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Ein belgischer Film, der mit dem Thema abrechnet, welches das Land vor einigen Jahren ins Chaos stürzte: Der Fall um den Kinderschänder Dutroux.
Der Kreis der Verdächtigen reichte bis in höchste Regierungspositionen und zahlreiche Zeugen wurden noch vor Gerichtsprozess beseitigt.
„The Alzheimer Case“ geht mit dieser Tatsache weitaus offener um, als es seinerzeit geschah. Herausgekommen ist ein brisanter und ansprechender Thriller, eine Mischung aus „Leon, der Profi“ und einer Ausgabe „Tatort“, - aber einer guten!

Ein Opa mischt Antwerpen auf: Der alternde Auftragskiller Ledda soll in seiner Geburtsstadt zwei Morde begehen, sträubt sich aber beim zweiten Opfer, da dieses ein Kind ist. Stattdessen dreht er den Spieß um und killt sich durch die lange Reihe seiner Auftraggeber – die örtliche Kripo ständig im Nacken – liefert er Hinweise, die auf einen Kinderpornoring hindeuten…

Das nenne ich symbolische Genugtuung: Kaltblütig werden die Drahtzieher zur Strecke gebracht, - von einem alten Mann, der unter Alzheimer leidet. Diese Krankheit steht für das Vergessen, vielleicht in diesem Fall sinnbildlich für das Vergessen wollen, da Belgien lange Zeit mit dem Fall Dutroux und den ganzen Skandalen zu kämpfen hatte.

Und Ledda, der alte Profikiller, ist ein gerissener Fuchs, der der Kripo immer einen Schritt voraus ist. Angetrieben von einem Trauma aus eigener Kindheit, rechnet er mit den Drahtziehern des Kinderpornoringes ab und angelt sich nach und nach Sympathien des Zuschauers ein, erstaunt über dessen Cleverness und überrascht über seine körperliche Fitness. Und er sorgt für spannende Momente, wenn er mit der Kripo ein Katz-und-Maus Spiel veranstaltet und sogar dreist aus dem hiesigen Polizeirevier mit den Beamten telefoniert.
In einigen Momenten erinnert Ledda an die überaus intelligente Figur eines Hannibal Lector: Eiskalt handelnd, hoch intelligent, aber nicht emotionslos.

Ja, diesen belgischen Regisseur Erik van Looy sollte man sich merken, beweist er nicht nur, eine brisante Geschichte flüssig zu erzählen, sondern diese auch ansprechend zu verpacken. Neben den durchgehend überzeugenden Darstellern setzt er auch optisch mit einigen Fast-Forwards und kurzen Inserts mit grellen Farbfiltern Akzente. Zudem kann ein stampfender Score die wenigen Actionszenen bereichern.

Zwar endet die Geschichte stark versöhnlich und etwas mehr Hintergrundwissen zur Figur Ledda hätte nicht geschadet, aber ansonsten weiß dieser Krimi aus Belgien zu gefallen.
Eine etwas ruhigere Gangart, dafür ein anspruchsvolles Thema, dass genügend Raum für moralische Interpretationen zulässt.
Finster, aber überzeugend.
8 von 10 Punkten

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