als eine Art „Aufklärungsfilm für Jedermann" von Anfang an für die breite Masse gedacht gewesen, während der englische Beitrag - schwer im Magen liegend - nur kurz das Publikum schockte, und dann in der Versenkung verschwand, was natürlich bedauerlich ist. Doch wenn 100 Mio. Amerikaner gebannt vor dem Fernseher saßen und mit ihnen die damaligen Politiker, dann hat der Film viel erreicht.
Natürlich suggeriert Meyers Film - und das war für manche ein Kritikpunkt -, dass ein Atomschlag vielleicht doch, ähnlich einer begrenzt wirkenden Naturkatastrophe -, reparierbar wäre. Denn die zivilen Strukturen werden als nicht vollends zerschlagen dargestellt. Offenbar hat die Führung des Landes - wohl in Sicherheit gebracht - die Katastrophe überstanden und man macht den Menschen mit einem Wiederaufbauprogramm wieder Mut. Wohl eher unrealistisch, man müsste solche Parolen eher als Propagandamasche abtun. Das fragen sich auch die Leute in ihren abgeschotteten Kellern, die gebannt am Radio lauschen, aber irgendwie angesichts ihrer eigenen Lage den Worten keinen Glauben schenken wollen.
„The Day After" lässt viele Fragen zum Ende des Films offen: Wie stark sind überhaupt die Zerstörungen in ganz Amerika? Wie sieht es eigentlich bei den Russen aus? Wie werden die Langzeitwirkungen des Atomkrieges sein? Ist ein Wiederaufbau irgendwie denkbar? Dieses im Ungewissenlassen schwächt nicht unwesentlich die Grundaussage des Filmes. Wenn man den damaligen historischen Hintergrund mit berücksichtigt, eine gefährliches Spiel mit den Emotionen der Zuschauer, der einerseits die Schrecken einer Atomkatastrophe - beabsichtigter weise - vermittelt bekommen soll, auf der anderen Seite aber mit seiner Angst auch ziemlich allein gelassen werden. Doch kann überhaupt jemand sagen, wie schlimm die Katastrophe in der Realität aussehen wird? Auf der anderen Seite sprechen die Bilder hier für sich. Denn auch wenn man von staatlicher Seite versucht, den Aufbau herbeizureden, die parallel gezeigten Bilder sprechen eine andere Sprache: Farmer, die auf behördliches Anraten hin versuchen, die verseuchte Erde abzutragen, ausgehobene Massengräber, überfüllte Turnhallen mit Strahlenopfern, Erschießungskommandos für Plünderer.
Dr. Oakes, als aufopferungsvoller Arzt, wird nicht als Held nach amerikanischem Patriotismen-Muster in die Geschichte eingehen. Er ist genauso anfällig wie seine Patienten und altert scheinbar in einigen Tagen um Jahre. Die Strahlenkrankheit ist tückisch. Als er nach Kansas zurückgeht, kann er sich keine Hoffnung mehr machen. Sein Haus ist zerstört, die Familie mit Sicherheit tot.
Die Trostlosigkeit der letzten Bilder ist bewegend: In der Schlussszene will Dr. Oakes mit letzter Kraft eine Gruppe von alten Männern von seinem Grundstück vertreiben. Ein Mann reicht ihm mit stummer Miene einen Apfel. Dr. Oakes sinkt zusammen mit dem alten Mann in die Knie. Sie umarmen sich, halten sich fest. Ein Bild mit Symbolcharakter: Ein kleiner Funken von Menschlichkeit springt noch einmal über, in dieser Welt, in der es düster aussehen wird. Und dennoch sendet Meyer vielleicht auch einen Hoffnungsschimmer an uns, dass auch in der größten Not der Zusammenhalt untereinander Mut machen kann. Vielleicht aber nur eine trügerische Hoffnung? Denn wie es weitergeht, kann - oder darf? - der Film nicht mehr zeigen. Vielleicht ist es aber auch besser so...
III - Heute
Es fällt ziemlich schwer, zu diesem Film heute ein angemessenes Urteil zu fällen. Ich habe bewusst die formalen Mängel in den Hintergrund geschoben, da mir die Intention der Macher einfach wichtiger erschien als alle anderen Punkte, die man noch kritisieren könnte. So sind zum Beispiel die Schauspieler zum Großteil wenig überzeugend, einzig Jason Robards kann seine Rolle mit beeindruckender Souveränität ausfüllen, mit ihm leidet der Zuschauer am meisten. Auch sind die Handlungsstränge willkürlich auseinander gerissen und lassen nur vermuten, wie schwierig die Arbeit bei der Kürzung des Filmes gewesen sein muss. Ich habe oben nur kurz die simple - aber wirkungsvolle - Tricktechnik mit den Öltropfen erwähnt. Mehr Worte braucht man auch hier nicht zu verlieren, denn man kann nur schwer begreifen, wie andere sich bei so einem Film an „angestaubte Tricktechniken" erzürnen und einen Film deshalb abqualifizieren. Bei so einem Thema behandele ich solche Details mit einer anderen Wichtung, und außerdem, auch bei Actionfilmen des gleichen Semesters - wo solche Sachen eher in die Beurteilung einfließen - nimmt man ja für gewöhnlich auch eine zeitliche Einordnung vor.
Fazit: „The Day After" war damals auf alle Fälle ein mutiger Film. Er war ein Produkt seiner Zeit. Er hatte eine Signalwirkung, die bis in die damaligen Führungsriegen der amerikanischen Politik drang. Wenn sich nur ein paar Jahre später die Ära des Kalten Krieges langsam dem Ende zuneigte und dieser Film vielleicht auch einen Teil dazu beitragen konnte, so können wir heute rückblickend sagen, dass sich die Mühe gelohnt hat, diesen Film zu drehen.
Die heutige Relevanz ist für viele - teilweise auch Spätgeborene - eventuell gesunken, da die Risiken einer atomaren Bedrohung nicht mehr so hoch eingeschätzt werden wie damals. Wenn ich mir die heutige Weltkarte so betrachte, dann bin ich mir da nicht so sicher. Es gibt zwar kein klassisches Ost-West-Szenario mehr, dafür ist die Anzahl der Krisenherde vielerorts gestiegen, und es reicht nur ein Größenwahnsinniger, der das im Film gezeigte Szenario ohne Probleme Wirklichkeit werden lassen könnte.
Als filmisches Mahnmal somit immer noch eine klare Empfehlung.