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Bavaria, der Lenz ist da!

„Wozu denn das ganze Theater?!“

Nach Gustl Bayrhammers Ausstieg aus dem Münchner „Tatort“-Zweig wurde der damals aufstrebende Schauspieler Helmut Fischer zu dessen Nachfolger als Kriminalhauptkommissar befördert, sprich: der bisherige Hauptmeister Lenz beerbte seinen ehemaligen Chef Veigl. Sieben Monate nach Veigls noch im Jahre 1980 gedrehten Abschied debütierte Fischer respektive Lenz in seiner neuen Rolle: „Im Fadenkreuz“ wurde am 15. November 1981 erstausgestrahlt. Da die Dreharbeiten im Mai und Juni 1981 stattfanden, handelt es sich um den ersten echten Münchner „Tatort“ der ‘80er-Dekade. Der erfahrene Kino- und Fernsehregisseur Thomas Engel („Meine Tochter und ich“) inszenierte hiermit seine erste von zwei Episoden der öffentlich-rechtlichen Krimireihe, das Drehbuch stammte von Peter Hemmer.

„Ein Beckenbauer isser nicht, der Rummenigge!“

Der flüchtige Verbrecher Theo Scholz (Ralph Schicha, „Loft – Die neue Saat der Gewalt“) entzieht sich einer Personenkontrolle in einem Münchner Wirtshaus, flieht erst auf den Bahnhof und setzt seine Flucht per Taxi fort, indem er den Fahrer mit vorgehaltener Waffe bedroht. Kollegen des Fahrers sowie eine Polizeistreife verfolgen ihn. Nachdem er gestellt wurde und zu Fuß weiterfliehen will, wird er von einem Polizisten angeschossen. Schwerverletzt wird er ins Krankenhaus eingeliefert. Im Bahnhof hatte Scholz jedoch einen Schließfachschlüssel fallenlassen und versteckt, hinter dem nun andere her sind. Gefunden und verwendet wurde der Schlüssel von einem wiederum gänzlich unbedarften Bahnhofsbesucher, was die Sache für keine der Parteien einfacher macht – auch nicht für den frischgebackenen Kriminalhauptkommissar Ludwig Lenz, der zunächst völlig im Dunkeln tappt, bald aber auch einen handfesten Mord aufzuklären hat…

„Taxifahrer leben gefährlich!“

Lenz‘ erster Fall in voller Verantwortung beginnt rasant, nämlich mit einer (ansprechend gefilmten) Taxiverfolgungsjagd durch München mit anschließendem Schusswaffeneinsatz. Eine Unterredung Lenz‘ mit Kriminalrat Schubert (Rolf Castell) unterstützt die Einführung dieser neuen Hauptkommissarsfigur, die kurz darauf mit einem Mord konfrontiert wird: Derjenige Taxifahrer, den Delinquent Scholz zu seiner Fluchtfahrt gezwungen hatte, wird brutal ermordet in seinem Taxi aufgefunden. Der Wissensvorsprung des Fernsehpublikums, das bereits vom Schließfachschlüssel weiß, wird durch einen Perspektivwechsel zu Scholz‘ Rechtsanwalt Overdiek (Peter Fricke, „Nathan der Weise“) ausgebaut: Dieser wird nämlich erpresst, weshalb er fieberhaft versucht, von seinem schwerverletzten Klienten im Krankenhaus in den derzeitigen Ort des Schließfachschlüssels in Erfahrung zu bringen und sich schließlich Lenz anvertraut. Daraus entwickelt die Narration ein ungleiches, sich gegenseitig skeptisch gegenüberstehendes Duo, das sich jedoch zusammenzuarbeiten gezwungen sieht. Die Differenzen, die man berufsbedingt hat, werden an- und ausgesprochen.

Daraus resultiert viel mitunter etwas dröge Polizeiarbeit, die sich ungefähr ab der Hälfte der Laufzeit dahingehend verdichtet, dass Spannung durch die konkrete Suche nach der Diebes- und Erpresserbande erzeugt wird. Und um diese interessanter zu gestalten, arbeitet Lenz – der besondere Kniff dieses „Tatorts“ – inkognito als Taxifahrer. Ein riskantes Unterfangen, denn dadurch gerät er zwar direkt an die Kriminellen, damit aber auch in unmittelbare Gefahr. Diese wird im Finale auf die Spitze getrieben, was „Im Fadenkreuz“ jedoch nicht daran hindert, über weite Strecken eher unspektakulär, dazu etwas zäh, geschwätzig und leicht überkonstruiert zu sein. Dabei unterschreitet er jedoch nie ein gewisses inhaltliches wie dramaturgisches Niveau, sondern bleibt solide und gewinnt mit bayrischer Biergarten-Lebensart und Gemütlichkeit in schönen sommerlichen Bildern die Gunst zumindest desjenigen Teils der Zuschauerschaft, der sich darin wiederfindet oder zumindest dafür empfänglich zeigt. Auch der nachdenkliche, kritische Fragen aufwerfende Epilog gefällt.

Helmut Fischer macht sich hier gut in seiner Rolle, kann sich profilieren, wenn auch seinen Charme noch nicht ganz ausspielen. An seiner Seite befindet sich weiterhin Willy Harlander als Kriminalobermeister Brettschneider, neu im Bunde ist Henner Quest („Der Brandner Kaspar“) als Kriminalassistent Faltermayer. Nicht zuletzt zählt „Im Fadenkreuz“ zu den ersten 1981 ausgestrahlten „Tatort“-Episoden, die auch wirklich nach den 1980ern aussehen: Die letzten ‘70er-Frisuren waren dem Friseur oder der Friseurin zum Opfer gefallen, das Filmmaterial offenbar gegen schöne, satte, bunte Farben transportierendes Band ausgetauscht und die miefige zweite Hälfte der ‘70er zugunsten einer Zuversicht in ein neues, abenteuerreiches (und abenteuerliches…) Jahrzehnt verabschiedet worden.

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