Review
von Leimbacher-Mario
Mein Körper, meine Regeln
„In My Skin“ ist ein untypischer Vertreter der (damals, Anfang der 00er) „neuen französischen Hardcore-Horrorwelle“. Er ist das komplette Gegenteil eines beispielsweise „Frontiers“ und dennoch kein Stück weniger hart, schockierend, eklig. Wahrscheinlich ist er eher sogar noch viel schwerer auszuhalten... Wir folgen einer attraktiven, vielleicht Anfang dreißigjährigen Frau, die eigentlich alles hat, von einem sie liebenden Mann an ihrer Seite bis zu einem guten Job. Doch als sie sich eines Tages zufällig auf einer Party am Bein verletzt, spürt sie ihre Wunden kaum und findet seltsamerweise Gefallen am Schneiden und mehr oder weniger dezenten Verstümmeln ihrer selbst...
Das tut weh. Das ist schwer anzugucken. Das kann man mit Sicherheit nicht wirklich verstehen. Und dennoch übt „In My Skin“ eine unglaubliche, sehr intime und fast etwas surreale Faszination aus. Aufopferungsvoll gespielt und ohne Umwege vorgetragen, entsteht ein schmerzvolles Stück Kino, eine Art Ahn oder Verwandter von „Raw“ und „Trouble Every Day“. Künstlerisch wie psychologisch wertvolle, böse, unangenehme Selbstzerstörung. Jeder Schnitt sitzt, jeder Biss geht tief, jede Verletzung reiße alte Wunden auf. Seelische wie körperliche. Eine fast philosophische Zerfleischung einer tollen Frau, einer ganzen Gesellschaft, wenn man denn so will. Anflüge von „Crash“ oder gar „Hellraiser“ (!) sind auch kaum zu leugnen. Das Ende ist mir etwas zu offen und wirkt nicht ganz durchgezogen, ich hätte doch zu gerne noch mehr Reaktionen des Umfelds gesehen, auf die kannibalistischen und vampiristischen (!) Entwicklungen der Hardcore-Masochistin. Doch zahm oder unausgereift ist der gefühlvolle, alles andere als reißerische Film deshalb noch lange nicht. Das ist Körperkult auf die Spitze und gleichzeitig ad absurdum getrieben. Nichts für Zartbesaitete und empfindliche Mägen. Sensibles Terrorkino für kaputte Seelen und geschundene Körper. Über Gefühle und Anti-Phantomschmerzen, über ein dickes Fell und eine verlorene Dame. Unverkennbar mit der Handschrift einer Frau.
Fazit: der beste Bodyhorror außerhalb von Cronenberg?! Definitiv ein Kandidat dafür. „In My Skin“ tut zeitgleich weh und gut. Betörend verstörend. Unheimlich intim und schmerzhaft, psychologisch interessant und filmisch mutig, thematisch gewagt und schauspielerisch aufopferungsvoll. No Pain, No Game.