In Antwerpen fliegt ein Fall von Kinderprostitution auf, das Opfer ist die kleine Bieke. Als der Auftragskiller Angelo Ledda auf die Beteiligten angesetzt wird, um Spuren zu vertuschen, gerät er auch an die 12-Jährige, hat allerdings Skrupel. Der sonst eiskalte Killer weigert sich, das Mädchen zu erschiessen und wird plötzlich selbst zum Ziel für die Hintermänner, doch Ledda ist prinzipientreu und das auch offensiv. Die Idee, den eigentlichen Verbrecher im moralischen Zwiespalt darzustellen wird von dem ausgenommen gut erzählten Plot ebenso getragen, wie der blitzsauberen Performance von Jan Decleir in der Hauptrolle. Als in die Jahre gekommener Auftragskiller ist er clever und berechnend in seinem Vorgehen, andererseits aber von der Alzheimer Krankheit geplagt, was in verschwommenen Anfällen an "Memento" erinnert. Die Krankheitsschübe hebt Erik Van Looy visuell durch knallig grüne Passagen aus Erinnerungen in schnellen Schnittfolgen ab, die ebenso verwirren, wie die fortschreitende Amnesie. Ansonsten gibt sich dieser Thriller in meist verblassten Blautönen bei urbanen Außensets und aufgeräumten Innenansichten. Sowohl Kamera, Schnitt als auch der gelungene Score sind auf hohem Niveau und zeitweilig ein richtiger Genuss, harte Kontraste bestimmen die Atmosphäre. Das Drehbuch vollbringt das Kunststück, den Blick nicht auf einen reißerischen Skandal zu richten, wie man erst vermuten könnte, sondern auf die Menschen dahinter. So gefällt die Charakterzeichnung ebenso wie die differenziert gesäten Sympathien, die zu beiden Seiten verteilt werden. Sowohl die beiden Hauptermittler, der idealistische Eric Vincke als auch sein Kollege, der eindimensional denkende Freddy Verstuyft haben ihre Macken, die Figur des Angelo Ledda hingegen ist nicht der simple Bösewicht. Trotz seines brutalen Vorgehens ist er ein intelligenter, jähzorniger Mann vom Typus eines Hannibal Lector, statt tumber Brutalo. Interessant sind neben der Krimistory auch die Thrillerelemente, in denen es um die große Verschwörung bis in Politikerkreise geht, offensichtlich inspiriert von authentischen Verbrechen Belgiens wird nicht selten moralisierend auf den Unterschied zwischen Verbrechen und Verbrechen hingewiesen. Ob denn nun das zweifelsohne heikle Thema Kinderschändung bzw. Kindermord in einer eigenen Moralkategorie spielt, sei mal dahin gestellt, letztlich wird es hier zumindest nie zu plakativ dargestellt. Statt dessen zeigt dieser wunderbare Film auch Querelen unter den Ermittlungsbehörden, Korruption und die tragischen Folgen. Einziger Wermutstrofen ist in dieser Hinsicht das Ende, wäre der Film zwei Minuten eher beendet gewesen, würde einem der inkonsequente Schluss erspart bleiben, bei dem doch wieder alles in der Reihe ist, obwohl es das ansonsten beileibe nicht ist. Dort nämlich, wo bei anderen Thrillern die Story eigentlich abgeschlossen ist, beginnt "Totgemacht - The Alzheimer Case" erst richtig einzusteigen und gewaltig in Fahrt zu kommen.
Fazit: Wer Euro-Thriller mag, kommt an diesem spannenden, klasse erzählten belgischen Krimi kaum vorbei. 8/10 Punkten