Review

„Die Alarmanlage ist mit ‘ner Sprengladung verbunden!“

Am 16. November 1980 endete eine „Tatort“-Ära: Hansjörg Felmy schlüpfte in den bundesdeutschen Flimmerkisten ein letztes Mal in die Rolle des Essener Kriminalhauptkommissars Heinz Haferkamp, der zusammen mit Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge) 20 Episoden der öffentlich-rechtlichen Krimireihe bestritt. Einmal ließ er sich vertreten („Der Zeuge“, 1980) und im Anschluss sollte er Kreutzer einmal ohne ihn klarkommen müssen lassen („Herzjagd“, 1980), dann aber wich Essen bis auf Weiteres von der „Tatort“-Karte und machte Platz für Duisburg und die Herren Schimanski und Thanner. Haferkamps Schwanengesang wurde von Uwe Erichsen sowie Martin Gies, Bruder des Schimanski-Miterfinders und späteren Duisburger „Tatort“-Regisseurs Hajo Gies, geschrieben und von Wolfgang Staudte im Januar und Februar 1980 inszeniert. Es wurde Staudtes sechster und damit vorletzter „Tatort“, in den 1980ern sollte nur noch „Freiwild“ (1984) folgen.

„Gegen Woody Allen kann ich natürlich nichts machen…“

Das Gauner-Trio Georg Michalke (Dieter Prochnow, „Atemlos vor Liebe“), Nelles (Willy Thomczyk, „Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding“, hier debütierend) und Oebel (Uwe Ochsenknecht, „Das Ding“) plant einen Überfall auf den Essener Lebensmittelgroßhandel. Dabei sind ihnen die Pläne dienlich, die Michalkes alternder ehemaliger Gefängniszellenmitinsasse Peter Brehm (Werner Eichhorn, „Aufforderung zum Tanz“) stibitzt hat. Als dieser dafür beim Coup mitmachen und an der Beute entsprechend beteiligt werden will, macht Michalke kurzen Prozess und erschießt ihn. Der Leichnam wird jedoch schnell auf dem stillgelegten Zechengelände gefunden, wo die Bande ihn behelfsmäßig versteckt hatte. Während die Kommissare Haferkamp und Kreutzer in diesem Mordfall ermitteln, setzen Michalke und seine Komplizen ihren Plan in die Tat um. Da jemand aus der Belegschaft jedoch geistesgegenwärtig den Alarm auslöst und die Polizei umgehend vor Ort ist, versteckt Michalke die Beute in einem Lebensmittelkarton und verlässt das Gebäude ohne sie. An Haferkamp und Kreutzer ist es nun, die Verbindung zwischen dem Mord und dem Überfall zu ziehen, herauszufinden, weshalb die Bande schon feiert, obwohl sie doch eigentlich noch gar nicht wissen dürfte, wie sie wieder an die Beute herankommt, und was all das mit einem Hotel in Lüdenscheid zu tun hat, wo Haferkamp sich selbst auf eine Feier einlädt…

„Scheint eine gefährliche Gegend hier zu sein…“

Das Ambiente könnte nicht stimmiger für Haferkamps Abschied sein: Graue Industriekulissen, ein Großhandel, noch unpersönlicher als jeder Supermarkt, und dazu passendes trübes Winterwetter ohne Eis und Schnee. Haferkamp betritt muffig und sarkastisch die Szenerie, noch bevor der Überfall auf den Großmarkt gezeigt wird: spannend und versiert inszeniert, unterlegt mit funkiger Musik. Tiefergehende Einblicke beschert diese Finalepisode in Haferkamps Privatleben: Er muss wieder einmal Überstunden machen, weshalb er zu spät zu seiner Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum) kommt, mit der er verabredet ist. Kreutzer ermittelt, und zwar erfolgreich, woraufhin Haferkamp den Täter zu Hause bei dessen Mutter aufsucht. Anschließend folgt er der Route des Todesopfers, die diese nicht mehr antreten konnte: Er bezieht sein Zimmer in einem Lüdenscheider Hotel, wo der Frühstücksflocken-Großfabrikant „Röders Mühle“ gerade sein Firmenjubiläum feiert. Der Firmenpatriarch (Dirk Dautzenberg, „Ansichten eines Clowns“) hält eine eher unangenehme Feierrede und die zunächst so abweisende, nun tiefdekolletierte Hotelleiterin Doris Zils (Birke Bruck, „Der verliebte Teufel“) wird Haferkamp gegenüber relativ auskunftsfreudig.

