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Die Oscarsaison fest im Blickfeld ist es in den Kinos immer Zeit für die eine oder andere Filmbiographie einer Berühmtheit.
In diesem Jahr ist es „Ray“ oder in der Langfassung das Leben von „Ray Charles“, der Zeit seines Lebens und seiner Karriere am Piano sich mit seiner Blindheit arrangieren mußte, stets in dem Bewußtsein, mehr leisten zu müssen als andere, um sich durchzusetzen.

Taylor Hackford hat sich dieser Lebenslinie angekommen, dabei speziell den Jahren 1946-1965, in denen Charles langsam aber sicher vom zögernden Tourmusiker zum Solisten mit eigener Band, dann zum Plattenstar und zum Idol vieler wurde. Diesen Aufstieg würzt er mit reichlich Musik aus der Feder des Pianisten, holt so ziemlich alle Hits auf die Leinwand, an die man sich wirklich gern erinnert oder von denen man überrascht ist, daß diese Lieder von Ray Charles sind.

Relativ chronologisch, einzig und allein unterbrochen von wiederholten Einschüben aus seiner frühen Kindheit, folgt der Film gemächlich seiner Lebenslinie und vertraut den Ereignissen genug, um niemals in Sensationsheischerei abzugleiten. Dabei verstrickt das geschickt aufgebaute Drehbuch die Schattenseiten zwischen den lichten Momenten und verleiht dem Menschen Ray Charles auf der Leinwand wesentlich mehr Glaubwürdigkeit, als das sonst aussparende Verfilmungen mit ihren Vorbildern tun.

Hackfords Film verschweigt weder die immer weiter ausufernde Heroinsucht, noch die ständige Vielweiberei (obwohl der Film noch ein paar uneheliche Kinder verschweigt) auf Tour, die im krassen Gegensatz zu seinem angeblich soliden Familienleben steht. Charles erscheint ferner als knallharter Geschäftsmann, der sich zum Zwecke der Absicherung des selbst Erreichten niemandem letztendlich aus irgendeinem Grund verpflichtet fühlt.
Er wechselt die Plattenfirma, trotz großer Erfolge mit der alten, als ihm dort bessere Verträge angeboten werden, läßt seine Liebschaften nach Belieben auch bei Schwangerschaften fallen, sorgt nicht für langjährige Freunde, falls die sich schmarotzend verhalten und wacht mit Argusaugen (falls möglich) über seinen Finanzen.
Dabei geht er emotionalen Konflikten größtenteils aus dem Weg, ohne zum Eisblock zu gerinnen, aber auch ohne wirkliche Nähe dauerhaft zulassen zu können.

Eingefaßt wird das alles durch seine traumatische Kindheit, als er den Tod seines kleinen Bruders mit ansah, aber trotz Möglichkeit nicht verhinderte, um dann noch im Vorschulalter zu erblinden. In diesem Zustand lernte er von seiner Mutter, alles selbst zu erkunden und die Ohren als Augen zu benutzen. Dieser Durchsetzungswille, die enorme Entschlossenheit und Energie kann Jamie Foxx in einer preiswürdigen Darstellung voll und ganz herüberbringen. Man stellt nie Vergleiche zwischen Figur und Darsteller an und deswegen wirkt die darstellerische Leistung auch so überzeugend, unterstützt von der Tatsache, daß Foxx alle Pianostücke selbst spielte und streckenweise die Lieder sogar noch sang.

Obwohl die Zeit relativ flüssig verfliegt (ohne daß der Film ungemein spektakulär werden würde), allein durch die historischen Bezüge und Einfassung in die Entwicklung des Musikgeschmacks und der Rassenfrage, hat der Film nach über zwei Stunden jedoch Schwierigkeiten einen würdigen Schlenker nach oben zu machen. Gleichbleibend hohes Niveau sorgt bei zweieinhalb Stunden Länge leider trotzdem für Ermüdungserscheinungen und so muß sein Heroinentzug filmwirksam als Highlight herhalten, in der ihm die Schuld am Tod des Bruders in einer Fiebervision von demselben vergeben wird, was natürlich nur bedeutet, daß er sich endlich selbst vergibt.
Diesen so typisch filmischen Kniff hätte der Film nicht nötig gehabt, denn es handelt sich kaum um ein biographisches Element, sondern lediglich um ein emotionales filmisches Mittel, um einen Kreis zu schließen, den das Publikum in dieser Form eh kaum nachvollziehen kann.

Trotzdem ein starker Film über die volle Distanz, der seine Auszeichnungen und Prädikate durchaus zu Recht gewonnen hat. (8,5/10)

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