„Tschüß – und komm nicht so bald wieder…“
Ende der 1970er Jahre ereignete sich ein Kuriosum innerhalb des Essener „Tatort“-Zweigs um die Kriminalkommissare Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge): Felmy war unzufrieden mit Peter Adams Drehbuch zur geplanten Episode „Der Zeuge“, er habe es als „zu schlicht“ (Wikipedia) empfunden. Der WDR beharrte jedoch offenbar auf dieser Episode, mit dem Ergebnis, dass Haferkamp aus dem Drehbuch geschrieben wurde (er befinde ich im Urlaub, wird es in einem Dialog heißen). Als seine Vertretung sprang Jörg Hube („Tatort: Schüsse in der Schonzeit“) als Kommissar Paul Enders ein, dessen einziger Auftritt als „Tatort“-Kommissar dieser Einsatz bleiben sollte. Eine weitere Besonderheit ist es, dass dieser Fall hauptsächlich in Frankfurt am Main statt im Ruhrgebiet spielt. Adam inszenierte sein Drehbuch höchstpersönlich und debütierte mit diesem etwas holprigen Einstand innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe, für die er es auf insgesamt sieben Beiträge bringen sollte – die meisten davon für Haferkamps und Kreutzers Ruhrpott-Kommissars-Nachfolger Schimanski und Thanner. „Der Zeuge“ wurde am 7. April 1980 erstausgestrahlt.
„Kommt mir ziemlich amerikanisch vor.“
Frankfurt am Main: Uwe Draeger (Heinz-Werner Kraehkamp, „Die Leute vom Domplatz“) organisiert einen Leihwagen, den er kurz darauf als Fluchtwagen für einen Banküberfall nutzt, welchen er zusammen mit Inga Weiss (Claudia Demarmels, „Theo gegen den Rest der Welt“) und Klaus Bender (Heinz Hoenig, „Messer im Kopf“) begeht. Zuvor hatte das Trio bereits im Essener Raum ähnliche Taten verübt, hier jedoch gerät der Überfall außer Kontrolle: Klaus schießt auf einen Wachmann, der später im Krankenhaus seinen Verletzungen erliegen wird. Otto Baumann (Uwe Dallmeier, „Ein Mädchen“), Angestellter des Fahrzeugverleihs, wird zum wichtigen Zeugen, denn er erkannte Uwe Draeger wieder und macht ihn später in einer Kneipe ausfindig, wo ihn die Polizei festnimmt. Der urlaubsbedingt Kommissar Haferkamp in Essen vertretende Kommissar Enders wird aufgrund der Parallelen zu den Essener Überfällen informiert und nach Frankfurt abberufen. Dort arbeitet er mit Kommissar Fischer (Walter Renneisen, „Das Mädchen meiner Träume“) zusammen, der noch nicht weiß, dass Draeger nicht der Schütze ist. Enders entwickelt den Plan, sich als Zeuge Baumann auszugeben, um dadurch Draegers Komplizen anzulocken: Er geht davon aus, dass sie ihn zu überreden versuchen würden, die Zeugenaussage zurückzuziehen. Tatsächlich wirft sich Inga Weiss ihm an den Hals, sich zunächst als Journalistin ausgebend. Enders glaubt, alle verliefe nach Plan und er habe die Situation im Griff, gerät jedoch bald darauf selbst in Gefahr…
„Wir werden doch mit einem Tankwart fertigwerden!“
Dieser Essener „Tatort“ ist eigentlich ein Frankfurter: Er beginnt in Frankfurt, unterlegt von der Musik Bruce Springsteens, und zeigt stolz das Stadtpanorama, um dann den Überfall bzw. vielmehr dessen unmittelbare Folgen temporeich einzufangen. Erst dann geht’s für eine kurze Weile nach Essen, jedoch nur, um den als etwas unterkühlt und wortkarg eingeführten Kommissar Enders nach Frankfurt zu schicken – wo er alsbald Kreutzer nachholt. Auf ein Whodunit? wurde verzichtet, den Schützen und seine Freundin und Komplizin Inga lernen wir, parallel zur polizeilichen Ermittlungsarbeit, sogar auf durchaus amüsante Weise kennen. Auf beiden Seiten grübelt man, wie es weitergehen soll, bis Enders seinen grandiosen Einfall bekommt. Daraus wird ein doppeltes Rollenspiel, denn auch Inga schlüpft in eine Rolle. Das ist durchaus reizvoll für das Fernsehpublikum, geht damit doch u.a. einher, dass Enders Baumanns Stelle beim Fahrzeugverleih übernimmt. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht klar, dass der Wachmann seinen Verletzungen erlegen ist. Enders wird über die geändertem Umstände informiert, beschließt aber, trotzdem in seiner Rolle zu bleiben.
„Frankfurt ist doch ganz gut, oder?“
Wer nun glaubt, dass durch die gesteigerte Brisanz des Falls die Spannung ein entschiedenes Maß hochgeschraubt würde, sieht sich jedoch getäuscht. Peter Adam scheint sich etwas zu sehr auf die Darstellung der ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden zu verlassen, die jedoch in vielem und etwas langatmigen Herumgeplänkel zu versanden drohen, bis gegen Ende endlich wieder etwas Action zum Zuge kommt. Kreutzer indes ist die meiste Zeit zum Stillstand verdammt, spielt im Finale aber eine wichtige Rolle. Dieser Essener Fall, der eigentlich ein Frankfurter ist, wartet mit einigen hübschen urbanen Bildern auf und ist aufgrund der Entstehungsgeschichte und der Figurenkonstellation trotz seiner dramaturgischen Schwächen etwas Besonderes im „Tatort“-Kosmos, womit sich Peter Adam für diverse weitere Arbeiten für die Reihe in den 1980ern empfahl.