Der Titel “Pickpocket” (englisch für Taschendieb) verursacht beim Zuschauer die Assoziation, dass es sich bei dem Film um einen Kriminalfilm handeln könnte. Um dieser Erwartungshaltung entgegen zu wirken, beginnt der Film mit einem Vorwort, das vom Autor, also Bresson selbst, stammen muss:
Dies ist kein Kriminalfilm.
Ziel des Autors ist es,
in Bild und Ton darzustellen,
wie ein junger Mensch
ins Verderben gerissen wird.
Durch seine Schwäche
wird er zum Taschendieb.
Dafür war er nicht geschaffen.
Doch auf seltsamen Wegen
finden dadurch
zwei Seelen zueinander,
die sich sonst
wohl nie begegnet wären.
Bevor der Film überhaupt begonnen hat, erzählt der Autor also schon, was während des Films passieren wird. Diese Struktur findet sich allerdings auch im eigentlichen Film wieder. Hier dienen Tagebucheinträge des Protagonisten Michel dazu, in regelmäßigen Abständen Szenen zu beginnen.
Zusätzlich zu dieser visuellen Information wird der geschriebene Text auch noch vorgelesen.
Der Protagonist tritt aber auch teilweise außerhalb der Tagebucheinträge als Erzähler in Erscheinung. Er spricht aus dem Off zum Zuschauer und berichtet diesem über seine Gedanken und Gefühle.
Eine Maßnahme, die nicht zuletzt dadurch erklärt wird, dass Bresson Wert darauf gelegt hat, dass seine Schauspieler (er nannte sie Modelle) eben nicht spielen sondern eher sind.
Bereits das erste Bild, das sich der Zuschauer vom Protagonisten machen kann, zeigt ihn mit einem Gesichtsausdruck, an den sich der Zuschauer besser gewöhnen sollte. Selbst bei der Beerdigung seiner Mutter kann man kaum eine Emotion in Michels Gesicht erkennen.
Bressons Intention hinter dieser Emotionslosigkeit war, dass der Zuschauer sich weniger mit den Figuren identifiziert sondern viel eher mit seiner Idee, die er zu kommunizieren versuchte.
Diese Distanziertheit zu den Personen lässt sich auch anhand der gewählten Bildausschnitte beobachten. Die Kamera bleibt immer auf Distanz zu den Figuren.
Close Ups von Gesichtern gibt es den ganzen Film über keine.
Die wenigen Close Ups, die im Film benutzt werden, sind ausschließlich Detail-shots, aber nie von Personen. Es handelt sich dabei meist um Aufnahmen von Taschen, Geldbörsen etc..
Während also Schauspiel und Kameraführung darauf bedacht sind, möglichst emotionslos zu sein, bemüht sich die Montage, an einigen Stellen, das Tempo aus dem Film zu nehmen. Ein vom Zuschauer erwarteter Schnitt lässt auf lange auf sich warten. Nachdem beispielsweise Michel den Frame bereits verlassen hat, bleibt die Kamera doch noch einige Sekunden auf das Motiv gerichtet, ohne dass eine Aktion stattfinden würde. Die Einstellung, die darauf folgt, beginnt ebenfalls bereits bevor Michel den Frame betritt und wartet auf sein Erscheinen.
Der Film erzählt eine Geschichte über Freiheit und Unfreiheit. Diese Thematik findet sich auch stark in der Bildgestaltung wieder. Gitter und ähnliche an ein Gefängnis erinnernde Elemente finden sich immer wieder im Bild.
Doch am deutlichsten lässt die Visualisierung seiner Unfreiheit wohl an seinem Zimmer beobachten: Es ist klein, es ist eng und sogar die Fenster scheinen vergittert zu sein.
Fazit: Pickpocket ist kein Film, der unterhalten will, wenigstens nicht in erster Linie. Laiendarsteller, Emotionslosigkeit und eine distanzierte Kamera tragen nicht dazu bei, dass der Zuschauer sich mit den Figuren identifizieren kann. Der Blick soll nicht durch Emotionen oder Spannung von der eigentlichen Handlung und deren tieferer Aussage abgelenkt werden. In der Tradition von Brechts epischen Theater wird versucht, den Zuschauer zum Nachdenken anzuregen. Da die Handlung stets distanziert von den handelnden Personen ist, lässt sie sich auch losgelöst von ihnen betrachten.