Review

Abteilung vergessene Perlen!
Es bedarf schon eines umfassenden Überblicks über das Filmschaffen der 70er, um sich zu überzeugen, das Diane Keaton nicht erst weit über 50 werden mußte, um mal auf Zelluloid vor einem ebenso faltigen Jack Nicholson blank zu ziehen. Daß die Gute 1977 für Woody Allens "Der Stadtneurotiker" einen Darstelleroscar eingefahren hat, ist ja noch recht bekannt, aber der zweite Film für den sie im selben Jahr nominiert war, ist schon fast der Vergessenheit anheim gefallen, weil er nur als verstaubtes CIC-Video vorliegt.
Dazu kommt noch, daß man den Film ständig das Etikett "Thriller" oder noch schlimmer "Krimi" überstülpt, obwohl wir es mit einem erstklassigen Personendrama mit psychologischem Unterbau zu tun haben, in dem reichlich bekannte Gesichter selbiges in die Kamera hielten, noch dazu in einem frühen Stadium ihrer Geschichte.

Selbst ich brauchte die Wieder-mal-Lektüre von Stephen Kings "Danse Macabre" (in welchem der Film zweimal erwähnt wird), um bei der letzten Ausstrahlung im TV endlich zuzugreifen und es hat sich ungemein gelohnt: sogartige, harte 130 Minuten Frauenschicksal von einer Art und Weise, das dem männerdominierten Kino der 70er wohl die Ohren geschlackert haben.

Worum gehts: Keaton spielt die junge, aus einer katholischen Familie stammende Theresa Dunn, die als die unsichtbare, aber einfach zu händelnde Brave der Familie gilt, während ihre Schwester Katherine ständig mit Gold aufgewogen wird, obwohl sie es faustdick hinter den Ohren hat und schon mal spontan heiratet, während sie gerade zur nächsten Abtreibung in die Karibik unterwegs ist.
Theresa macht gerade ihren Abschluß als Lehrerin für gehörlose Kinder und ist im Job eine wahre Seele von Mensch, jedoch unter der Oberfläche brodelts gewaltig und zwischen den Schenkel brennt das Höllenfeuer.
Das bekommt zuerst mal ihr Prof zu spüren, dem sie vor dem reellen Vollzug schon mal in Gedanken an die Hose geht, doch hinter der Akademikerfassade verbirgt sich wieder mal ein typisch männliches Zerrbild: verheiratet, scheidungsunwillig, ständig philosophierend, aber dann doch den Hosenbund fallen lassend, um die bereitwillige Studentin dann wieder auf Distanz zu halten und sie wie Dreck zu behandeln.
Doch Theresa ist anders als die üblichen Filmfrauen, die sofort von der nächsten Brücke hucken, sondern geht ihren speziellen Masterplan an, denn Richard Brooks Film beleuchtet ausgiebig die Stellung der Frau, nachdem sich die Chose mit der Emanzipation und dem BH-Abfackeln wieder gegeben hat. Es ist eine sehr zwielichte, fast perverse Situation, denn einerseits ist die Gleichheit der Geschlechter endlich überall angekommen, sie wirklich leben kann frau sie dennoch nicht und wird dafür, bzw. für ihr typisch männliches Verhalten verachtet und abgelehnt.
Doch die Männer sind nicht nur Monster, sie sind auch Archetypen und mit den gängigen Rollenvorbildern kommt die Frau dann auch auf lange Zeit nicht zurecht. Und die Männer schon gar nicht, die hier in Reihe an einer fast schizophrenen Bettpartnerin scheitern.

Denn Theresa schießt sich nach dem Bruch mit dem bigott-verlogenen, aber extrem uneinsichtigen Elternhaus und einigen Zügen in den Kreisen ihrer Schwester (kollektives Pornogucken mit anschließendem Rudelbums) auf ein seltsames Doppelleben ein.
Während sie sich weiterhin für ihre Kinder aufopfert, logiert sie den Rest der Zeit in einer wenig attraktiven Bruchbutze mit ungefähr 20.000 Kakerlaken und zieht sonst durch die eher unansehnlicheren Kneipen, wo sie Männerbekanntschaften nicht abhold ist.

