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Eben noch in Moskau, jetzt schon auf Plük

Aufteilen. Trennen. Gegenüberstellen. Spalten. In diesen Disziplinen hält der Mensch ein meisterliches Niveau. Grenzen werden geologisch völlig willkürlich durch Landflächen gezogen, Gesellschaften nach Staatsformen und Religionen gegliedert, das „Wir“ dem „Ihr“ gegenübergestellt. Man sperrt den Fluss der Existenz mit Trennschärfe in Raster und portioniert ihn in kleine, autonome Blöcke, damit man ihn besser verstehen und verarbeiten kann. Mit der Entdeckung des Atoms wurde diese Denkweise sogar wissenschaftlich untermauert, hatte man die Gesamtheit aller Stoffe doch nun auf ihre trennbaren Bausteine heruntergebrochen. Doch wenn man mit dem Betrachtungsglas vom einzelnen Atom bis weit hinaus in die Milchstraße zoomt, kann man auch zu dem Schluss kommen, dass Trennlinien ein eingebildetes Konstrukt sind, weil alles denselben Ursprung teilt.

Was all dies mit einer exzentrischen Sowjet-SciFi-Kuriosität aus der Mitte der Achtziger Jahre zu tun hat, die den merkwürdigen Titel „Kin-Dza-Dza!“ trägt? Das wird bereits nach wenigen Minuten über den Schnitt und die visuelle Komponente deutlich. Von einem muffigen Esszimmer mit alten Tapeten und biederer Einrichtung über das Moskauer Zentrum braucht es nur zwei, dafür äußerst abrupte Szenenwechsel, bevor wir uns auch schon auf dem Wüstenplaneten Plük wiederfinden. Gemeinsam mit dem Hauptdarsteller-Pärchen, einem russischen Arbeiter (Stanislaw Ljubschin) und einem georgischen Studenten (Lewan Gabriadze), schauen wir plötzlich nicht mehr blinzelnd in die heimische Esszimmerlampe oder die kalte Sonne über Moskau, sondern auf einen leeren Horizont in der Fremde, der fahles Blau und schmutziges Beige als Kontrastflächen gegeneinander spiegelt. Angesichts der Unmittelbarkeit des Ortswechsels ist ein fragender Blick über die Schulter wohl durchaus angemessen – doch nein, da ist kein Zeitportal, kein Dimensionstor oder irgendein vergleichbares Artefakt der Science Fiction, das darauf schließen ließe, dass man soeben eine Reise durch Raum und Zeit unternommen hat. Da schallt einfach nur der harte Cut des Regisseurs nach wie eine saftige Ohrfeige. Dabei wollte der Arbeiter doch bloß ein wenig Brot und Nudeln einkaufen und der Student einem verloren wirkenden, barfüßigen Mann helfen. Jetzt geht es den Beiden wohl stattdessen um ein nicht minder existenzielles Bedürfnis: Den Weg nach Hause zu finden…

Form und Inhalt, Abbildung und Abgebildetes gehen schon zu diesem frühen Zeitpunkt des Films Hand in Hand. Man sieht vom ersten Strich an, wie durch die Hand des Regisseurs, der nicht umsonst auch als Drehbuchautor fungiert, ein vereinfachtes Modell sowjetischer Realität entsteht. Des irreführenden Wimmelbilds der russischen Hauptstadt entledigt sich Giorgi Danelija so pragmatisch wie ein Zeichner, der sorglos ein Blatt mit Skizzen vom Block reißt, um einfach noch einmal neu anzufangen und das Gleiche mit einer geringeren Anzahl von Linien abzubilden, die nicht so irreführend sind.

