"Es kommt nicht darauf an wer die Pistole erfunden hat, sondern wer den Abzug zieht, Mann!"
Sie brechen in Berliner Villen ein, wirbeln das Mobiliar durcheinander und verlassen den Tatort ohne etwas zu stehlen. Doch sie hinterlassen eine Warnung: "Die fetten Jahre sind vorbei", unterzeichnet mit "Die Erziehungsberechtigten“. Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) sind nicht nur beste Freunde, sondern rebellieren auch gegen die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich.
Peters Freundin Jule (Julia Jentsch) ist wegen hoher Schulden niedergeschlagen. Peter lädt Jule daher zu einem Kurzurlaub nach Spanien ein. Aufgrund eines Mietrückstands erhält sie allerdings eine Räumungsklage von ihrem Vermieter, und Peter fliegt alleine. Auf Peters Gesuch hilft Jan Jule beim renovieren. Dabei lernen die beiden einander kennen, und entwickeln eine Romanze. Jan weiht Jule in das nächtliche Geheimnis der beiden Freunde ein. Völligst angetan lässt sie sich nicht davon abbringen bei ihrem Schuldner, dem Manager Hardenberg (Burghart Klaußner), einzusteigen. Die beiden räumen die Möbel um und amüsieren sich. Später bemerkt Jule, dass sie ihr Mobiltelefon in der Villa hat liegen lassen. Bei einem weiteren Einstieg kehrt Hardenberg in seine Behausung zurück. Jan schlägt ihn im Affekt nieder. Durch die Panik ruft Jule den wieder aus Spanien zurückgekehrten Peter an. Zu dritt entführen sie den Bonzen in eine entlegene Almhütte um die Situation zu überdenken.
"Die fetten Jahre sind vorbei" handelt von drei Protagonisten, die wegen des vorläufigen Sieges des Kapitalismus in einer ungerechten Welt leben, in der Leute Geld dafür verlangen, daß man in ihren Häusern wohnen darf, und man, wenn man seine Kfz-Haftpflicht nicht bezahlt und dann anderer Leute Mercedes kaputtfährt, Schadensersatz zahlen muß. Durch solche Unbill aufgestachelt, attackieren die Protagonisten tagsüber die niederen Schergen des Systems wie Fahrkartenkontrolleure und Turnschuhverkäufer und brechen nachts in Villen ein, werfen dort Sofas in den Swimmingpool, Porzellanfiguren ins Klo und hinterlassen Botschaften, um den Ausbeutern das Gefühl der Sicherheit hinter ihrem Kapital zu nehmen und Angst zu verbreiten.
Dabei ist schwer auszumachen, ob dieser Streifen ernst gemeint oder eher satirisch ist. Einerseits beherrschen die drei Aufständischen ihr Vokabular und sind durchgehend in der Lage ihre Systemkritik durch gekonnte Rhetorik zu erläutern. Andererseits bietet ihnen niemand Paroli, nicht einmal das entführte Opfer, das mit der Zeit seinen Zustand gar nicht mehr so tragisch nimmt und sich an der frischen Bergluft oder durch ein Mau Mau Spiel mit den Amateur-Revolutionären erfreut.
In der ersten Hälfte werden die Charaktere eingeführt. Der Zuschauer erfährt, warum Jan, Peter und Jule nun mal so sind, wie sie sind. Warum sie tun, was sie tun. Hier verbringt der Film viel Zeit mit Dialogen über politische Einstellungen und philosophische Lebensweisen. Gerade diese Hälfte erweist sich als recht langwierig, da "Die fetten Jahre sind vorbei" kaum Tempo vorlegt und sich immer wieder durch kleine, zwar faszinierende, aber inhaltlich nicht fördernde Details selbst ausbremst.
Erst mit der Entführung Hardenbergs und der Ankunft in der Almhütte nimmt der Film richtig Fahrt auf. Hier wandelt er sich allerdings von sozialkritischer Groteske zu persönlichem Drama. Nur noch wenige Dialoge treffen so messerscharf wie die zu Beginn, obwohl das Aufeinandertreffen der Generationen für jede Menge Zündstoff sorgen sollte. Es passiert allerdings das Gegenteil. Während Hardenbergs Profil immer einsichtiger wird und die Anzahl der Diskussionen abnimmt, reißt die Kluft zwischen den drei Aufständischen immer weiter auf. Dass eine schwarz / weiß Zeichnung dem Film nicht gestanden hätte ist offensichtlich. Der beinahe völlige Verlust des eigentlichen Themas ist allerdings eine Schande.
Gerade der recht abrupte Abschluss der Handlung enttäuscht weitestgehend. Im Zuge des moralischen Alibi-Konflikts löst sich die angespannte Lage in kurzen Sätzen. Etwas gelernt hat während dem überlangen Wochenendtrip scheinbar niemand, denn beide Seiten gehen trotz Versprechungen weiter ihren geläufigen Tätigkeiten nach.
Antworten auf viele im Film angedeutete Fragen gibt "Die fetten Jahre sind vorbei" nicht. Hier ist jeder selbst gefragt sich eine eigene Meinung zu bilden und möglicherweise ein fest gefahrenes System anzuzweifeln. Allerdings bietet der Film weder den Aufruf zum handeln noch einen radikalen Kommentar. Vielmehr ist er beinahe stumm und überbringt seine Botschaft leise und Kleinlaut.
Bei einem Film wie diesem hängt eine Menge von den Charakteren und deren Darstellern ab. Visuelle Erscheinung und glaubhafte Präsentation spielen eine große Rolle. Hier erweisen sich die Schauspieler als Glücksgriff.
Daniel Brühl ("Good Bye, Lenin!“, "Krabat“) beweist, dass in seiner Alterklasse eigentlich kein Weg an ihm vorbei führt. Einmal mehr gelingt es ihm, sein Spiel um neue Facetten zu erweitern, ohne dass sich beim Zuschauer das Gefühl einstellt, sein Gesicht mittlerweile einmal zu oft gesehen zu haben.
Stipe Erceg ("Der Baader Meinhof Komplex") war zu diesem Zeitpunkt ein Neueinsteiger bei größeren Rollen, was sich durch Unsicherheiten bemerkbar macht. Ganz im Gegensatz zu Julia Jentsch ("Sophie Scholl - Die letzten Tage", "Der Untergang"), die man trotz des nicht gängigen Schönheitsideals durch ihre ausdrucksstarken Augen in Erinnerung behält.
Abgerundet wird das hervorragende Ensemble durch den alten Haudegen Burghart Klaußner ("Good Bye, Lenin!“, "Rossini“), der eine gewohnt routinierte Vorstellung abliefert.
Recht vorhersehbar, was "Die fetten Jahre sind vorbei" hier abliefert. Das Thema der "Generation Hoffnunglos" ist sicher nicht neu, bietet aber immer wieder neue Ansätze zu Diskussionen. Leider schafft es das Drama nicht seinen Standpunkt zu vertreten. Viel zu leise werden Meinungen breit getreten und ohne jeden weiteren Kommentar stehen gelassen. Statt konsequenter Durchführung erscheint "Die fetten Jahre sind vorbei" übervorsichtig und mutlos, was das enttäuschende Ende bestätigt. Der Film hat definitiv seinen Momente, wenn auch weniger zahlreich als sie hätten sein können. Durch die engagierten Darsteller treffen wir uns schlussendlich irgendwo in der Mitte.
5 / 10