Zwischen Erwartungshaltung von Gesellschaft und Familie, dem allgemeinen Bild der Frau und ihren eigenen sexuellen Wünschen zerrissen, entwickelt sie immer neue und zunehmend selbstzerstörerische Charakterzüge, um ihr eigenes Selbst auszuleben, das sie eigentlich noch gar nicht gefunden hat. Sie trinkt, sie beginnt Drogen zu konsumieren und bügelt alles, was sich ihr zur Verfügung stellt, kommt mit ihren Wünschen und Vorstellungen jedoch immer weniger zurecht.
Sie pendelt dabei zwischen zwei Polen, dem virilen, unkontrollierbaren Gigolo Tony (ein sehr junger Richard Gere als hyperaktive Volldröhnung) und dem gesetzten und vernünftigen James, einem Sozialarbeiter der Stadt (William Atherton gegen den Strich als netter Typ), der in ihr die Frau zu finden hofft, von der ihr andere Leute ihrer Umgebung ständig berichten und der mit seinen Vernunftsbemühungen und seinem Werben für ein liebevolles und kultiviertes Zusammensein ständig gegen die Wand läuft, die Theresa unbedingt vermeiden will. Folglich behandelt sie ihn immer mehr wie Dreck, je mehr er in ihrer Umgebung als möglicher zukünftiger Ehemann definiert wird, interessanterweise von jedem außer von ihm und ihr selbst.

Brooks Film ist eine Tour de Force für eine Schauspielerin, eine lose, aber dann doch erzählerisch stringente Episodenabfolge über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren, die Visualisierung eines Entwicklungsprozesses und eine Analyse des Frauenbildes in den 70ern, die locker und aufgeklärt wirken, unter deren Fassade es aber noch beträchtlich gärt.
Ein Vorspann aus Disco-, Bar- und Kneipenbildern gibt dabei schon den Ton vor, von verderblichem Partyglanz rücken die Bilder immer mehr den Ernst des Sich-Auslebens in den Fokus und präsentieren die Dargestellten als schließlich müde, halbzerstörte und kaputte Wracks, die aus ihrer Endlosschleife nicht mehr herauskommen.
Ähnlich wird Theresa immer mehr trinken, schlucken, schniefen und vor allem rauchen (Keaton zündet sich fast in jeder neuen Szene - und es gibt endlos viele davon - eine Zigarette an), bis sie sich nicht mehr kontrollieren kann.
Aber Brooks präsentiert keine Abstiegsgeschichte und kein Rührstück, die moralinsaure Botschaft, die man dahinter vermuten könnte. Keaton leidet, aber sie klagt nicht - sie führt die Gespräche, sie dominiert die Männer, sie trickst und betrügt, zieht sie an und stößt sie von sich und führt verbal die scharfe, abwertende Klinge.

Natürlich ist das Finale des Films sicherlich diskutabel, in dem sie, ausstiegsbereit und des wilden Lebens müde, an Neujahr eine letzte Bekanntschaft mit nach Hause bringt und dieser Mann (übrigens der junge, geradezu beängstigend zornige Tom Berenger) sie, als es im Bett nicht funktioniert, zu flackerndem Stroboskoplicht in ihrem Bett absticht. Man könnte meinen, so würde ihr dann doch nur die Rechnung präsentiert, die sie sich selbst eingebrockt hat, doch die Tatsache, das ihr Mörder Gary ein unentschiedener, sich selbst verleugnender Homosexueller ist, der seinen Selbsthaß nur auf sie projeziert, als sie seine verzweifelten Versuche, mit ihr zu schlafen, nicht fruchten und von ihr aus Parymüdigkeit abgelehnt werden, ist eine bittersüße ironische Wendung - das Unterdrückte der einen Randgruppe, die sich gerade freischwimmt zerstört ein Mitglied einer anderen, das sich soweit freigeschwommen hat, das es möglich scheint, das es mit sich selbst endlich ins Reine kommt. Die Welt ist nicht schlecht, aber sie ist noch nicht reif.

Obwohl sicherlich angejahrt und geschlechterspezifisch nicht mehr ganz so aktuell, bleibt Brooks Film doch ein wichtiges Dokument über die Rollen von Mann und Frau in einer Zeit des Übergangs, als nichts und niemand mehr sicher sein konnte über sich und sein Gegenüber. Mit visuell teilweise drastischem Realismus und großer Freizügigkeit stürzt sich Keaton in ihre Rolle, die so geschrieben wurde, dass sie über die psychischen und psychologische Vielschichtigkeit der Figur nicht diskutiert, sondern per Bild theoretische Möglichkeit und Interpretationsansätze liefert. Wunschträume und Alpdruck, Traumata und Angstzustände mischen sich wie ganz normal unter die Szenenfolge und werden teilweise erst nach und nach als solche identifiziert. So entsteht ein erschreckend komplexes Bild einer Frau, deren Tod tatsächlich stattgefunden hat und zu dieser Geschichte inspirierte, mehr Facetten, mehr Rätsel gehen kaum in einen Film, bevor es gänzlich unerträglich wird. (8/10)

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