Die Schönheit der Langeweile

Der forsche Sprung von einem Schauplatz zum nächsten sorgt für einen temporeichen Auftakt, mit dem das Versprechen abgegeben wird, dass man in den folgenden zwei Stunden nicht weniger als das Unerwartete zu erwarten hat. Aber kaum auf Plük gelandet, wird auf einmal die Bremse gezogen. Der Rhythmus, mit dem uns der Schnitt anfangs regelrecht durch die Handlung schubst, fährt auf Minimalbeschleunigung zurück; würde der Drehort selbst nicht eine solche Hitze ausstrahlen, könnte man beinahe schon die Metapher des kosmischen Tiefkühlfachs bemühen, in die der Planet nun geschoben wird, um den Gärungsprozess zu verlangsamen. Na klar; wer intelligente Parabeln schreiben und mit ihnen das Objekt der Betrachtung akkurat einfangen möchte, der benötigt für die Bearbeitung des Materials Zeit und Ruhe. Also bleiben die Verlorenen auf der Suche nach einem Heimweg zunächst einmal zwischen den Dünen gefangen wie Kunststofffiguren in einer Schneekugel. Man könnte zwar der scharfen Kontraste zu Moskau wegen glauben, man befände sich auf denselben fantastischen Planeten, die während der Sternenkriege bereist wurden, doch im vorliegenden Fall ist man dazu verdammt, in der ausgedörrten Low-Budget-Peripherie zu verharren. Man fühlt sich beinahe wie ein Kind, das irgendwo bei den Mülltonnen abgestellt wurde und sich nun mit zwei verrückten Obdachlosen unterhalten muss, während die Eltern nebenan Achterbahn fahren. Es scheint so, als verharre die Kamera diesmal bei den ominösen Wüstengestalten, die George Lucas immer nur im Kameraschwenk einfing, als er den pfeilschnellen Bewegungen der Raumschiffe seiner eigentlichen Helden und somit dem wahren Abenteuer folgte.

In „Kin-Dza-Dza!“ hingegen, da taucht irgendwann im blauen Meer des Himmelssegments ein träger schwarzer Punkt auf, der sich nur in sehr gemächlichem Tempo der Kamera nähert und schließlich als fliegende Rostlaube entpuppt, aus der zwei Außerirdische in Menschengestalt klettern, um die gestrandeten Erdlinge mit seltsamen rituellen Verhaltensweisen zu irritieren. Dem Zuschauer, insbesondere jenem aus dem westlichen Kulturkreis, wird in dieser Phase durchaus ein wenig Geduld abverlangt. Nicht alles, was Danelija fortan als Satire auffährt, erschließt sich auf Anhieb oder ist mit einem universellen Humorverständnis problemlos zu entschlüsseln. Das Gebaren, mit dem sich die Außerirdischen Uef (Jewgeni Leonov) und Bi (Juri Jakowlew) ihren Besuchern präsentieren, mag zu Anfang aufgrund der Absurdität ihrer Erscheinung für Erheiterung sorgen, bald schon nimmt es aber einen geradezu dadaistischen Ausdruck an, und je öfter die einstudierten Riten vor uns Ahnungslosen praktiziert werden, desto verwirrender und sinnloser erscheinen sie – so wie ein Wort an Bedeutung verliert, wenn man es zu oft wiederholt. Mit dem Timing einer gewöhnlichen Komödie hat das Possenspiel dieser Gestalten nicht viel gemein, vielmehr entwickelt sich eine unangenehme, fast schon ins Tragische abgleitende Form des bizarren Humors.

Sprechen Sie Plük?

Was der Betrachter zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnt: Er wird Zeuge davon, wie sich ein einfaches, aber äußerst raffiniertes Sprachmodell bildet, dem es durch die schiere Absurdität seiner Zeichen gelingt, die Realität außerhalb des Films als Farce zu entlarven; gerade gut genug durch Genre-Verkleidung getarnt, um den Fängen der Zensur zu entgehen, die sich dank Gorbatschows Glasnost und Perestroika ohnehin bereits in der Defensive befand, auch wenn Gorbatschow selbst im Namen seines Umstrukturierungsprogramms neue Zensuren einführte, die sich auch auf den Inhalt von „Kin-Dza-Dza!“ auswirkten – wie etwa bei der Flasche Essig im Gepäck des Geigers, die ursprünglich Schnaps beinhalten und zu einem Massenbesäufnis führen sollte, was Gorbatschows Anti-Alkohol-Kampagne in die Parade gefahren wäre.

