Review

Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Horrorfilmlexikon, in dem die Autoren Hahn und Janssen doch tatsächlich von einem "abgebrühten Kotzschocker" sprachen, als es an "Blutgericht in Texas" ging.
Im nachhinein weiß ich wirklich nicht, welchen Film sie gesehen haben oder ob sie es bei den Presseberichten belassen haben (wie bei der humorigen Halloween-Kritik), denn zum Kotzen ist das "Texas Chainsaw Massacre" an keiner Stelle.

Was der Film jedoch ist, das ist ein bedrohliches Stück Film blanksten Terrors, der nach der ersten halben Stunde ratzeputz ernst macht und wie weilend eine losgelassene Dampframme alles kaputt macht, was man so an Konventionen und filmischen Erwartungen mitgebracht hat.
Dabei generiert er von Anfang an eine ungute Bildsprache, eine erzählerische Unruhe, wie das unbestimmbare Gefühl, daß hier Finsteres auf uns zu kommt.
Der Vorspann zeigt uns drapierte Leichen auf einem Friedhof im blutroten Licht des Sonnenaufgangs, dann laufen die Vortitel zu Sonneneruptionen, gemeinsam mit Blitzlichtaufnahmen von Leichenteilen. Hereingestoßen in den Film müssen wir dann fünf jungen Leuten folgen (zwei Pärchen, ein rollstuhlgebundener Bruder eines der Mädchen), die im abgelegensten Arsch von Texas das Gehöft des Großvaters suchen und bemerken, daß auch deren Grab geschändet wurde. Das Horoskop liest sich schlecht, ein Truckfahrer beweist wenig Feingefühl und ein mitgenommener Anhalter (selige Hippiezeit) entpuppt sich durchgeknallter Volldegenerierter, der ehemals in der Nähe mit Freuden dem Schlachtberuf nachgekommen ist.

Tobe Hooper, der später derartige atmosphärische Intensität nicht mal mehr ansatzweise hinbekam, präsentiert uns die fünf klischeefrei als junge Normalos, denen man nicht den Tod wünscht, zu denen man aber auch nicht den Zugang bekommt, so daß ein semidokumentarisches Flair mitschwingt. Auf der Farm angekommen turnen dort nur Spinnen herum, nebenan jedoch logiert eine heruntergekommene Schlächtersippe, was keiner weiß.

Doch bald statten die ersten beiden dem Farmhaus einen Besuch ab, daß zwar ganz anheimelnd rüberkommt, aber doch eben sehr einsam und seltsam (allein die vielen Autos im Hof, notdürftig abgedeckt). Man betritt das Haus mit ungutem Gefühl und nichts deutet darauf hin, daß gleich eine Tür aufschwinkt, ein mit einer Menschhautmaske verkleideter Irrer einen Fleischerhammer schwinkt und dem jungen Mann mit zwei dumpfen Schlägen das Leben aus dem Schädel haut, bis es eben blitzschnell passiert.

Von da an kennt der Film keine Verwandten mehr. In gnadenloser Regelmäßigkeit müssen nun alle bis auf die nervöse Sally dran glauben, landen am Fleischerhaken oder unter dem Hammer, sehen sich zudem der Zerteilung per Motorsäge ausgesetzt. Es gibt kein Entkommen, sagt dem Zuschauer die brutale Nüchternheit, da braucht es weder explizite Nahaufnahmen, noch besonders viel Blut oder Splattereffekte.

Das ganze letzte Drittel zeigt die arme Sally inmitten dieser Familie von Ausgeklinkten, zu der neben dem Ledergesicht auch noch der Anhalter und der Tankwart gehören, samt eines mumifizierten Großvaters. Schlachtung nach dem Abendessen steht auf dem Programm, Ausweglosigkeit garniert mit Erniedrigungen und die Darstellerin der Sally beweist Können, indem sie tatsächlich die letzten 30 Minuten fast permanent durchkreischt, was ganz schön auf den Nerv geht und das auch soll.

Es ist sicher kein politisches Statement, was hier gemacht wird, aber gewisse systemkritische Ansätze über den Zusammenbruch der Gesellschaft und die Unpraktikabilität des Ersatzes, den die Schlächterfamilie frönt sind schon bemerkbar, wenn die Tötung des Schlachtviehs durch die Unfähigkeit des Großvaters immer wieder herausgezögert wird.
So löst sich der Film auch nicht richtig auf, zwar gelingt dem Opfer die Flucht, werden Familienmitglieder getötet, doch "Ledergesicht" bleibt am Ende als einsamer tanzender Killer in der Einsamkeit der texanischen Landschaft zurück, den Sonnenaufgang der Menschheit einläutend.

Bitte also beim "Blutgericht" keine Gore-Orgien erwarten - stattdessen ist dies ein brutal-offenes Stück Film, dessen Eigenständigkeit nie auf eine Fortsetzung spekuliert, sondern im historischen Kontext und mit über 30 Jahren Alter gesehen werden muß. Der Schrecken ist nicht die Säge oder der Killer, sondern die Situation und wie sie präsentiert wird. Insofern ein Klassiker. (8/10)

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