Man kann über Michael Moore sehr lange diskutieren und sehr viel streiten. Der Mann steht ständig in der Kritik weil er wagt, dort zu kritisieren, wo der Uramerikaner getroffen wird. Sei es in seinem großen Erfolg "Bowling for Columbine", als es um die Waffennation USA ging, oder sei es in seinen Werken "Stupid White Men" und vergleichbare, wenn es um die Politik im ganzen geht.
Fahrenheit 9/11 beschreibt auf eindrucksvolle und überraschende, teilweise erschütternde Weise den Weg vom friedlichen Amerika hin zur Nation, die wahllos und sinnlos den Irak bombardiert. So kann man den Film und die Kernaussage treffend beschreiben. Und schon geht der Streit los. Warum haben die USA den Irak bombardiert? Warum ein zweiter Golfkrieg? Warum liessen sie nach 9/11 die mutmaßlichen Drahtzieher der Attentate nach Saudi-Arabien ausreisen? Und überhaupt: warum hat das alles keiner kommen sehen?
Michael Moore gibt eine Antwort, die hart ist und sicherlich so nicht vollständig richtig ist, aber einen großen "Wahrheitskern" beinhaltet: Bush wollte gar nicht die Realität sehen, sondern nur seinen eigenen Profit und den seiner Freunde. Moore verwendet auffallend viel Zeit, in aller Ausführlichkeit darzulegen wer wie mit George Dabbeljuh verbandelt ist und von einem Irakkrieg profitieren würde (vor 9/11), profitiert (nach 9/11) und profitiert hat (aus heutiger Sicht). Und das ist wirklich erschreckend, denn hier gibt es keinen Grund zum Zweifel, alles ist belegbar und bei Überprüfung wahr: Die Bush-Administration verwendet sehr viel Energie und politische Möglichkeiten, um wirtschaftlich zu profitieren. Und zwar nicht für Amerika, sondern für die eigene Tasche.
Moore bezeichnet das in gewohnt klarer Sprache als Korruption, stellt den Irakkrieg als reines Mittel zum Eigennutzen Bush's heraus. Zynisch zeigt er quälend lange Minuten, nachdem Bush informiert wurde daß sein Land angegriffen wurde und dieser einfach still sitzen bleibt mit dümmlichem Gesichtsausdruck und nichts besseres zu tun weiß, als einfach weiter aus einem Kinderbuch vorzulesen ("My Pet Goat"). Unfassbare Inkompetenz in staatsschädigender Weise, was Moore überhaupt nicht mehr zu belegen braucht sondern augenscheinlich so ist - wenn man diese Tatsachen kennt, sieht, und die Zusammenhänge betrachtet.
Über "Fahrenheit 9/11" kann und sollte man diskutieren. Er ist sicher keine Bibel der Gutmenschen, Bush sicher nicht der an die Wand gemalte Teufel. Moore ist ein schwarz-weiß-Zeichner, die Farbpalette kennt er noch nicht. Muß er aber auch nicht, denn hier gibt es keine allgemeingültige Wahrheit. Für jeden ist etwas anderes die Wahrheit. Diese krasse Reduktion auf das Wesentliche, das Zusammenbündeln aller kritischen Erkenntnisse - das genügt völlig um die Diskussion anzuregen. Glücklicherweise nicht nur bei uns, sondern auch im eigenen Land. Ob man Moore mag oder nicht, ob man den Film mag oder nicht. Es war wichtig, daß wir ihn gesehen haben und Dinge erfahren haben, die wir sonst nicht gewußt hätten - vermutet vielleicht, aber nicht so deutlich und bewußt wahrgenommen hätten.
Man kann kritisieren so viel man will, der Film erreicht genau das was er erreichen soll: Man beginnt zu denken, eigene Schlüsse zu ziehen - das Thema wird im Freundeskreis diskutiert. Wichtig sowohl bei uns, wie auch vor den anstehenden Wahlen in den USA.
Ein Film gegen Politikmüdigkeit und schlechte Wahlbeteiligung. Ein Pflichtfilm für alle politisch Interessierten und für alle Gemeinschaftskunde-Schüler.
(10/10)