Ku! ist der erste und auch wichtigste Ausdruck, den die Besucher zu Ohren bekommen, ein enthusiastischer Ausruf, den man im weiteren Verlauf unzählige Male im Verweis auf die unterschiedlichsten Referenzen hören wird, vielleicht öfter, als jemals ein Wort in einem Film zu hören war. Abgesehen von einer Handvoll anderer Vokabeln, die noch in der Sprache der Plükaner existieren, steht er semiotisch für alle anderen Entitäten, was praktisch bereits als vortreffliche Satire für sich selbst steht. An zweiter Stelle folgt dann, natürlich, ein Schimpfwort, das phonetisch verdächtig nah an Ku herankommt: Kyu. Es folgen einige wenige zusätzliche Wörter, die viel über das Wertesystem aussagen, das auf dem Planeten gilt: Der Begriff Ketse beispielsweise steht für Streichhölzer, die auf Plük wertvoller sind als so ziemlich alle anderen Ressourcen, was einen ganzen Strauß an Schlussfolgerungen zulässt: Ausgerechnet das in Massenproduktion gefertigte Streichholz, das wohl in den Taschen eines jeden Genossen zu finden war, sollte wie in ehrfürchtiger Verbeugung vor dem Aha-Moment der urzeitlichen Entdeckung des Feuers wieder ein Rohstoff von besonderem Wert sein, vergleichbar dem Spice aus der Dune-Reihe oder dem Dilithium aus Star Trek?

Der Nonsens des Lebens

Die Kargheit der Kulisse wird also gefüllt mit diesen kleinen Ellipsen blödsinniger Rituale, einfältiger Palindromisierung von Begriffen (Ecilop – Police) und bedeutungsloser Abläufe, die sich in ihrer Darbietungsform zunehmend ähneln, und man beginnt sich zu fragen, worin der Mehrwert eines siebzehnten, fünfundzwanzigsten und einhundertvierzigsten Ausrufs von Ku! besteht, wenn die Pointe doch bereits verraucht war, nachdem die comichaften Gestalten erstmals ihr Schiff verlassen und sich präsentiert hatten. Gleich auf zweierlei Ebenen erwirbt sich Danelija jedoch das Recht, derart viel Zeit mit Belanglosigkeiten totzuschlagen: Erstens, weil jedes Objekt und jede Situation, sei es nun die Nasenglocke, die himbeerfarbene Hose oder die streng regulierte Form künstlicher Darbietung („Mama Mama“… schiefer hätte es nicht einmal unser Helge Schneider schmettern können), einen eigenen Teilaspekt der sowjetischen Gesellschaftsstrukturen aufs Korn nimmt und jeder einzelne dieser Kommentare es wert ist, dass man ihm separat Beachtung schenkt. Und zweitens geht es eben überhaupt erst um die Wiederholung und um die Monotonie, die mit ihr einhergeht, denn sie beschreibt einen Blick in die Zukunft, abgeleitet aus den Tendenzen der Gegenwart. Gegenüber dem politischen Wandel, der sich zur Entstehungszeit anbahnte, zeigt sich Danelija eher pessimistisch, indem er einen düsteren Ausblick auf den Fortschritt zeigt: Nomaden, die in Lumpen durch die Einöde ziehen, unterirdische Bunker und maschinelle Konstrukte aus rostigem Metall bestimmen das Produktionsdesign und überwuchern jeglichen Ansatz futuristischer Bemühungen wie Unkraut. Bisweilen wird dabei sogar die zähe Bildsprache eines Tarkovski imitiert, dessen karge Sets vergleichbar lange Schatten auf die Zukunft warfen. Weil Tarkovski jedoch tönerne, leblose Protagonisten als Antrieb nutzte, die dem zentralen Konzept klar untergeordnet waren (ähnlich wie heute ein Christopher Nolan), tauscht Danelija sie gegen schrullige Sonderlinge aus, die sich mit überbordendem Enthusiasmus für Belanglosigkeiten begeistern können und die von außen diktierte Ordnung ihres Daseins akzeptieren, ohne sie auch nur eine Sekunde zu hinterfragen, ganz egal, wie absurd sie auch erscheinen mag.

