Ein Mann tritt vor einen Spiegel. Mit einer Mischung aus Verwunderung und Bestätigung stellt er fest, dass kein Ebenbild zu sehen ist.
Wenn es eine verlässliche Konstante im Leben gibt, dann die, dass das eigene Spiegelbild unsere Existenz bestätigt, also nicht nur Identifikation im Lacan'schen Sinne vermittelt, sondern auch Sicherheit. Dracula verliert sein Spiegelbild, denn sein widernatürliches Dasein widerspricht unserer Vorstellung von dem, was die menschliche Existenz ausmacht. Der Tod löscht die Seele/Persönlichkeit ebenso aus, wie den Leib. Dracula überwindet den Tod, doch nimmt dadurch nicht nur sein Leib Schaden.
Stephen Hopkins nun verwendet das oben beschriebene Bild an einer Stelle in seinem Film The Life and Death of Peter Sellers, da der Protagonist auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt, mit Reichtum und mehreren Dutzend Charakteren ausgestattet, erkennen muss, dass all das Erreichte, das Spiegelbild -sprich: die eigene Persönlichkeit -nicht zu füllen vermag.
Überblickt man die (für die eigentliche Dauer seiner Filmkarriere) umfangreiche Filmografie des Peter Sellers, so hat es den Anschein, als sei der Prozess des Spielens vor der Kamera seine Methode gewesen, sich der eigenen Existenz zu versichern. Doch war es jedes Mal ein anderer, der in diesen Momenten auf dem Zelluloid seine Spuren hinterließ: Fred Kite, Jacques Clouseau, Clare Quilty, Group Captain Lionel Mandrake...
„There is no such person" hat Stanley Kubrick einmal über Peter Sellers gesagt und dies ist auch die These, die The Life and Death of Peter Sellers aufgreift. Erzählt wird nicht die wohl entscheidende Phase in seinem Leben - seine Kindheit - sondern der Film beginnt Mitte der Fünfziger, als sich Sellers (Geoffey Rush) seinen Weg ins Filmgeschäft erkämpft. Zu diesem Zeitpunkt ist er Anfang dreißig und ein Drittel der Goon Show, einer der erfolgreichsten Radioshows aller Zeiten. In diesem Medium hat er alles erreicht, also wendet sich Sellers dem Film zu. Man kann diese Entscheidung als Wunsch nach mehr Ruhm, Geld und Erfolg interpretieren oder als den logischen Schritt von der auf die Stimme beschränkten Karikatur zum auf die Visualität ausgeweiteten Charakter. Durch einen Trick gelangt er jedenfalls an erste Rollen, wenige Filmminuten später ist der Superstarstatus erreicht. Sein unberechenbares Verhalten führt jedoch zum Bruch seiner Ehe(n), wobei sein Jetset-Leben nicht über die zunehmende Isolation hinwegtäuschen kann.
Ein Biopic ist nie eine leichte Angelegenheit. Jemanden darzustellen, von dem viele Zuschauer ein konkretes Bild haben (das bei einem Filmstar ausgereifter ist, als etwa bei Alexander dem Großen) addiert weitere Schwierigkeiten hinzu. Wenn man es dann mit einem Mann zu tun hat, der von sich selbst behauptete, er habe keine Persönlichkeit, der sogar für seine wenigen Interviews passende Stimmen auswählte, dann steht das Genre an sich vor einem Problem. Zumindest seine klassische Form.
The Life and Death of Peter Sellers wendet einen erfrischenden Kniff an, um dieses zum umgehen: Die Figur des Peter Sellers fungiert als Regisseur des eigenen Films. Immer wieder gefriert die Handlung und Sellers greift ein, spielt seine Ehefrau Anne, seine Mutter oder auch Kubrick, wie sie ihn selbst wiederum beschreiben.
Was Geoffrey Rush hier leistet ist wohl der (Alb-)Traum eines jeden Schauspielers. Er spielt nicht „nur" Sellers, sondern auch Sellers wie er Clouseau, Strangelove, Chance und Blake Edwards spielt. Rush meistert diese Aufgabe souverän, wobei besonders seine Rekreationen von Sellers' Rollen gelingen. Neben ihm ragen Emily Watson als Ehefrau Nummer Eins, sowie John Lithgow als Blake Edwards aus dem Ensemble heraus. Die Dynamik zwischen Sellers/Rush und Edwards/Lithgow ist ein Augenschmaus, ihnen hätte Hopkins eindeutig mehr Szenen gönnen sollen. Wenn Sellers dann Edwards „spielt" und sich über ihre Beziehung auslässt, beweist Rush auf köstlichste Weise sein ganzes Können.
Das hervorragende Ensemble tröstet über die offensichtlichen Schwächen des Films hinweg. Da ist zum einen das Drehbuch (oder was davon übriggeblieben ist), das aufgrund der Sellers-stoppt-den-Film-Sequenzen an anderen Stellen das Tempo zu sehr anziehen muss und die wenigen langjährigen Freunde von Sellers ausradiert. Da der Film sich jedoch auf Sellers' Beziehung zu seinen Ehefrauen und Regisseuren beschränkt, leidet unsere Sympathie für seine Person immens, zumal der Fokus auf den (unbestrittenen) gewalttätigen Zug seines Charakters liegt. Die Depressionen, die ihn ein Leben lang verfolgten, werden kaum angeschnitten.
So bleibt die Person „Peter Sellers" am Ende nicht greifbar. Das gibt der Film auch selbst zu. Was ihn jedoch auszeichnet, ist sein Konzept, dass sich aus dem Biopic-Einheitsbrei der letzten Jahre heraushebt. Da ist zum einen eine wunderbare Fantasy-Sequenz zu den Klängen von David Bowie's Space Oddity, sowie eine gekonnte Verwebung seiner bekannten Rollen mit der filmischen Wirklichkeit. Sellers ist auf der Suche nach sich selbst, doch zunehmend ist die Welt der von ihm erfundenen Charaktere nicht mehr von der Realität zu unterscheiden.
Was seine Grundaussage betrifft bleibt The Life and Death of Peter Sellers konsequent. Wenn Sellers die Spielzeuge seines Sohnes zertrampelt, dann hat man das Gefühl, dies sei nur ein weiterer seiner Charaktere, der sozusagen im autorun läuft, wenn er glaubt gekränkt worden zu sein.
Gegen Ende, wenn sich die Handlung um die Entstehungsgeschichte von Being There dreht und etwas Ruhe Einzug hält, gewinnt der Film an Qualität und wartet mit einem poetischen Ende auf, dass so gar nicht zu erwarten war.
Sellers hatte fast sieben Jahre um Being There gekämpft. Einen Film über einen Mann ohne Eigenschaften, ein Gefäß, das Andere mit ihren Vorstellungen füllen. Er glaubte, dies sei die Personifikation seiner selbst auf der Leinwand. Anders lässt sich sein Enthusiasmus für das Projekt nicht erklären.
Den eigentlichen Konflikt aber, den er auszutragen hatte, konnte Sellers wohl nie zu seinen Gunsten wenden:
Dr. Strangelove hätte sich im Spiegel gesehen.