„Ich war eben sehr sanft.“ – „Schade…“

Auf eben jener Feier glaubt ein Peepshow-Betreiber, möglicherweise in Menschenhandel mit Thailänderinnen involviert, Haferkamp sei seinetwegen dort – eine witzige, nur leider nicht sonderlich gut geschauspielerte (oder synchronisierte) Szene. Ingrid, die die Einladung ihres Ex-Manns zunächst ausgeschlagen hatte, taucht überraschend doch noch im Hotel auf und nimmt ebenfalls an der Feier teil. Die weniger angenehme Arbeit bleibt für Kreutzer liegen. Als auch er bei Michalkes Mutter vorstellig wird, verplappert sich diese. Obwohl es zunächst nicht den Anschein hat, gehen die Ermittlungen gewissermaßen Hand in Hand. Dennoch gilt es, eine harte Nuss zu knacken. Es ergeben sich am Ende eine überraschende Komplizenschaft, ein innerfamiliärer Generationenkonflikt sowie eine ungesunde Beziehungskiste, aber auch die Überlegenheit des Kombinationsvermögens Haferkamps, der seinem Spürsinn folgend den richtigen Riecher hat. Sein zurückhaltenderes Auftreten und seine Manieren bei ausgeprägtem Hang zur Sachlichkeit, ohne dabei ein Spießer zu sein oder einen übermäßig konservativen Eindruck zu vermitteln, sind jene Eigenschaften, die für seinen WDR-„Tatort“-Nachfolger Schimanski durch eine proletarische Rüpelhaftigkeit und expressive Impulsität ersetzt wurden.

Als Teil des „Tatort“-Publikums darf man sich im bewusst zynisch betitelten „Schönes Wochenende“ noch einmal über die kabbeligen Dialoge zwischen Haferkamp und Kreutzer (der sogar unangekündigt zum Hotelfrühstück auftaucht) freuen, sich ohne Whodunit? oder Motivsuche lange Zeit fragen, wo genau nun eigentlich die Beute steckt und wie die Kripo Michalke und Konsorten habhaft werden will, sowie feststellen, wie nett Lüdenscheid gegen Essen doch aussieht. „Schönes Wochenende“ ist aber auch eine Episode über die Freundschaft respektive Liebe zwischen den Haferkamps, die mehr als verdeutlicht, dass sie viel zu wenig Privatzeit für sich haben (woran auch die Ehe gescheitert ist).

Auf Haferkamps Abschied aus der Reihe deutet indes überhaupt nichts hin. Regisseur Staudte scheint in seinem unterhaltsam erzählten Fall vielmehr auf anderes hindeuten zu wollen, beispielsweise als er Michalkes Tapete mit den vielen Fotos aus dessen Bundeswehrzeit von der Kamera abtasten lässt, ohne dass dies im weiteren Verlauf noch einmal eine sonderliche Rolle spielen würde. Sollte das etwas über die Täterpersönlichkeit aussagen? Dass Unternehmenschef Röder in seinem autoritären Duktus an einen alten Nazi erinnert und man am Ende für mindestens einen Mittäter Verständnis aufbringt, ist sicher kein Zufall, näher ausformuliert wird in dieser Hinsicht jedoch auch nichts. Vielleicht war das aber auch schlicht nicht nötig.

Der Essener „Tatort“ unter der vielschichtigen und sympathischen Kommissarsfigur Heinz Haferkamp dominierte den „Tatort“ der 1970er-Jahre, kein anderer Städtezweig kam auf eine derartige Episodenanzahl. Er illustrierte in seinen Bildern und seinen transportierten Stimmungen nicht selten die Ernüchterung nach den gesellschaftlichen und politischen Reformprozessen der ‘68er und den Verfall ach so ausgeflippter und freier Zeiten in der ersten Dekadenhälfte in Tristesse und Desillusion in der zweiten, wie sie Schäfer, Fricke und Wartusch einst als „schlechte Siebziger“ von den „guten Siebzigern“ abgrenzten. Das Schönste aber: Der überwiegende Teil der Episoden war gelungen, darunter einige herausstechende Glanzlichter. Mach’s gut, Hafi!

Details
Ähnliche Filme