Man sollte deswegen idealerweise eine gewisse Toleranz für völligen Nonsens aufbringen können. Wenn sich dann mit zunehmender Laufzeit immer deutlicher abzeichnet, dass hinter dem Nonsens ein durchdachtes System steckt, wird man in der Folge fürstlich für die Geduld entlohnt. Die Synapsen zünden spätestens nach Filmende, wenn man die Zeit hat, das soeben Gesehene zu reflektieren, möglicherweise aber auch schon im zweiten von insgesamt zwei einstündigen Kapiteln, nach denen die Erzählstruktur geordnet ist. Da kann man nicht nur die bis dahin gelernten Vokabeln noch einmal auf einer eingeblendeten Texttafel nachlesen, sondern hat sie bestimmt selbst schon mit Begeisterung dem Mitschauer demonstriert (und jetzt alle: Knie in die Beuge, Arme in Empfängnisposition und: Ku!). Ebenso wie der Arbeiter und der Student ist man nicht mehr länger ein Alien auf einem fremden Planeten, sondern ein Eingeweihter, der die Marotten ebenso zu imitieren wie einzuordnen weiß. Man bewegt sich endlich fließend auf Plük, weil sein Spektrum mit jenem der Erde schon immer verbunden war.

Python-Thon-Thon!

Als Folge dieser Erkenntnis erzeugt der Humor auch bald global verständliche Muster, so manches erinnert gar frappierend an gewisse Fisimatenten von weiter westlich der Hemisphäre, allen voran Monthy Python; nicht nur ähnelt Yuriy Yakovlev als Alien in mancher Einstellung John Cleese wie ein Ei dem anderen, auch die trockene Art, mit der völlig absurde Situationen als gesellschaftliche Normalzustände dargestellt werden, lässt darauf schließen, dass Russen und Briten bei einer Tasse Tee mit Wodka eine verdammt gute Zeit miteinander hätten, zumal auch das Python-Kollektiv gerne in die Geschichte oder in die Fantasie gereist ist, um dort dem Sinn des Lebens auf den Grund zu gehen. Darüber hinaus ist es einfach eine Freude, dem Quartett in den Hauptrollen bei der Interaktion zuzusehen, zumal das gezeigte Verhältnis zwischen Mensch und Alien ein wunderbarer Spiegel für den Umgang mit fremden Kulturen darstellt: Gegenseitige Abhängigkeit und Tauschandel, Betrug und Vertrauen, Misstrauen und Diebstahl, Gleichgültigkeit und Freundschaft nehmen immer wieder ihre eigenen seltsamen Wege und erinnern auf wundersame Weise an das Leben, ohne jemals auch nur in die Nähe von Filmklischees zu geraten. Man ahnt, dass diese Figuren die Schöpfung eines Humanisten sein müssen.

So viele Zweifel „Kin-Dza-Dza!“ in Bezug auf seine philosophische Sinnhaftigkeit auch schüren mag, kein Zweifel besteht wohl am überaus gelungenen Szenenbild. Immer wieder werden wundersame Bauwerke und Transportmittel wie einsam wachsende Wildblüten in die Ödnis gepflanzt, in denen das Echo einer wesentlich reflektierteren Gesellschaft nachhallt als derjenigen, die man im Film zu sehen bekommt. Neben der Moskauer Innenstadt sorgt kurzzeitig auch eine Schneelandschaft sowie eine Blumenwiese für zusätzliche Kontraste, als sollten mit ihnen die Jahreszeiten vervollständigt werden. Anders als die selbstzweckhafte Hierarchie seiner Bewohner ergibt die industriell geprägte Landschaft von Plük einen erschreckenden Sinn, und das ist ohne Zweifel das Ergebnis gut durchdachten World Buildings.

Ku!!!

„Kin-Dza-Dza!“ ist manchmal überraschend wie ein Vorschlaghammer, meist spröde wie Sandpapier, aber definitiv zu jeder Zeit so verblüffend anders, als sei er tatsächlich auf einem fremden Stern gedreht worden. Erstaunlich, dass es gerade ihm gelungen ist, sich so beharrlich mit der Realität zu verzahnen, nicht nur während der Dreharbeiten, sondern Jahrzehnte darüber hinaus. Es kommt nicht alle Tage vor, dass sich die Gesten, Zitate und Spezialbegriffe aus einem Film dauerhaft in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation einbrennen konnten. Ku! trägt wohl doch mehr Substanz in seinen beiden Buchstaben, als man bei der ersten Begegnung glauben würde.

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