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Ein schmales Effekt - und Kostümbudget, mangelnde Schauspielkenntnisse und ein schlechtes Drehbuch sind nicht zwingend Voraussetzungen für einen Trashfilm. Manchmal tut es auch der berüchtigte Trupp Köche, die sich guten Willens zur Verderbnis des Breis um den Topf versammeln. Im Falle von "Caligula" handelt es sich bei zweien der Köche um anerkannte Künstler: Schriftsteller Gore Vidal verfasste das Skript mit dem Vorhaben eines historisch akkuraten Machtdramas, aus dem Regisseur Tinto Brass wiederrum eine bissige Politsatire zu formen ersuchte. "Penthouse" - Tittenmillionär und Produzent Bob Guccione als Geldgeber wiederrum bestand auf das Drehen eines Pornos und jetzt Fresse halten! oder so ähnlich.

Brass gab sein Satirevorhaben nicht ganz auf, nahm aber auch Vidal und Guccione beim Wort und drehte einen faulen Kreativkompromiss, den selbst die schauspielerische Übermacht aus Malcolm McDowell, Helen Mirren, Peter O'Toole und John Gielgud nicht vor dem gemeinschaftlichen verriss von Publikum und Kritik retten konnten. Dennoch hat sich der Streifen im Laufe der Jahre seinen Platz in den schwarzen Herzen der Filmfreaks erspielt. Zwei Hauptgruppen seines Publikums dürften sich aus Grenztwertonanisten oder Bad Taste - Freunden wie meiner Wenigkeit rekrutieren, die lieber dieser Form von Unterhaltung als realen Autounfällen zur Belustigung beiwohnen.

Dem historisch uninteressierten Zuschauer sei an der Stelle erklärt, dass Gaiius Caligula, der vierte Cäsar des römischen Reiches, ein veritables Arschloch vor dem Herren war, dessen lustig - verkommenes Leben von Mord, Perversion und Wahnsinn erfüllt war, bis seinen eigenen Vertrauten die scheinbar bis dahin sehr zähe Hutschnur endgültig platzte: Schnackseleien mit Schwester und Lieblingspferd, Verschwörungen gegen die eigenen Senatoren und letztendlich die Selbsternennung zum Gott sind nur einige der Stationen Caligulas, die sein eigenes Gefolge zum Kaisermord verleiteten.

Im Grunde besteht das Skript aus genau jenen und weiteren absurden Stationen wie die Ernennung seines Lieblingspferdes zum Senator, die aber allesamt von den Eigenerfindungen der Beteiligten sowie einigen Improvisationen McDowells als Titelschurke überboten werden: Massenhinrichtungen per riesigem Steampunk - Rasenmäher, der Kurztrip durch Opa Tiberius' Sexkabinett der munteren Naturlaunen und das lüsterne Treiben auf einer Bordellgalleere fordern geradezu dazu auf, sich dem Wahnsinn als fette Beute hinzugeben. Das Ganze durchgeknallte Laientheater bringt McDowell mit einer beängstigenden Mimik rüber, die selbst dem Aggrothespianer Klaus Kinksi Respekt mit dem extragroßen Zäpfchen eingeflößt hätte.

Sternstunden dieser psychotischen Kampfhundperformance sind das Penetrieren eines Prätorianers mit dem kaiserlichen Siegelring samt anschließender Blumenniederlage auf dem Arsch des Empfängers und ein wahnsinniger Nackttanz im Regen. Aber auch davon ab gibt McDowell sein bestes, um diesen unverständlichen Zusammenschnitt aus drei halbgedrehten Filmen mit gutem Schauspiel zu versehen. Mit Erfolg. Bonus für deutsche Zuschauer: Schauspieler und Synchronsprecher Lutz Mackensy deutscht Malcolm McDowell hervorragend und mit einer gewissen visuellen Komik, aber auch beängstigendem Wahnsinn ein. Wenn Sie das lesen sollten, Herr Mackensy: In Ermangelung eines ziehbaren Hutes knie ich vor Ihnen nieder!

Im Jahre 2004, als ich den Film erstmals heimlich im TV sah, lieferte der trotz Schnitten en masse ab und nötigte mich schnell zum Umschalten. Der geradezu schwachsinnige Widerspruch aus opulenten Bildern und der Handlung, die zwischen Kunst, Kulturschock und Kinoschmier umhertanzt be - und entgeistert mich bei jeder Sichtung aufs Neue. Im Grunde ist "Caligula" eine Variation des 120 Tage von Sodom - Gedankens für Stumpfmeier, denen Pasolinis Variante zu gesittet und der Moralhammer zu weich ist.

Die drei Übeltäter hinter dem Film lassen für dieses Publikum die römischen Puppen tanzen, bis auch der letzte Zuschauer abgestochen "Ave!" winkt. Klasse hat der Film mit Sicherheit auch. Aber wenn man mal bedenkt, dass auf dem klassiklastigen Soundtrack eine lasziv eingesungene Discovariation eines Themas aus dem Spartacus - Ballett eine Rille beansprucht weiß man sofort, wo hier der kommerzielle Fokus war. Ich habe diesen Film mittlerweile vielleicht nicht zu lieben, aber als faszinierendes Zeitdokument zu schätzen gelernt, der den Kampf zwischen historischer Authentizität, Kommerz und Kunst in sich selbst ausficht und daran gnadenlos, aber mit einem galgenhumorigen Augenzwinkern scheitert. Als solchen empfehle ich dieses Werk guten Gewissens weiter. Kategorischen Gegnern mit ihrem grundsätzlichen Mimimi gegen alles sei an der Stelle ein Zitat Malcolm McDowells aus dem Film mit auf dem Weg gegeben: "Kriecht! Kriecht! Kriecht! Ich hasse sie alle, diese Memmen!"







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