Raubbau am True Crime-Sektor ist nichts Neues, sondern eine lieb gewonnene Horrortradition. Neben Robert Bloch und später Alfred Hitcock dürften vor allem Regisseur Tobe Hooper und dessen Autorenkomplize Kim Henkel die berühmtesten Fischer im psychischen Brackwasser des Mörders, Kannibalen und Leichendiebes Ed Gein gewesen sein, der zum Zeitpunkt des Drehs bereits seit einigen Jahren in der kuscheligen Umarmung seiner Zwangsjacke verweilte und der Dinge harrte, die da noch kommen mögen.
Ähnlicher Dinge harrte ich 2003, als der Hype um Markus Nispels Remake zu "The Texas Chainsaw Massacre" in vollem Gang durch das Zimmer der 6. Klasse meiner Hauptschule bretterte. Selbst sah ich den Film erst 3 Jahre später im TV, während sich eine ominöse "neue Fassung" des Originals in einem DVD-Konvolut samt Player befanden, dass meine Eltern von einer Tante übernahmen. Ahnend, dass es sich bei der Version des Filmes um eine familienfreundliche Kastratenfassung für Filmdienstabonennten und andere kulturelle Bettnässer handeln würde ließ ich die DVD aber links liegen und holte diesen ca. 2008 / 2009 mittlerweile volljährig, aber BPjM sei Dank dennoch dennoch unmündig mit Hilfe eines Griffe in die Internettrickkiste nach. Was ich sah war interessant, aber es bedurfte noch einiger Sichtungen, damit der Funke übersprang. Mittlerweile ist der Film auch fester Bestandteil meines persönlichen Horrorkanons und packt mich immer wieder unangenehm bei den Eiern.
Die simple Prämisse: ein Sonntagsausflug in das staubige Herz der amerikanischen Fleischindustrie geht horribel schief. Der Blick auf rotzbesoffene Rednecks beim irrsinnigen Sonnenbad in der Mittagshitze lässt schon vermuten, dass der Wohlstand an der Stadtgrenze endet und die Leute hier arbeits - und besitzlos um ihre bloße Existenz kämpfen, während eine Gruppe Vorstadthippies auf Bustour fleißig Benzin verbrennt. Ohne niedere Motive zwar, aber vollkommen unbedacht.
Nach einem Besuch auf dem örtlichen durch Leichendiebe geschändeten Friedhof beschließt die Gruppe um Sally und ihren Bruder Franklin, deren altes Haus zu besichtigen, unwissend, dass in der Nachbarschaft der Überlebenskampf im kargen Hinterland längst neue Dimensionen angenommen hat: ein Mehrgenerationenhaushalt aus degenerierten Männern hat sich einer streng anthropophagen Diät verschrieben und nimmt sich nun eines Gruppenmitgliedes nach dem anderen an, wobei vor allem ein debiler Hühne mit Ledermaske die Schlachtarbeit übernimmt.
Kritik an der Fleischindustrie? Vietnamkriegsmetapher? Oder doch eine Abrechnung mit der Ölkrise? Was Tobe Hooper genau mit dem Film sagen wollte ist mir, der ich nicht allzu tief in dessen Materie stecke, ehrlicherweise schleierhaft, auf wenn ich das kritische Potenzial erkenne. Aber auch ein Amateurkritiker erkennt, auf welche sprichwörtliche Erkenntnis dieser Film hinausläuft: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf - in dem Falle ein Fleischwolf. Und besagter Fleischwolf könnte bereits in unserer Mitte leben, verborgen unter feiner weißer Wolle: insofern tendiere ich ja zur Vietnamvariante oder zumindest zu der etwas allgemeinere Version, dass die Frankensteins, Dracula und anderen Schreckgespenster ausgedehnt haben und nunmehr irdischer Terror das Genre regiert. Nix mehr mit schützender Metapher und so!
Dass Hooper, Henkel und Kameragenie Daniel Pearl uns hier blutige Details ersparen ist ein sadistischer Trick erster Güte, der den Zuschauer dazu zwingt, sich ein weitaus größeres Grauen auszumalen als es ketchuptriefende Silikoneffekte damals bieten konnten: Silhouetten und Andeutungen von Hakeneinsatz und Sägearbeit sind weitaus effektiver. Die unzähligen gescheiterten Schlacht ersuche des Großvaters sind mir immer noch äußerst unangenehm. Der im Wesentlichen aus metallischen Geräuschen und ebensolche Perkussion bestehende Proto - Industrial / - Noise Soundtrack, der klingt, als hätten die Einstürzenden Neubauten zusammen mit Merzbow ein Orchester aus einer verwahrlosten US-Irrenanstalt rekrutiert sowie die geschmackvoll stillosen Knochenkulissen verstärken das Unbehagen dann noch zusätzlich.
In Deutschland kam der Film mit einer massiven Verspätung von vier Jahren in die Kinos und wurde später in der Videoauswertung vom Fleck weg verbannt. Was dem zuständigen Gremium damals durch den Kopf ging weiß ich nicht, ist aber ob der Tatsache, dass im durchschnittlichen Tatort mehr Blut zu sehen war mehr als fraglich. Während es hier Indexhaft und gelegentlichen Freigang unter Schnittauflagen gab landete der Film in den sonst eher konservativen USA im Museum of modern Arts, was zu den größten Ehren gehört, die dem modernen Horrorfilm je zu Teil wurden. Hierzulande musste das Label Turbine Medien erst die vorzeitige Entlassung aus Zellenblock B gerichtlich erkämpfen, um den Film überhaupt erst einem dankbaren Publikum zugänglich machen zu können. Und dabei eine wahre Deindizierungswelle loszutreten. Also ein Pionierwerk in mehrerlei Hinsicht.