Review

Die "Filmjuwelen"-DVD-Sichtung zu der Simmelverfilmung "Bis zur bitteren Neige" erweist sich als Tour de tristesse. Die ausgewaschenen Farben des bestenfalls mittelmäßigen Filmtransfers (aus dem Fernseharchiv?) steigern den traurigen Gesamteindruck des Szenarios mitunter bis an die Grenze des Abschaltens. Maurice Ronet als depressiver und häufig alkoholisierter ehemaliger Erfolgsschauspieler Paul Jordan wirkt meist bleich, verhärmt und wie mit einem kalten Schweißfilm überzogen. Ich bin mir nicht sicher, ob Ronet anders kann, in "Die Antwort kennt nur der Wind", einer anderen Simmel-Verfilmung und dem einzigen anderen Film mit ihm, den ich kenne, macht er jedenfalls einen ähnlichen Eindruck. Suzy Kendall als Pauls Ehefrau wirkt im Gegensatz zu ihrem 73er Giallo "Torso" viel älter und erinnert mich persönlich ab und zu in der charakterlichen Härte, die sie ausstrahlt, an vergleichbare Auftritte von Lilli Palmer.

Susanne Uhlen finde ich in den 70ern eine der interessantesten Schauspielerinnen überhaupt, mit circa zwanzig gibt sie hier eine sehr überzeugende Femme fragile ab und hätte viel bessere und größere Rollen verdient. Ich empfehle von ihren Kinofilmen immerhin "Das Netz" und warte weiterhin händeringend auf eine anständige Veröffentlichung von "Engel, die ihre Flügel verbrennen"! Sowohl sie als auch Christine Wodetzky, die hier überzeugend als Ärztin und guter Geist des Protagonisten Paul agiert, gingen aber in erster Linie später den Weg durch zahlreiche Fernsehkrimis. Rudolf Fernau als zwielichtiger Arzt Dr. Schauberg hat so wenig Auftritte, dass ich ihn hier richtig verschwendet finde. Eine wirkungsvolle Mad-Scientist-Nebengeschichte hätte man mit diesem wunderbaren Charakterkopf aufsetzen können, der auch aus der großen Krimiwelle des vorigen Jahrzehnts (Edgar Wallace und Konsorten) nicht wegzudenken ist. Ein weiterer Charakterkopf, der diesem Film Farbe gibt und Leben einhaucht (was er bitter nötig hat), ist Karl Renar, von dem ich mich die ganze Zeit fragte, wie ich ihn als Figur einzuschätzen habe. Sehr gut besetzt sind auch die Rolle des Filmregisseurs (Balduin Baas) und natürlich die eines missgünstigen Schauspielerkollegen, hier darf der vor allem aus "Tanz der Vampire" bekannte und geschätzte Ferdy Mayne Zähne zeigen.

Bei dieser Besetzung kann eigentlich nicht viel schiefgehen - könnte man meinen -, außer dass ich z. B. mit der Zeit etwas zu viel davon bekam, dem endlosen Jammer von Paul alias Maurice Ronet zuzuschauen. Materielle Probleme hat er nicht und an den sonstigen ist er selbst keineswegs unschuldig (außer er weiß nicht, wie die Kinder gemacht werden). Jedoch auch wenn es das Zusehen mitunter etwas beschwerlich macht, ist es schon einleuchtend, dass die Alkoholabhängigkeit kleine Probleme zu großen und lösbare Konflikte unlösbar werden lässt. Das Ende des Films wirkt sehr abrupt und nach der Krise bzw. Katastrophe der Geschichte wird die Chose nicht richtig zu Ende erzählt. Ein paar befremdliche Halluzinationen deuten nahezu ins Horrorgenre, ansonsten haben wir es hier mit einem depressiven Drama zu tun, dessen altersbedingt farbenreduzierte Version aus dem Hause Filmjuwelen es wahrlich nicht weniger trist macht.

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