„Das könnten wir eigentlich immer so machen, wenn wir nicht weiterkommen: wir machen einfach den erstbesten Zeugen zum Täter!“
Wolfgang Staudtes („Die Mörder sind unter uns“) vierte Regiearbeit für die öffentlich-rechtliche Krimireihe „Tatort“ ist zugleich seine dritte für das Essener Kommissars-Duo Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge). Deren sechzehnter Fall wurde von Georg Feil geschrieben und im Sommer 1978 sowohl in Essen und München als auch international in Jesolo und Venedig gedreht. Die Erstausstrahlung erfolgte am 14. Januar 1979.
„Polizisten fahren doch nicht mit ihrer Frau durch die Gegend und laufen auf Rummelplätzen ‘rum!“
Ein Motorradfahrer (Hans Georg Panczak, „Der Strick um den Hals“) bricht während der Fahrt zusammen. Gleichzeitig liegt ein toter Polizist vor einer Sparkassenfiliale – erschossen von einem Bankräuber. Am Tatort nehmen die Essener Kommissare Haferkamp und Kreutzer Zeugenaussagen auf. Der Bankdirektor meint, einen ehemaligen Lehrling erkannt zu haben. Der Motorradfahrer ist Rainer Mettmann, der sich seinen Lebensunterhalt mit einer spektakulären, artistischen Steilwandfahrschau verdient, mit der er zusammen mit seinen Angestellten von Rummelplatz zu Rummelplatz tingelt. Er wird ins Klinikum Essen eingeliefert. Mettmann ist in finanzielle Not geraten, als er sich eine neue Steilwand bauen ließ, die sich jedoch als nicht TÜV-abnahmefähig herausstellte. Mettmann brach zusammen, weil er angeschossen wurde, verweigert im Krankenhaus aber eine Operation, die die Kugel aus einem Körper entfernt. Ist er der Täter und möchte damit verhindern, dass die Kugel als eine aus der Waffe des toten Polizisten identifiziert – und er somit überführt – wird? Als er mit seinem Fahrgeschäft nach Italien reist, folgt Haferkamp ihm zusammen mit seiner Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum). Er ist der erste, der mutmaßt, Mettmann könnte nicht Opfer, sondern Täter sein. An der Adria wird Haferkamp Zeuge, dass sich Mettmann und sein angestellter Kompagnon Paco (Klaus Löwitsch, „Mädchen: Mit Gewalt“) nicht sonderlich grün sind…
„Sie reden, als wären Sie von der Polizei!“
Neben dem Kriminalfall behandelt dieser „Tatort“ den Alltag und die Sorgen von Rummelplatz-Schaustellern und -Artisten, was er auch zum Anlass nimmt, die halsbrecherische Motorradschau recht ausgiebig zu zeigen. Aber auch Vorurteile in der Bevölkerung gegenüber diesem Menschenschlag bzw. Berufsbild kommen zur Sprache. Zwischen dem überraschend jungen Chef Mettmann und seinem älteren Angestellten Paco gibt es einiges Kompetenzgerangel und gegenseitige Vorwürfe werden erhoben, den Laden heruntergewirtschaftet zu haben. Haferkamp arbeitet vor seiner Abreise nach Italien eng mit Kreutzer zusammen, wie es angenehmerweise auch in den vorausgegangenen Episoden wieder häufiger der Fall war. Das Ende der einst obligatorischen Gastauftritte anderer „Tatort“-Kommissare symbolisiert gewissermaßen der Umstand, dass der Münchner Veigl zwar von Kreutzer konsultiert wird, man ihn hier aber gar nicht mehr zu Gesicht bekommt: Kreutzer berichtet lediglich vom Telefonat mit ihm.
„Ich belichte und du beschattest!“
Urlaubsstimmung kommt angesichts der Bilder aus Italien auf, wenn Ingrid sich im Bikini zeigt und Paco, nur mit Badehose bekleidet, sie anflirtet. Haferkamp stellt inkognito viele Fragen, sodass Mettmann und Paco ihn zunächst für jemanden von der Konkurrenz halten. Nachdem die Täterfrage fürs Publikum bereits relativ früh geklärt wurde, lebt dieser „Tatort“ von der ungesunden Dynamik zwischen Mettmann und Paco einer- und Haferkamps Suche nach Beweisen – oder Geständnissen – andererseits. Er sät Misstrauen zwischen den Männern, von denen Paco eine neue Nummer plant und sich verdächtigerweise einen Alfa kauft, den er bar zahlt. Bilder einer weiteren Schau, diesmal in Italien, gehen mit einem Unfall einher, den einer der Männer provoziert hat. Diese Actionszenen bilden einen Kontrast zur dialoglastigen Erzählweise, in deren Zuge man die Vergangenheit sowie die aktuelle Beziehung Mettmanns und Pacos zueinander immer besser versteht.
Haferkamps ungewöhnliche Ermittlungsmethoden führen pikanterweise einmal mehr nicht wirklich zum erwünschten Erfolg, denn am Schluss gibt einen weiteren Todesfall zu beklagen. Immerhin konnte er seinen Job mit einem Italienurlaub (auf Staatskosten?) verbinden. Ingrid jedoch hat die Faxen dicke, aus ihrem Streit in den letzten Minuten gehen konkret wie nie zuvor die Scheidungsgründe hervor. Jegliche Sommerstimmung ist am Ende dahin, denn überraschend hart endet dieser ansprechend unterhaltende und mit einem mit viel Machismo ausgestatteten, ordentlich auftrumpfenden Klaus Löwitsch aufwartende Fall, der einmal mehr Haferkamp als recht ambivalente Figur zeichnet.