Review

Ein Historienepos der etwas anderen Art war 1979 Caligula, ein Skandalfilm über den blutünstigen Herrscher von Rom.
Skandalfilm vor allem deswegen, da der Produzent des Films, Penthouse-Chef Bob Guccione, mit der Arbeit seines Regisseurs Tinto Brass nicht ganz zufrieden war und dem Film in Eigenregie noch einige explizite Sexszenen beifügte. Heute, fast 40 Jahre später, erscheint dieses pornografische Material weit weniger spektakulär als damals und würde wohl kaum mehr Zuseher ins Kino locken...

Caligula stellt die kurze Amtszeit jenes römischen Kaisers dar, von dem es heißt, daß er durch besondere Grausamkeit und Wahnsinn aufgefallen sei, was übrigens nicht unbedingt dem Stand der Forschung entspricht. Historisch belegt sind einige Beschlüsse, Erlasse und Verordnungen seinerseits, jedoch speziell über den Punkt "Wahnsinn" streiten sich die Gelehrten. Aber egal, der Film hält sich ohnehin nicht besonders an historische Vorbilder sondern stellt einige Episoden aus dem Leben des Kaisers Caligula dar, bis er mit Billigung des Senats dann ermordet wird. Diese Lebensabschnitte sind voll von Blut, Gewalt und Sex und befeuern eher die heutige populäre Vorstellung des ausschweifenden Lebens im alten Rom.

In der Titelrolle ist Malcolm McDowell zu sehen, seinerzeit durch seine Rolle in clockwork orange einige Jahre zuvor berühmt geworden und sicher keine schlechte Wahl für einen böswilligen Tyrannen, der seine Umgebung mit immer neuen Demütigungen und verrückten Ideen erschreckt. Mich persönlich hat McDowell, ein schmächtiges Kerlchen mit dünnen Ärmchen, allerdings eher weniger überzeugt, wenngleich sein Mienenspiel auch heute noch eindrucksvoll erscheint. In der Rolle des Tiberius ist Peter O'Toole zu sehen, der als Syphillis-kranker Herrscher den jungen Caligula (und damit den Zuseher) durch die Paläste und damit in die damaligen Szenerie (ein)führt. Mangels geeigneter Kandidaten in der eigenen Familie muss Tiberius auf Caligula als seinen Nachfolger zurückgreifen, der ihn zum Dank auch recht schnell umbringen lässt. In weiteren Rollen sind John Gielgud (den man als manieristischen Butler aus diversen britischen Filmen kennt - wie kommt der denn in diese Produktion?) sowie Teresa Ann Savoy als Caligulas Schwester und Geliebte Drusilla (in einer Person) zu sehen. Nicht zu unterschätzen ist Giancarlo Badessi als Claudius (der historische "Cla-Cla-Claudius", einigen Lesern vielleicht bekannt aus dem Buch Ich, Claudius, Kaiser und Gott), der recht überzeugend den ganzen Film über eine weinerliche Tunte abgibt und nach Caligulas Ermordung schon heulend auf die Knie fällt um selbst erdolcht zu werden, während ihm ganz unerwartet der Kranz aufgesetzt und er stattdessen zum Nachfolger und neuen Kaiser gekrönt wird...

Der ganze Film dreht sich mehr oder weniger um den grinsenden und gestikulierenden Malcolm McDowell und wird ansonsten nur ab und zu von einigen Hardcore-Szenen unterbrochen. Eine wirkliche Handlung ist nicht zu erkennen, vielmehr dominiert der zunehmend verrückter werdende Caligula seine Umwelt (gemäß dem eingangs erwähnten "Wahnsinn"), was darin gipfelt, daß er mit erhobenem Daumen nachts nackt im Regen tanzt oder sein Pferd zu einem Senatoren erklären lässt. Daneben einige Perversitäten, Hinrichtungen und Intrigen. McDowell spielt zwar mit zunehmender Begeisterung, jedoch abseits jeder Ernsthaftigkeit, sodaß man seinen gewaltsamen Tod schon bald herbeisehnt. Am Ende der fast zweieinhalb(!) Stunden werden dann er und Drusilla erdolcht, die Puppe, die das Kind darstellen soll, etwas theatralisch auf die Stufen gehauen und während die Senatoren eiligst mit Wasser das (viel zu hellrote) Blut die Treppe herunterspülen, kommt in der letzten Einstellung noch einmal Caligulas Gaul ins Bild und wiehert vor den 3 Leichen...

Eine - allerdings bemerkenswerte - Idee ist die riesige Köpfmaschine", die Caligula im Circus Maximus installieren hat lassen: Eine riesige Wand über die volle Breite des Circus, die sich, auf Schienen geschoben, langsam auf den Herrscherthron (Schmalseite) zubewegt. Auf der Unterseite dieser Wand schweben drei rotierende Metallräder mit Zinken, die in der Art eines Rasenmähers über den Boden gleiten und dort die Köpfe von komplett im Boden vergrabenen Delinquenten absäbeln - zum Gaudium des Publikums auf den Langseiten, das mit reichlich Eiern und Tomaten auf die Köpfe der Vergrabenen zielt... bitte wer denkt sich so etwas aus? Ein ziemlich kranker Schwachsinn, der mir allerdings mehr auffiel als jede Hardcore-Szene.

Malcolm McDowell hat sich wohl kurze Zeit später von dem Film distanziert - dies mag seinen Ursprung im Kompetenzgerangel zwischen dem eigentlichen Regisseur Tinto Brass und dem Produzenten Bob Guccione sowie den von Letzterem nachträglichen hergestellten und in den Film eingefügten Hardcore-Szenen zu tun haben - die wirklich widerwärtigen Szenen in Caligula hat McDowell schon alle, überzeugt grinsend, selbst gedreht (z.B. als er einen Soldaten seiner Prätorianergarde anal vergewaltigt, nachdem er zuvor dessen Braut entjungfert hat) - dazu gezwungen hat ihn niemand.

Unterm Strich also ein Sittenbild des Hardcore-Genres im Italien der ausgehender Siebziger Jahre, verbrämt durch eine angeblich historische Story. Für diese Art Historienschinken sind (inklusive "Köpfmaschinen"-Bonuspunkt) nicht mehr als 3 Punkte drin.

Details