Review

Vor fast genau 10 Jahren erlebte der Psychothriller mit "Sieben" seine letzte grosse Glanzstunde. Schockierende Bilder, düstere Atmosphäre und ein Storytwist, den man erstmal verdauen musste. Seitdem stagniert das Genre wie kaum ein zweites, versuchte man doch verzweifelt, die Qualität von Finchers Meisterwerk zumindest ansatzweise zu erreichen - mit bisweilen entäuschenden Plagiaten. Doch nun kommt Nachwuchsfilmer James Wan und liefert mit "Saw" den Beitrag ab, auf den Filmfreunde so lange warten mussten.

Larry und Adam wachen in einem versifften Waschraum auf. An die Wand gekettet, in der Mitte des Raumes eine Leiche. Sie wissen nicht, wie sie dort hingekommen sind, noch was sie dort sollen. Erst nach und nach stellen sie fest, dass sie die Opfer eines Serienkillers geworden sind, der sie dazu bringen will, sich gegenseitig zu töten. In Rückblenden und Parallelhandlungen fügt sich dass Muster des sadistischen Spiels langsam zusammen.

Langsam genug, dass man als Zuschauer nie den Überblick verliert, denn obwohl es zwischenzeitlich doch etwas gemächlicher zugeht, verliert sich die Handlung nie in Belanglosigkeiten. Im Gegenteil: Je mehr es gen Ende zusteuert, desto intensiver und nervenaufreibender entwickelt sich das Szenario. Als Zuschauer erhält man die nötigen Informationen über die Protagonisten und den Killer in einer gut getimten Reihenfolge, sodass der Blick für andere wichtige Hinweise oftmals geschickt verdeckt wird. Somit gelingt den Machern hier ein seltenes Kunststück: Absolute Unvorhersehbarkeit über die gesamte Lauflänge. Ein Aspekt, den man lange missen musste.

Beinahe schwarzhumorig erscheinen dagegen die bizarren Einfälle, mit denen der Killer, im Abspann als "Jigsaw" bezeichnet, seine Opfer malträtiert. Die sadistische Fantasie kannte hier scheinbar keine Grenzen. So abgrundtief böse und vor allem blutig waren die bewegten Bilder in einem modernen Thriller selten. Dass hier für ein R-Rating geküzt werden musste , ist kaum verwunderlich.

Schauspielerisch wird hier eher auf Sparflamme gekocht: Cary Elwes und Leigh Whannel liefern insgesamt souveräne, aber nicht immer überzeugende Vorstellungen ab, was vor allem in den emotionaleren Szenen zum Vorschein kommt: Wenn Elwes beispielsweise in theatralischer Weise um seine Familie bangt, will sich einfach kein echter Schockmoment einstellen - nimmt man ihm die Rolle des Familienvaters doch ohnehin nur mit Zähneknirschen ab. Überzeugender bringt da schon Danny Glover seine Rolle als geläuterter Polizist rüber.

Mit "Saw" schuf James Wan endlich wieder einen innovativen, einen fesselnden Thriller, der seine Spannungskurve von Anfang bis Ende beibehält und auch abgebrühte Zuschauer noch richtig gut zu schockieren weiss. Ein zukünftiger Klassiker, der sich hinter seinen grossen Vorgängern nicht zu verstecken braucht.
Bleibt nur zu hoffen, dass wir auf ein solches Kinoerlebnis nicht nochmal zehn Jahre warten müssen.

9/10

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