“The Fatal Hour” ist der vierte Teil einer insgesamt sechsteiligen Reihe um den chinesischen Detektiv Mr. Wong, der die ersten fünf Male von Boris Karloff gespielt wurde. Moment... der Brite Karloff spielt einen Asiaten? Durchaus. In “Die Maske des Fu-Manchu” konnte er schon 1932 munter Archetypen bilden, bis Christopher Lee die inzwischen legendäre Figur in den Sechzigern weiterprägte.
Mr. Wong ist aber entgegen aller Vermutungen keinesfalls eine Kopie des asiatischen Bösewichts, sondern eher so etwas wie ein Gegenentwurf. Hugh Wiley erfand James Lee Wong für das “Collier’s Magazine” und war damit Ende der Dreißiger recht erfolgreich. Einzuordnen ist der Detektiv wie Peter Lorres “Mr. Moto” (8 Filme von 1937 bis 1939 plus ein Comeback in den 60ern) als Erbe des Detektivs Charlie Chan, der schon seit 1931 auf Streifzug ging. All diese Figuren waren stark westlich geprägte Asiaten, die dem westlichen Publikum das Unbehagen vor dem geheimnisvollen asiatischen Reich nehmen sollten mit ihrem vertraut wirkenden Verhalten. Undurchschaubare Schurken vom Schlage des Fu-Manchu trugen dagegen nicht gerade zum Vertrauen in die asiatische Kultur bei. Die Expansionsbemühungen des japanischen Kaisers und die Kämpfe zwischen Nationalisten und Kommunisten verstärkten die Furcht vor dem Unbekannten im Land der aufgehenden Sonne. Als William Nigh also mit Karloff die “Mr. Wong”-Filme drehte, war ihm auch daran gelegen, seinem Publikum die implizite Angst vor einer ihnen fremden Kultur zu nehmen; gleichzeitig sollte den in Amerika lebenden Asiaten political correctness entgegengebracht werden. Ob das natürlich mit der US-typischen Attitüde gelingt, den asiatischen Protagonisten einfach zu amerikanisieren, ist wieder eine andere Frage...
Jedenfalls ist der Krimiplot, den man hier zu sehen bekommt, aus heutiger Sicht unweigerlich eine Sache, die an “Columbo” erinnert. Zwar wird die Identität des gesuchten Mörders und Schmugglers bis zur Schlussszene nicht gelüftet, doch mit Peter Falks gutmütigem, aber misstrauischem Ermittler hat Karloffs Mr. Wong erstaunlich viel gemeinsam - stets freundlich und zurückhaltend geht er seiner Arbeit nach, wirkt beinahe harmlos, wird daher auch unterschätzt von seinen Rivalen, ist in Wirklichkeit aber die größte Gefahr von allen.
Denn mitnichten ist Mr. Wong der einzige Mann, dem an einer Auflösung des Falls gelegen ist. Hinter der Lösung des Falls steht ein Dreigespann, in dem Karloff selbst zunächst gar untergeht. Was auch an Eigenheiten des Plots festzumachen ist, denn neben Marjorie Reynolds, die als Roberta Logan eine starke, hübsche junge Persönlichkeit spielt, die selbstverständlich naturgemäß schon Blicke auf sich zieht, geht auch Franchise-Charakter Cpt. Bill Street (Grant Withers) mit persönlichen Motiven auf Tour, da es sein bester Freund Dan O’Grady ist, der ermordet wurde und dessen Mörder es zu finden gilt.
So findet Karloff die Zeit, eher im Verborgenen zu ermitteln, während Grant Withers damit beschäftigt ist, aus Wut und Trauer alle Verdächtigen anzuschreien (was aber weniger Film Noir-Elemente als vielmehr Komödiantisches zu Tage bringt) und hysterisch zu agieren. Karloff geht dem Fall ganz im Kontrast zu seinem Kollegen eher unauffällig und überlegt auf den Grund. Hätte William Nigh den beiden etwas mehr Raum für Zusammenspiel gegeben, es hätte eine erste Form von Buddy-Comedy daraus entstehen können.
Geht Mr. Wong mit seinem Insiderwissen dann in Chinatown auf Spurensuche und spricht als Kenner beider Welten mit kulturell ihrem Land verbundenen Chinesen, so wird die Vermittlerfunktion des Mr. Wong deutlich. Der Zuschauer wird näher an die chinesische Kultur herangetragen dadurch, dass ein Mann der westlichen Aufklärung sich so selbstverständlich und natürlich in einer fremden Welt aus Qing, Seladon, Ming oder Jingdezhen verhält.
Was den Unterhaltungsfaktor betrifft, der innerhalb der Reihe eigentlich groß geschrieben wird, hat “The Fatal Hour” vermutlich über die Jahre deutlich an Wert verloren. Nach unzähligen Weiterentwicklungen und Alternationen im Genre wirkt die Story inzwischen ausgesprochen gewöhnlich. Die Dialoglastigkeit führt zu einem recht undynamischen Erzählfluss, der die 69 Minuten nur mangelhaft nutzt. Leichte Spannung ergibt sich aus dem Verhör verdächtiger Personen, allerdings im Vergleich mit der Intensität eines Films wie “Die Rache des Toten” nur marginal. Was die Locations betrifft, werden diese auch nicht der reißerischen Inhaltsangabe gerecht. Tatsächlich gleicht der Look auffällig dem von Ed Woods “Jail Bait”, der den Mitteln entsprechend insgesamt sehr professionell aussah (tatsächlich übertraf sich Wood mit seiner Arbeit an “Jail Bait” rein technisch zweifellos selbst), sich aber auch bewusst von größeren Handlungsorten entfernte. Diesmal spielt sich das meiste in den Büros von Captain Street oder von den Verdächtigen ab.
Immerhin hat das Ende von seiner Komposition fast schon ein wenig von Alfred Hitchcock in seiner britischen Spätphase. Da werden zusammen mit dem Mörder fröhlich Mutmaßungen formuliert und kecke Thesen gebildet, während sich unterschwellig der Suspense des Wissenden entfaltet.
Schlussendlich aber ein heutzutage als Unterhaltung eher unbrauchbarer Film, der schon längst überholt wurde. Allenfalls die Konzeption des Mr. Wong ist aus filmhistorischer Warte aus noch interessant.