Review

Die Tagline bringt es schon an den Tag, hier will ein Film partout mit David Finchers „Sieben“ konkurrieren. Ein neues Nirvana für alle, die sich seit dem Kopf im Postpaket nicht mehr so richtig gegruselt haben.
Ein mutiges Unterfangen, solche Ansprüche können über den Kopf wachsen, vor allem wenn es sich um einen relativen Low-Budget-Film und noch dazu um ein Regiedebut handelt.

Glücklicherweise kann man konstatieren, daß es gar so schlimm nicht geworden ist, im Gegenteil, die Macher von „Saw“ können sich an die Brust heften, daß sie so ziemlich in derselben Liga spielen, wenn auch nicht gleich in der Champions League! Immerhin ist „Saw“ das geworden, was sie wohl beabsichtigt hatten, eine rücksichtslose Nerven- und Psychomühle, die die Urängste des Publikums, einem grausamen Schicksal ausgeliefert zu sein mit der Kettensäge angeht. Wer bei dieser Tortur ganz meditativ entspannt an seiner Ein-Liter-Cola nuckelt, der wirft vermutlich auch Aufputschmittel wie Smarties ein – insofern ist der Kuchen gelungen.

Hübsch klaustrophobisch schon der Anfang, die Ausgangssituation, die zwei sich scheinbar fremde Männer in einem abbruchreifen Toilettenraum größerer Sorte konfrontiert. Beide wissen nicht, wie sie dorthin gekommen sind, aber sie sind per Fußfessel an stabile Rohre gekettet, in der Mitte des Raums liegt eine blutige Leiche und in der Hand hält sie ein Abspielgerät für die Tonbandkassetten, die beide in ihrer Kleidung finden. Die Bühne für ein mörderisches Psychospiel....

Sicherlich, die Idee von dem perversen Psychokiller, der mit sadistischen Einfällen seine Opfer malträtiert, ist nicht neu, aber hier höchst effektiv eingesetzt. Der Zuschauer wird in die Situation hineingeworfen, wie die Protagonisten selbst, muß sich per Erzählungen/Rückblenden mit den Hintergründen und Geschichten der Delinquenten auseinandersetzen und weiß nicht mehr als sie, bzw. als sie preisgeben. Die permanente Unsicherheit, die Verdächtigungen und das Belauern werden noch verstärkt durch die schier unlösbare Aufgabe, daß der Eine, ein Arzt, den anderen umbringen muß, um sich und seine Frau und sein Kind zu retten, während der Andere, von Beruf Fotograf das irgendwie verhindern muß. Ein Killer, der nicht tötet, sondern seine Opfer dazu bringt, sich selbst umzubringen, das hatten wir noch nicht so oft.

Um die Intensivität der Situation nicht zu brechen, ergänzen somit zahlreiche Rückblenden den Informationsstand des Zuschauers. Die Vorgeschichten der Protagonisten und die bisherigen Taten des Killers machen damit aber das Bild nicht kompletter, sondern bergen nur grausame Details. Drei grauenhaft brutale Rückblenden (wobei sich trotz eines gewissen Gore-Gehalts der Bilder der Splatteranteil deutlich in Grenzen hält) enthüllen, wozu der Killer fähig ist und bieten mit einem Cop-Duo sogar noch eine Art sicheres Gegenstück für den Zuschauer, welches sich aber Stück für Stück in Wohlgefallen auflöst, weil die beiden Polizisten mehr an der persönlichen Abrechnung mit dem Killer interessiert sind, als an der gewissenhaften Verhaftung des Täters.

Der Look des Films orientiert sich dabei am stärksten an „Sieben“, der keimige Abbruckschick der meisten Interieurs, bräunlich-graue Farben, Dreck und Vergilbtheit an allen Ecken und Ende, fast nur künstliches Licht, welches noch dazu meistens wenig erhellend daherkommt.
Dennoch muß man auch den Schwächen des Films ins Gesicht sehen. Zum einen fehlt es „Saw“ an dem intellektuellen Unterbau von Finchers Film, der nötigen psychologischen Raffinesse, der Tiefe der Charaktere. „Saw“ zoomt sofort ran, wirft alles ins Geschehen, bietet zwar nicht nur Oberflächenreize, verläßt sich aber verstärkt auf das Adrenalin der Situation.
Dann funktioniert das Halten der Spannungskurve über die Rückblenden nur bedingt. Zwar sind die vorherigen Opferszenarios mitreißend, aber die späteren Einschübe über das Schicksal des Cops, den Danny Glover darstellt und das Familienleben des Arztes (Cary Elwes) eher bremsend, als daß sie die Spannung weiter ausbauen. Auch scheint man den Film verstärkt von hinten (vom Klimax) her aufgebaut zu haben, so daß gerade im exzessiven Showdown so manche Handlung der Figuren im Nachhinein etwas bemüht erscheint, um den finalen Schlußgag zu generieren, der zwar wirklich finster ist, auf den man aber (dank der Synchronstimmen gewisser Figuren) trotzdem wartet, ohne zu wissen, wie er aussehen wird.

Schwächen gibt es ferner im psychologischen Aufbau der Figuren, denn der Film melkt seine Grundsituation zwar ausreichend, aber nicht erschöpfend und wenn Elwes am Ende einen Heulkrampf aus dem Nichts bekommt, dann provoziert das doch etwas albernes Gelächter, da der Charakter ansonsten relativ überlegt agiert.
Fehlen so noch ein paar Feinheiten, die man jedoch durchweg auf das Drehbuch zurückführen kann, so schafft es der Film dennoch, den Zuschauer in den Sitz zu drücken, allein durch die schiere Wucht der Ausweglosigkeit und der bösen Überraschungen, die nach und nach und später immer schneller ans Licht kommen. Hätte man jetzt noch das Ausfeilen der Figuren ein wenig besser hinbekommen, wäre es ein vollendeter Genuß geworden.
So bleibt der Film weitestgehend mechanisch, aber dennoch aufputschend und adrenalinfördernd.
Und nicht zuletzt schwarz und böse. Infernalisch böse und so schwarz wie das Weltall. Soll fortgesetzt werden! So schnell wie möglich (8,5/10)

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