„Der Leichendieb“, eine US-Produktion, die 1945 unter der Regie von Robert Wise das Licht der Leinwand erblickte, ist nach meinem Kenntnisstand die erste Verfilmung des klassischen Stoffs um Leichendieb John Gray, der fünf weitere folgen sollten.
Angesiedelt im schottischen Edinburgh des Jahres 1831, erzählt dieses Gruseldrama eine Geschichte von wissenschaftlichem Eifer und Forschungsdrang sowie medizinischer Ethik und fatalen Verbindungen zur Unterwelt und daraus resultierender moralischer Schuld. Als „handelsübliche“ Mad-Scientist-Mär kann „Der Leichendieb“ aber gewiss nicht bezeichnet werden, dafür fielen die unterschiedlichen Charaktere erfreulicherweise zu ambivalent aus. Selbst der im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehende Gray wird nicht plump als kaltherziges Monstrum gezeichnet, eher als zynischer Mann, der seinem Auftraggeber MacFarlane in Diskussionen bisweilen überlegen scheint. Dieser wiederum ist besessen von seinem anatomischen Forschungsarbeiten; so sehr, dass er indirekt Unheil herausbeschwört, als Gray seiner Wegen zum Mörder wird. McFarlanes Assistent Donald Fettes schmeißt alle moralischen Bedenken über Bord, als es um das Schicksal des gelähmten Mädchens Georgina geht. Nachdem er MacFarlane zur Operation Georginas überredet hat und diese erfolgreich durchgeführt werden konnte, kann das verängstigte Mädchen trotzdem nicht wieder laufen und der wenig empathische MacFarlane schafft es mit seinen aggressiven Vorwürfen schon gar nicht, ihr ihre psychischen Hemmschwellen zu nehmen. Diese intelligent konstruierte Handlung regt den Zuschauer dazu an, sich gedanklich selbst mit den aufgeworfenen Gewissensfragen auseinanderzusetzen, statt sich nur zurückzulehnen und seine Sympathien und Abneigungen vom Drehbuch vorschreiben zu lassen.
Wise bediente sich dazu expressionistischer Schwarz-Weiß-Bilder, die in all ihrer klassischen Eleganz und wirkungsvollen Düsterheit auch heute noch jeden Genrefreund mit der Zunge schnalzen lassen dürften. Darüber hinaus überzeugt ein glänzend aufgelegter Boris Karloff als Leichendieb Gray auf ganzer Linie und verleiht dem mehrschichtigen Charakter durch sein Schauspiel eine lebendige, glaubwürdige Bedrohlichkeit, die ebenfalls dazu beiträgt, diese filmische Perle weit über den Durchschnitt herauszuheben. Auch Henry Daniell als MacFarlane und Russell Wade als dessen Assistent agieren auf hohem Niveau; die mit Bela Lugosi besetzte Nebenrolle des bemitleidenswerten, doch gierigen Dieners Joseph erscheint da schon fast verschwenderisch.
Erst im dramatischen Ende erhält „Der Leichendieb“ seine phantastische Note, die sich aber auch ohne Weiteres psychologisch als Manifestation unterdrückter Schuldgefühle MacFarlanes erklären lässt. Bis dahin ist es in erster Linie das Ambiente, das dieses Drama zu diesem sehr sehenswerten Grusler macht, der gerade auch für Karloff-Fans zum Pflichtprogramm gehört.