Review

Vielleicht sind ja bald die schlechten Jahre vorbei. Jahre, in denen das deutsche Kino sich nicht unbedingt mit Ruhm bekleckerte. Als ich mir letztens dann aus Langeweile "Nachts, wenn der Tag beginnt" angeschaut habe, schossen mir wieder alte Gedanken durch den Kopf. Die Deutschen schaffen es einfach nicht, gute Filme zu machen. Auch "Antikörper" war ja mehr schlecht als recht.

Logischerweise gibt es auch Ausnahmen und die Neueste davon, die zumindest mir in die Hände fiel, war die berühmte Sophie Scholl und die damit verbundene One-Woman-Show von Julia Jentsch. Da war ich also schon wirklich begeistert davon. Jetzt ist es irgendwie auch Zufall, dass ich hier gleich eine perfekte Überleitung zum eigentlich zu rezensierenden Film geschafft habe. Denn auch bei "Die fetten Jahre sind vorbei" hat Fräulein Jentsch ihre Finger mit ihm Spiel, bekleidet sie doch eine der drei oder vier Hauptrollen.

Auch thementechnisch kann sich in letzter Zeit niemand so richtig über mangelnde deutsche Filme beschweren, denn auch schon "Muxmäuschenstill" besaß diesen Batzen Gesellschaftskritik, die wohl mehr als nur polarisierte und so einige Fragen unbeantwortet ließ. Filme über die Moral ohne Moral. Wenn man so möchte. Sind die Reichen nicht irgendwie nervend ? Würde der Durchschnittsbürger einem Vorzeigespießer nicht liebend gerne einmal die Suppe versalzen ? Und vor allem, ist es diesen Snobs überhaupt bewusst, dass in anderen Ländern Hungertode in traurig großer Menge gestorben werden ? Und vielleicht sogar ein Monatsgehalt dieser Überverdiener einer Kleinstadt in irgendeinem Armutsland für ein paar Monate zum problemlosen Überleben reichen würde ?

Genau diese Fragen stellt der Film und lässt sie dennoch irgendwie unbeantwortet. Sowohl innerhalb eines Landes als auch zwischen verschiedenen Staaten gibt es horrende soziale und wirtschaftliche Kontraste. Genau dies möchten hier Jan, Peter und Jule nicht ändern. Es ist ihnen klar, dass sie dies nicht unmittelbar schaffen werden, doch sie möchten nicht tatenlos zusehen und hoffen auf Nachahmungstäter. Nachts brechen sie in Villen ein, stehlen nichts, sondern verwüsten nur die Einrichtungen. Bis sie eines Tages zwangsweise eine Geisel nehmen müssen.

Angesprochen vom Thema fühlt sich spätestens dann jeder, wenn er sich diesen Film zu Gemüte führt. Irgendwie wird jeder relevante Teilbereich dieses Problems tangiert. Vor allem die Unterhaltungen der 3 Hauptpersonen mit dem entführten Multimillionär Hardenberg sind äußerst intensiv und nachvollziehbar. Das sind Dialoge von enormen Tiefgang und endlich mal wieder wird über Diskussionswürdiges gesprochen. Denn eines ist klar. "Die fetten Jahre sind vorbei" möchte ein Problem zur Sprache bringen, aber gleichsam provozieren. Was ja irgendwie auf das selbe rauskommt. Es kommt wohl auch vieles zur Geltung, was in dem Moment im Zuschauer vorgeht, denn der Film versucht Fragen zu klären, ob sich solche Reichen überhaupt Gedanken über ihre unter Armut leidenden Mitmenschen machen und es für sie von großer Bedeutung ist, die größte Villa und den tollsten Schlitten zu besitzen. In Hardenberg haben sie hierbei ein Opfer gefunden, das zwar die Methoden der Drei nicht unbedingt toleriert, von ihrem Idealismus dafür umso mehr angetan ist.

Thementechnisch hat man es hier also mit höchst anspruchsvoller Kost zu tun, die durch die wunderbar agierenden Schauspieler genau die Intensität erreicht, die von Nöten ist, um zu fesseln, um zu provozieren, aber auch um zu unterhalten. Genau das, was der geneigte Zuschauer eben sehen möchte. Doch hier taucht auch das große Problem des Films auf. Es mag Zufall sein, doch die Tatsache, dass sie mit Hardenberg ebenfalls einen alten Revoluzzer entführt haben, der schon mal einen Joint mitraucht und ihre Ansichten mehr oder weniger nachvollziehen und teilen kann, die stört eben einfach.

Fragt mich nicht, wie man es hätte besser oder realistischer machen können, denn die Wahrscheinlichkeit, einen Menschen mit solch einer Einstellung (zumindest mit einer solchen, früheren Einstellung) zu entführen, ist zweifelsohne gegeben, für den Film wirkt es jedoch arg konstruiert. Andererseits muss man wieder sagen, dass Jan, Peter und Jule alles andere als grob oder gewaltsam mit ihrem Opfer umgehen, ihm auch unmissverständlich klarmachen, dass nichts Schlimmes geschehen wird und auch so gut wie jeder Zuschauer wird ja irgendwie überzeugt sein von ihrem Tun. Wer wird da bitte nicht aggresiv, wenn man Jule beim Kellnern zusieht und ihr den Reichen in den Arsch kriechender Chef sie fristlos entlässt, weil da so ein paar Kleinigkeiten wären, die ihm nicht passen. Oder die versnobbten Eheleute, die ihr stark alkoholisiertes Getränk in dem dazu vorgesehenen Glas serviert haben möchten und das mit einem Unterton von sich geben, dass einem der Juckreiz in die Fäuste steigt.

Der Zuschauer würde wohl sicher nicht so handeln wie es die Hauptpersonen im Film machen, aber dennoch gibt es so etwas wie Verständnis für ihren Gedanken und ihre Idee, etwas zu revolutionieren. Ich will die Persönlichkeit von Hardenberg auch sicher nicht schlecht machen, doch für einen Film wirkt dies natürlich immer recht konstruiert, wie allgemein so Einiges gegen Ende, aber das liegt irgendwie auch im Auge des Betrachters bzw. des Regisseurs, was er von der ganzen Sache so denkt und wie er dementsprechend den Film ausklingen lässt.

Alles in allem stellt "Die fetten Jahre sind vorbei" jedoch perfekte Unterhaltung dar, die teilweise atemberaubend spannend ist, wobei ich da hauptsächlich auf die Einbrüche der Freunde anspiele, die mit einer tollen Kameraführung wirklich unglaublich packend gelungen sind. Doch logischerweise kommt auch der Anspruch alles andere als zu kurz und es wird sogar an ein sehr brisantes und gewagtes Thema herangegangen. Ich möchte nicht wissen, wie wirklich Wohlhabendere auf solch einen Film reagieren oder reagiert haben. Die Idee und Durchsetzung darf daher durchaus als gelungen und gewagt bezeichnet werden und man sollte sich freuen, dass so etwas in dieser Art doch noch hin und wieder den Weg ins Kino schafft.

Packend, aufwühlend, provokant und dennoch oder gerade deshalb nur allzu realistisch. Leider kommt man nicht daran vorbei, dem Film eine gewisse Vorhersehbarkeit gegen Ende vorwerfen zu müssen, doch so richtig tut das seiner Qualität keinen Abbruch.

8,5/10 Punkte

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