„Ich kann nicht mehr!“
Am 20. April 1981 nahm der nächste „Tatort“-Kommissar, der die 1970er innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe mitgeprägt hatte, seinen Hut: Der Münchner Kriminalhauptkommissar Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer) verabschiedete sich mit seinem 15. Fall. Dieser war von Herbert Rosendorfer geschrieben und von Wilm ten Haaf inszeniert worden, der damit seine fünfte von insgesamt sieben „Tatort“-Episoden ablieferte.
„Sie war schon tot.“
Walter Berg (Stephan Orlac, „Die Wicherts von nebenan“), ein nach außen hin biederer, graumelierter Rechtsanwalt, ist verheiratet, hat jedoch seit fünf Jahren in der Apothekerin Ulla Brendl (Karin Kernke, „Die Nackte und der Satan“) eine Geliebte. Diese Affäre beendet er nun – und zwar endgültig. Mit seiner Frau (Maria Körber, „Sonne, Sylt und kesse Krabben“) spricht er offen darüber, doch ihr Vertrauen zu ihrem Mann bleibt erschüttert. Bereits am nächsten Tag reist er für eine Woche nach Regensburg, da er vor dem dortigen Gericht die Verteidigung eines Mandanten übernehmen muss. Er quartiert sich für diese Zeit bei seinem Kollegen Runau (Otto Stern, „Liebesspiele junger Mädchen“) und dessen Familie (u.a. Maddalena Kerrh, „Die Moral der Ruth Halbfass“) ein, mit der er freundschaftlich verbunden ist. Jedoch sorgt er sich auch um Ulla. Als er sie telefonisch mehrmals nicht erreicht, fährt er für einen kurzen Abstecher nach München zurück, wo er sie erschossen in ihrer Wohnung liegend auffindet. Ohne sich bei der Polizei zu melden, verlässt er den Tatort wieder. Ullas Leichnam wird schließlich wenige Tage später von der Hausmeisterin Frau Hoiss (Margot Mahler, „Zum Gasthof der spritzigen Mädchen“) gefunden. Daraufhin übernimmt die Münchner Mordkommission um Kommissar Veigl, der Herrn Berg vom Stammtisch kennt, den Fall. Im Nachbarn Wiedemann (Wolfgang Büttner, „Der 20. Juli“) ist ein wichtiger Zeuge schnell gefunden. Er hatte sowohl Herrn Bergs regelmäßige Besuche als auch Frau Bergs abendlichen Besuch bei Ulla beobachtet. Frau Berg wollte sich mit Ulla aussprechen und hatte ihr ein weißes Usambaraveilchen mitgebracht…
Ausgangssituation dieses „Tatorts“ ist ein wohlsituierter Herr, der sich unmoralisch verhält und, obschon nicht der Mörder, so doch in einen Mordfall hineingezogen wird. Im Prinzip bietet „Usambaraveilchen“ ein klassisches Whodunit?-Sujet, wenngleich das Fernsehpublikum einigen Wissensvorsprung gegenüber der Polizei hat. Deren Ermittlungen gestalten sich mäßig spannend, da man ihr dabei zusieht, wie sie herausfindet, was man ohnehin schon weiß – und dies recht dialogreich und ohne viel Witz oder Schmiss. Brettschneider (Willy Harlander) befragt Ullas Chef, den Apotheker Froschhammer (Robert Naegele, „Sie liebten sich einen Sommer“), und man reist nach Regensburg, um mit Herrn Berg zu sprechen, der mit der vollen Wahrheit – soweit er sie kennt – nicht so recht herausrücken will. Neben der Rätselei um die Täterschaft sorgen aber Nebenfiguren wie der kauzige Rentnernachbar für Unterhaltung: Diesem ist in seinem eigenen Leben derart langweilig, dass er penibel dokumentiert hat, wann genau Herr Berg Ulla jeweils besuchen kam. Dieser verschrobene Spießer ist lange Zeit der wichtigste Zeuge, bis die Nachbarin der Bergs Frau Berg entlastet. Nun ist guter Rat wieder teuer.
Im letzten Drittel rettet sich die Dramaturgie in eine überraschende Wendung und einige Konfusionen gegen Ende, bis Tathergang und Täter endlich ans Licht kommen. Eine Rückblende dröselt alles auf. Etwas arg seltsam und herbeikonstruiert wirkt es bei genauerer Überlegung indes, dass der pedantische Nachbar ausgerechnet davon nichts mitbekommen haben will. Ich fürchte, dass das Drehbuch hier eine gröbere Schwäche offenbart. Dasselbe Drehbuch hätte Veigls Abschied gern auch etwas feierlicher ausfallen lassen dürfen, so durchwachsen der Münchner „Tatort“-Zweig unter dessen Regentschaft auch war. Immerhin wird in einem Dialog vermittelt, dass Veigl in Pension geht und Lenz (Helmut Fischer) sein Nachfolger wird. In diesem Kontext dürfen die beiden sich wenigstens ein wenig kabbeln, und Raum für Veigls obligatorische Presseschelte findet sich später ebenfalls.
Die Staatsanwaltschaft kommt hier übrigens reichlich schlecht weg, und die Polizei tritt eine ganze Weile auf der Stelle, weil sie gar nicht erst auf die Idee kommt, dass es neben Herrn Berg auch andere Männer in Ulla Brendls Leben gegeben haben könnte. Bemerkenswert ist der offene Umgang Herrn Bergs mit seiner Affäre (zumindest gegenüber seiner Frau). Das Thema emotionale Erpressung wird nur kurz angerissen und als Aufhänger dafür genutzt, dass sich Herr Berg nach seiner Trennung von Ulla noch um sie sorgt. Der „Tatort: Usambaraveilchen“ ist gemütliche Fernsehkrimikost, wenn auch etwas sehr trocken. Es ist kein Paukenschlag, mit dem sich Veigl von seinem Publikum verabschiedet, aber auch kein Reinfall. Wer „Derrick“ und Konsorten goutiert, dürfte einen relativ soliden Fall zu sehen bekommen. Vom Feuer, der Spritzigkeit, dem Witz und der Frische manch älteren „Tatorts“ aus den 1970ern ist „Usambaraveilchen“ jedoch weit entfernt.
Ein letztes Mal kapriziös gibt man sich ganz am Ende, als der Abspann mitsamt „Tatort“-Melodie bereits überm noch Handlung vermittelnden Bewegtbild einsetzt. Ich freue mich nun auf die sieben Münchner Lenz-„Tatorte“ aus den Jahren 1981 bis 1987 mit Helmut Fischer in der Hauptrolle, dem bereits unter Bayrhammer für mich heimlichen Star der Reihe, der nach seiner parallelen Zusammenarbeit mit Helmut Dietl für die Serie „Der ganz normale Wahnsinn“ seine dortige Nebenrolle als Stenz in „Monaco Franze – Der ewige Stenz“ ausbauen durfte und damit endgültig zum Publikumsliebling avancierte. Aber dazu später und anderer Stelle mehr.