Review

Als ich vor einigen Monaten im Internet den ersten Teaser-Trailer des Thrillers „Saw“ entdeckte, war meine Neugier angesichts des Gesehenen augenblicklich geweckt:
Eine junge Frau erwacht aus der Bewusstlosigkeit und findet sich in einem düsteren Raum mit einem bizarren Helm auf dem Kopf wieder, der fest mit ihrem Kiefer verbunden ist und sich nicht ablösen lässt. Neben ihr springt plötzlich ein Fernseher an, und eine groteske Puppe verrät ihr mit verzerrter Stimme, dass ihr der Helm den Kopf nach Ablauf eines Countdowns in der Art einer umgekehrten Bärenfalle aufreißen würde – es gäbe jedoch einen Schlüssel zum Öffnen des Schlosses, doch der befände sich im Magen ihres toten Zellengenossen.
Es folgt eine kurze Demonstration der Falle, die Frau erhebt sich vom Stuhl, die Zeitschaltuhr wird aktiviert. Panik und hämmernde Musik setzt ein, die Kamera fährt im Zeitraffer einige Male um sie herum – bis sie zu dem leblosen Körper hinüberstolpert, ein Messer und ein auf dem Bauch des Mannes aufgemaltes Fragezeichen entdeckt. Die Sekunden verrinnen, sie setzt zum Stoß an – da öffnet der Mann die Augen … „How sick ist that?!“, heißt es dann im Teaser, worauf der Filmtitel eingeblendet wird.

Zwei weitere Trailer und einige Zeit später bot mir das Fantasy-Filmfest 2004 schließlich (nach sich stetig steigernder Vorfreude) die Möglichkeit, den Debütfilm des Kurz- und Musikclipfilmers James Wan zu beäugen – meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht, denn „Saw“ ist ein zutiefst verstörender, einfallsreicher, unangenehmer und vor allem extrem spannender Thriller, der dem Serienkiller-Genre neue Impulse bietet und sich dabei strikt dem formelhaften Mainstream verweigert.

Zwei Männer (Cary Elwes und Leigh Whannell) erwachen in einem kargen und verdreckten Raum, jeweils an gegenüberliegenden Wänden mit einer Fußkette an Rohre gefesselt – in ihrer Mitte liegt eine blutüberströmte Leiche mit Pistole und Diktiergerät in Händen. Mit der Zeit entdecken die beiden einige Botschaften und Hinweise – unter anderem eine Säge, mit der man jedoch keinen Stahl schneiden kann, wie auch die Nachricht, dass einer der Männer sein Gegenüber innerhalb weniger Stunden töten muss, ansonsten müssten seine Frau und Tochter sterben…
Parallel dazu wird die Geschichte eines vom Ehrgeiz besessenen Cops (Danny Glover) erzählt, der genau jenem perversen Killer auf der Spur ist. Dieser tötet aber nie selbst, sondern gibt seinen Opfern immer eine makabere Chance, ihr Leben doch noch zu retten (siehe oben) – meist jedoch vergebens…

Mehr möchte ich gar nicht von der Geschichte preisgeben, denn sie zieht ihre Spannung aus dem Aufdecken immer neuer Puzzleteile, die sich erst am Ende nach und nach zusammenfügen lassen. Hauptaugenmerk ruht auf die beiden Männer in ihrem Gefängnis, und während der Countdown stetig abläuft, werden diese Szenen immer wieder durch die Parallelhandlung oder Rückblenden auf verschiedenen Zeitebenen unterbrochen.
Morbide Faszination schöpft der Film zudem aus dem Auftreten des „Jigsaw“-Killers und seiner Vorgehensweise: Allein die Puppe ist herrlich bizarr und creepy, die Fallen grausam und krank konzipiert, der Mörder selbst, mit seinem schwarzen Umhang und der Schweine- oder Fratzenmaske, auch optisch eine gelungene Bereicherung für die Riege der interessantesten Maniacs der Filmgeschichte.

Die Darsteller spielen allesamt gut, aber keiner ragt wirklich heraus: Cary Elwes („Days of Thunder“) kann bei seinen kammerspielartigen Szenen zusammen mit Leigh Whannell (der zusammen mit Regisseur Wan das Drehbuch verfasste) überzeugen, Danny Glover („Predator 2“) spielt den Cop mit der nötigen Erfahrung und Ausstrahlung. Monica Potter („along came a Spider“) hat die etwas undankbare Rolle der Ehefrau und Geisel übernommen, bleibt aber genauso positiv in Erinnerung wie die Kurzauftritte von Dina Meyer („Starship Troopers“) als Kriminologin oder Shawnee Smith („the Blob“, das Remake) als oben erwähntes Opfer in der Sequenz mit dem Helm.

Natürlich hat James Wan einige Stilmittel von David „Se7en“ Fincher übernommen (es regnet aber kein einziges Mal im Film!), doch in Kombination mit seinen eigenen Clip-Erfahrungen schafft er es, eine atmosphärisch dichte Inszenierung hervorzubringen, die man fast als eigenständig bezeichnen kann, schließlich wartet der Film auch inhaltlich mit einigen neuen Ideen auf. Die finale Auflösung kommt überraschend und genial daher, legt aber kleinere Logikschwächen offen, die man in meinen Augen jedoch nicht allzu sehr auf die Waagschale legen sollte. Insgesamt wurde das Skript hervorragend durchdacht – clever, kreativ, effektiv. Die Inszenierung und das Produktionsdesign liegen auf hohem Niveau, vor allem gemessen am nicht gerade üppigen Budget dieser Independentproduktion.

Fazit: „Saw“ ist ein düsterer, harter und bis zur letzten Sekunde kompromissloser Thriller, der extrem spannend, bizarr und atmosphärisch umgesetzt wurde. Ich bin jetzt schon gespannt darauf, was uns Regisseur Wan als nächstes präsentieren wird …
9 von 10.

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