So 90s wie Grunge
Auch wenn „Cruel Intentions“ erst Ende seines Jahrzehnts in die Kinos kam, soll mir erst noch einer einen Film zeigen, der die Neunziger mehr verkörpert als dieser sexy Thriller auf Grundlage der klassischen Geschichte über Verführung und Intrigen. Gefüllt mit den hübschesten Gesichtern seiner Generation, erfolgreich in den damaligen Zeitgeist übertragen, nichts von seiner Frivolität oder Erotik verloren - „Eiskalte Engel“ hat meine Jahrgänge nicht weniger geprägt als „American Pie“, „Der König der Löwen“ oder „Clueless“, Matchbox Autos, Inliner oder die PlayStation. Für mich als Kind dieser Epoche ist das auch die beste Version dieser zeitlos-verruchten Geschichte - aber das tat Geschmackssache und fast ein Generationenkonflikt. Die Version aus den 80ern mit Close und Malkovich hat es definitiv auch in sich. Dennoch: allein wegen Sarah Michelle Gellar und einem All-Time-Soundtrack, den damals einfach jeder in seiner Sammlung stehen haben musste, geht für mich nichts über „Eiskalte Engel“. Erzählt wird über ein Geschwisterpaar (mit erstaunlich viel gegenseitiger sexueller Anziehungskraft…), das wettet, die sehr schüchtern und unschuldig wirkende neue Schülerin an ihrer New Yorker Eliteschule ins Bett zu kriegen - doch wahre Gefühle und fiese Finten geben dem Ganzen neue Gewürze und Wendungen…
A Bittersweet Symphony
„Cruel Intentions“ ist ein absolutes Kind seiner Zeit - und das ist toll so! Trotz der zeitlosen Romanvorlage könnte der Film kaum mehr 90er, kaum amerikanischer, kaum kinky-kitschiger sein. Seine Stars sowie Nebendarsteller waren damals mehr als nur der heisse Scheiss. Die Dialoge wurden exzellent in das Jahrzehnt der Erotikthriller („Basic Instinct“, „Wild Things“, „Showgirls“, „Disclosure“) und inzestuösen Tabus geholt. Und von dem Soundtrack mit The Verve, Placebo, Fatboy Slim, Blur, Faithless und vielen mehr will ich gar nicht erst zu Schwärmen beginnen. Das war/ist eine Compilation für die Ewigkeit, für die besten Cabriofahrten aller Zeiten. „Cruel Intentions“ hat nur noch wenig von seiner theaterartigen Ausgangslage, die Regie und Bildsprache sind dynamisch genug, kinoreif. Dabei würde ich behaupten, dass dieser Teenage-Erotik-Thriller durchaus erst im Heimkino zu echter Berühmtheit gelangte. Etwas kindlich-unreif sicher, aber doch irgendwie verboten gut. Verrucht, verspielt, versext. Stylisch und schön. Keine lahme Minute. Zwischen „Romeo & Julia“ und einem Softporno. Zwischen Soap und Säften. Kitschig, kess, nehm ich mit Kusshand. Damals wie heute. Und ehrlich gesagt, muss ich das noch nichtmal wirklich als Guilty Pleasure abtun. Für mich ist „Cruel Intentions“ ein Zeitdokument und eine bittersüße Herzensangelegenheit! Und den Vergleich zu sowas wie der „After“- oder „50 Shades“-Reihe von heute, will ich gar nicht erst ziehen. „Cruel Intentions“ ist dafür zu schade, spielt in einer ganz anderen Liga!
Fazit: von einem der besten CD-Soundtracks über die ultraheissen Darstellern bis zur einfach funktionierende, über die Jahrzehnte gestählte Plotkontruktion - „Eiskalte Engel“ ist nicht nur ein Kult-, sondern ein Qualitätsfilm seines Jahrzehnts!